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Revolution. Abriss der Theorie

Übersetzung aus dem Russischen. Dr. sc. phil. Ruth Stoljarowa 8/17

 

Einführung

Revolution. Abriss der Theorie 1



Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.



Karl Marx, Friedrich Engels

Manifest der Kommunistischen Partei

Revolution

Dieses Wort war und bleibt für mich bedeutend mehr als nur eine Kategorie der sozialen Philosophie. Es wendet sich nicht nur an den Verstand, sondern auch ans Herz. Es ist zugleich Impuls und Herausforderung für Denken und Handeln. Die Gründe?

Sie liegen in der Geschichte meines Lebens, im Dialog mit meinen Eltern und Pionierleitern sowie im praktischen Kampf gemeinsam mit meinen Ge­nossen, von denen einige im Herbst 1993 ermordet wurden, an­dere schon früh von uns gegangen sind, weil sie sich in der gesellschaftlichen Arbeit überfordert und aufgerieben hatten. So begann ich zeitig zu spüren, dass man handeln muss, um diese Welt zum Besseren zu verändern und um die soziale Entfremdung zu überwinden (hier spricht weniger der Praktiker als der Wissenschaftler).

Unter den Bedingungen jener methodologisch-theoretischen Grundlage. die ich in den Dialogen mit meinen Lehrern – Marxisten der Moskauer Staatli­chen Un­iversität – selbst in der stickigen Atmosphäre der Gesellschaftswis­senschaften des „entwickelten Sozialismus“ wie auch in Dialogen mit Kommu­nisten Euro­pas und Lateinamerikas, der USA und Japans erlebte, das heißt, mit allen, für die die Worte „Revolution“ und „Kommunismus“ eine Auffor­derung zur Tat und kein propagandistisches Schlagwort waren – gab es Wurzeln, die es ver­mochten, in mir die Neugier für eine kritische, schöpferische Suche nach den Keimen des „Reichs der Freiheit“ wach zu halten.

So wuchs in mir jenes Verständnis für die Revolution, über das ich bereits vor zehn Jahren in einem Buch anlässlich des 90. Jahrestages der Oktoberrevo­lution geschrieben hatte2 und das ich dem Leser auch jetzt noch empfehlen möchte, nachdem ich die prinzipiellste Frage nach der Theorie der kommuni­stischen Revolution erwei­tert und ergänzt an den Anfang meiner jetzigen Ausführungen gesetzt habe.



1. Revolution: Problemstellung

Der Ausgangspunkt der Theorie der sozialen Revolution (nicht zu verwechseln mit politischen Umstürzen usw.) ist die klassische marxistische These von der sozialen Kreativität der Werktätigen als jene Kraft, die fähig ist, qualitative Sprünge zu verwirklichen, die zum Wechsel sozial-ökonomischer Systeme und deren politisch-ideologischen Formen, d.h. zum Wechsel sozial-ökonomischer Formationen, zu führen.

Die soziale Revolution als solche ist immer ein Akt der Bewegung der Mensch­heit aus dem „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“. Letztlich führt dieser Weg zur dialektischen Negierung, zur Aufhebung der Verhältnisse des „Reichs der Notwendigkeit“ (der Welt der Entfremdung) und zur Schaffung neuer Verhältnisse, zu einer freiwillig arbeitenden Assoziation, in der „die freiwillige Entwicklung eines Jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller“ ist.

Doch das „Reich der Freiheit“, das man übrigens nicht als irgendein absolutes Ideal = Ende verstehen darf, sondern als Anfang der eigentlichen Mensch­heitsge­schichte, wird das Ergebnis des Sieges der kommunistischen Revo­lution sein.

Auf dem Wege dorthin wurden und werden von der Menschheit jedoch nicht wenige soziale Revolutionen vollzogen, in denen sich die Zerstörung des alten Systems und die Schaffung eines neuen stark vermischen. Zum Beispiel: eine in Zeiten der Stagnation nie da gewesene Beschleunigung des sozialen Fortschritts und der hohe Preis dieser Beschleunigung; und neben Siegen von Revolutionen wird es auch Niederlagen geben; und auch Fälle von „Zurückrollen“, Rück­wärts­bewe­gungen, Involution von Umgestaltungen, die in ihrem revolutionären Druck zu weit vorangeschritten sind. Und ein Sieg der meisten der bis heute durchgeführten Revolutionen ließ keine „Reiche der Freiheit“ entstehen, son­dern nur ein neues (objektiv fortschrittliche­res, aber zugleich raffinierteres) System von Entfremdungsverhältnissen.

Und Revolutionen werden auch stets mit Gewalt einhergehen. Nicht immer mit massen­weiser Ermordung von Menschen (die politische Form einer Revolution kann auch friedlich sein), aber immer ist es eine gewaltsame Form der sozialen Entfremdung: der Sturz der Sklaverei oder der Leibeigenschaft, selbst wenn er als politische Reform vor sich geht, ist er ein Sturz der sozial-ökonomischen Grundlage von Formationen, die auf außerökonomischem Zwang und persön­licher Abhängigkeit beruhen. Die Aufhebung von Verhältnissen privatkapita­listi­scher Aneignung ist, selbst wenn dies auf dem Wege des Auskaufs erfolgen würde, eine revolutionäre Liquidierung der wirtschaftlichen Grundlage der kapi­talistischen Produktionsweise.

Revolutionen sind immer äußerst widersprüchlich. Doch ohne sie würde die Welt allmählich in Stagnation geraten und in der Folge in eine Involution, was bedeutend größere Verluste und Tragödien mit sich brächte als der Schmerz revolutionären Fortschritts.

