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Zum Film „Der sechste Juli“

Zum Film „Der sechste Juli“

V.Tkačev

 

Der Film „Der sechste Juli“ (Regisseur: Ju. Karasik wurde nach dem gleichnamigen Theaterstück von M. Šatrov gedreht. Als wissenschaftlicher Konsultat wirkte Prof. Dr. phil. habil. Vladlen Terent’evič Loginov, Experte für die Geschichte der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges, einer der bekanntesten Leninforscher.

In der UdSSR haben Verfilmungen und deren Erscheinen (machmal auch nicht) über die Revolution und Lenin die historischen Bedingungen reflektiert. Bei jedem Film konnte man feststellen, wer zu diesem Zeitpunkt an der Regierung war. Der Film „Der sechste Juli“ kam unter Brežnew in Umlauf, doch die Darstellung Lenins und seine Interpretation lassen darauf schließen, dass der Film den Atem und die Gedanken des Tauwetters in sich trugen.  

Jurij Kajurov brachte einen für den sowjetischen Film und die damale Zeitschriftenliteratur ungewöhnlichen Lenin auf die Leinwand. Das war ein Lenin, der auf die Geschehnisse nicht wie im Theater mit Konzilianz reagierte, sondern mit wirklich menschlichen Gefühlen. Kajurovs Lenin ist hier wie Hamlet: obgleich er genau weiß, dass es nur eine Antwort gibt, ist es für ihn ein wahrhaft tragisches Dilemma.

Extremale Bedingungen sind in einem schlechten Jahr offensichtlich typisch. Aber hier befindet sich eine ganze Partei auf einem Sowjetkongress [Es handekt sich um den V. Gesamtrussischen Kongress der Sowjets der Arbeiter-, Bauern-. Rotarmisten und Kosakenkondeputierten, der am 4. Juli 1918 in Moskau eröffnet wurde.] buchstäblich auf einem Scheideweg. Interessant ist, dass sich Lenin in diesem Film nicht so verhält, wie dies für einen Politiker von großer historischer Bedeutung typisch ist. Das Wichtigste ist für ihn nicht die Unterstreichung seiner politischen Autorität, sondern des Parteiprinzips. In den ersten Szenen, die den Abschluss des Friedens betreffen, ist er es praktisch allein, der auf dem Abschluss des Friedensvertrages besteht. Er drängt nicht mit lauten Worten, übt auf jene, die nicht einverstanden sind, auch keinen Druck aus, sondern erläutert beharrlich den wesentlichen Gedanken. Er versucht immer wieder, Klarheit zu schaffen, er legt die wesentlichen Teile des Gerüsts der Revolution verständlich dar und versucht, mit seinen Erläuterungen, Verständnis zu Gunsten des Abschlusses des Brester Friedens zu erreichen. Dabei handelt es sich um die Bedingungen, vor denen die Partei steht, vor denen er auch selbst als Begründer dieser Marxime steht.

Diese demokratischen Mechanismen der Macht Lenins sind früher von niemandem aufgezeigt worden. Im Aufbau des Films ist Kajurovs Lenin fest im Kreise anderer führender Mitglieder der bolschewistischen Partei verankert, das Wort „Partei“ ist immer in unserer Nähe. Wenn wir von anderen Darstellungen Lenins in Spielfilmen sprechen, haben wir als Vergleich vor allem jene Art von Filmen im Auge, wie sie in der Stalinschen Epoche üblich waren, wo Lenin (zusammen mit Stalin) die einzige agierende führende Persönlichkeit war. Und um ihn herum gab es neben Totenstille nur die begeisterten Massen der Partei. Personen, die in Filmen zugelassen waren, gab es nur wenige – z.B. Dzeržinskij und Sverdlov. Die ermordeten Trotzki, Zinov’ev, Bucharin und Kamenev wurden nicht gezeigt; sie wurden höchstens in negativem Sinne erwähnt. Und unter Stalin hat man in AgitProp-Art Lenin sogar die Worte in den Mund gelegt, dass es gut wäre, sie zu erschießen. Die gesamte Leniniana befand sich in Berijas Kerkern. Plötzlich aber, in den 1960-er Jahren, lässt der Sowjetfilm das Parteiprinzip auferstehen. Und obgleich die Namen der Erschießungslisten nicht veröffentlicht werden durften, schreibt Šatrov Szenarien für Film und Theater, mit denen er eine alternative Lenindarstellung beginnt.

Und jetzt ging es auch noch darum, Schauspieler zu finden, die einen solchen Lenin im Film darstellen konnten. Diese Rolle wurde Kajurov übertragen. Er hatte das richtige Gefühl für einen neuen Lenin, für einen Lenin in einem historischen Drama. Die Persönlichkeit Lenins musste auf neue Weise durchdacht werden.

Wie hat sich Kajurov darauf vorbereitet? Er kannte Lenins Werke (nicht nur aus seinen Studentenjahren), was man von jenen, die heute damit zu tun haben, kaum erwarten kann. Er sah hinter den vielen schönen Bildern und Postkarten einen anderen Lenin, ohne grotesk wirkende Züge. Dazu hatte er in einem Interview gesagt: „Ich habe einmal die Aufzeichnung eines Kurzfilms gesehen, in dem Lenin im Original zu sehen war. Er machte auf mich auf der Leinwand den Eindruck eines sehr charmanten, lebendigen, nachdenklichen Menschen.“ Einem heutigen Zuschauer ist ein solcher Lenin gar nicht bekannt. Intellekt, Inhaltsreichtum, die Persönlichkeit eines erfahrenen Kämpfers, seine Reaktionen angesichts notgedrungen erlebter Gewalt, das Gefühl der Ungerechtigkeit bei bestimmten Geschehnissen, das Bedürfnis. sich mitzuteilen und mit sich und der Partei im Klaren zu sein – das alles passte gar nicht zu jenem Lenin, den wir zu einem Sonderling gemacht hatten. Dreh- und Angelpunkt waren für ihn die Revolution und ihre Erfordernisse. Darin liegt bei ihm der Gleichklang mit der Geschichte, ihre Unabwendbarkeit. Das war so, wie Gor’kij sagte: „Er hat oft über Geschichte gesprochen, doch ich habe bei ihm nie eine fetischistische Verbeugung vor ihrem Willen und ihrer Kraft gefunden.“ Das heißt, das wichtigste Gefühl war für ihn als Intellektueller nicht Fatalismus. Und darin besteht sein Vorzug gegenüber anderen Oppositionellen (z.B. gegenüber den linken Sozialrevolutionären). Diese neigen zu Hysterie und handeln wie vorprogrammierte Marionetten.

In den Händen Lenins ist Geschichte wie weiches Wachs; seine Hände sind weder richtig durchtrainiert noch sind sie ungelenk. Die Revolution aber gleicht einem Igel mit spitzen Stacheln, und unter diesen Bedingungen setzen er und seine Partei ihr Leben aufs Spiel. Die wichtigste Eigenschaft des von Kajurov dargestellten Lenin ist das Gefühl für die Geschichte. Lenin ist kein Illustrationsobjekt, nicht irgendein interessanter Mann, sondern ein Politiker, ein Denker. Die Revolution ist kein Feiertag mehr, sondern Verpflichtung und Anstrengung. Nur so können wir sie in all ihrer Fülle spüren. Für das revolutionäre Epos und den Sowjetfilm ist ein solches Leninbild wie im Film „Der sechste Juli“ ein großer Triumph.  

P.S.

Der Film über den von Kajurov dargestellten Lenin offenbart aber auch noch einen weiteren Wesenszug , über den sich Lenin selbst nie beschwert hat und den er wohl auch kaum an sich verspürt hat. Das ist ein Gefühl von Einsamkeit, — etwa wie die Verschlossenheit eines Kindes. Menschen aus Lenins näherer Umgebung, Genossen in der Partei, selbst Feinde können sich irgendwie an seine Freunde erinnern. Es gibt da irgendeinen großen Unterschied zwischen dem, wie sich Lenin selbst und wie sich andere Menschen verhielten, wenn dort noch weitere Personen zugegen waren.

Lenin erklärt in dem Film: “Menschen sind kein Reisig zum Feuer anzünden“, — und er selbst verbrennt und stirbt viel zu früh.
Der Film hinterlässt das Gefühl, dass sich die Hauptpersonen des Films nicht nur wegen der Tragödie des Volkes der Revolution angeschlossen haben, sondern auch wegen persönlicher Tragödien. All das bringt mich auf den Gedanken, dass das wichtigste Vermächtnis von Šatrovs Dramaturgie als Erscheinung der 1960-er Jahre darin besteht, dass sich nur jene der Revolution anschließen sollen, die sowohl zu kollektiven als auch zu persönlichen Gefühlen fähig sind.