Das ist die Problemstellung. Sie ist allen Marxisten gut bekannt (und hier liegt das Paradoxon – allen handelnden Personen, selbst denen der bürgerlich-demo­krati­schen Revolutionen, die nicht davor zurückgeschreckt waren, die Bastille zu zerstören), und sie ist absolut unrechtmäßig vom Standpunkt aller Philister und diese anbetender Kleinbürger (schon gar nicht zu reden von den Ideologen der regierenden Klasse, deren historische Mission bereits erschöpft ist, oder Ari­stokraten und Monarchen bzw. die Finanzoligarchie und deren bürokratische Pro­tegés).

In dem Maße, in dem uns die Revolution auf dem Wege zum „Reich der Frei­heit“ voran bringt, in dem Maße, wie ihr positiver Antrieb zu sozialer Befreiung und Herausbildung neuer Formen stärker ist als die Zerstörungen und jene Op­fer, mit denen sie sich wehrt, ist die Revolution kreativ. Und jene Tragödien, die sie mit sich bringt, sind dann optimistisch. Wird dieses Maß überschritten, verwandelt sich die Revolution in ihr Gegenteil. Das ist ein ganz ungerader Prozess der sozialen Befreiung, dessen Maß (in der Einheit qualitati­ver, inten­siver und extensiver Veränderungen) als Maß der sozialen Befreiung3 bezeichnet werden kann.

Qualitative Sprünge auf diesem Weg, eine „Knotenlinie von Maßverhältnissen“ (Hegel) sind kennzeichnend für soziale Revolutionen.

Und wenn Sie fragen möchten, ob soziale Revolutionen überhaupt erforderlich sind, wenn sie doch schon bald so widersprüchlich sind, möchte ich Ihnen das alte Axiom in Erinnerung rufen: eine soziale Revolution denkt man sich nicht aus, und sie wird auch nicht von einem Häuflein von Verschwörern gemacht. Eine soziale Revo­lution ist das Produkt objektiver Widersprüche; und Versuche, sie aufzuhalten oder zu bremsen, führen nur zu weit Schlimmerem als das ist, was eine Revolution mit sich bringen kann.

Das ist die Problemstellung auf einem äußerst abstrakten philosophischen Aus­gangs­niveau (bleibt aber dennoch von ganz prinzipieller Bedeutung).

Und jetzt ist es unsere Aufgabe, weiter zu überlegen, wie man von dieser aller­ersten Abstraktion zu immer konkreteren Erkenntnissen des Phänomens „Revo­lution“ gelangt.



2. Die Revolution als „Feiertag der Unterdrückten“: die Dialektik von Aufbau und Zerstörung

Beginnen wir damit, was offensichtlich ist: die Revolution zerbricht das alte System der Institutionen der Entfremdung und zeigt (bis zum Sieg der neuen Produk­tionsweise) wie die Massen einen kurzfristigen Triumph von Bedingun­gen unmittelbarer sozialer Schöpferkraft der Geschichte, neue gesellschaftliche Verhältnisse und damit einen kurzfristigen Sieg des „Reichs der Freiheit“ erle­ben4; (die Rückkoppelung besteht hier darin, dass das “Reich der Freiheit“ als Aufhebung der entfremdeten Determinanten des Lebens des Menschen eine permanente Revolution ist). Im Augenblick der Revolution (und sie kann viele Tage oder stürmische Jahre dauern), wenn das alte Unterord­nungs­system be­­reits zerstört, ein neues aber noch nicht entstanden ist, da wird eben dieser „Feier­tag der Unterdrückten“ geboren, wo man – wie es scheint – die Welt mit eigener Hand so verändern kann, wie man es will — („von der Freiheit trunken sein“).

Während der Dauer der Revolution – das heißt dieses „Feiertags der Unter­drück­ten“, wirken die objektiven Determinanten, die „einschränkenden Fakto­ren“ (und auch die neuen Produktionsverhältnisse, als sozial-politische Institute usw.) schon oder noch nicht. Revolutionen heben die Macht des Geldes, die Bürokratie, die klassen- oder standesbedingte Ungleichheit und sogar die Ar­beitsteilung auf (in der Revolution sind Arbeiter und Professor gleich, und bisweilen zieht Ersterer Letzteren mit).

In diesem Sinne sind Revolutionen Befreiung des Potentials eines anderen (nicht entfremdeten, nicht vom Markt bestimmten und nicht hierarchischen) Lebens in weitestem Raum und in der Zeit. (M. Bachtin hat diese Befreiung mit dem Phä­nomen eines Karnevals verknüpft. Wenn aber Karneval ein Spiel ist, die Imita­tion einer zeitlichen Aufhebung eines Rahmens, so ist Revolution ein echter Feiertag, eine „allgemeine Festivität“. So wurde die Pariser Kommune zum Beispiel von ihren Zeitgenossen beschrieben.)

Als eine Periode der Aufhebung der äußeren Determinanten und völlig freier sozialer Kreativität werden Revolutionen zu einem Feld breiter und tiefgehender Errungenschaften auf dem Gebiet selbst organisierter und neu geschaffener ge­sell­schaftlicher Formen. In diesen kurzen, aber äußerst intensiven Perioden bringen die Bürger durch Initiative von unten so viel Beweise neuer gesell­schaft­licher Beziehungen hervor, wie sie in evolutionären Perioden nicht in Jahrzehnten entstehen.

Das ist auch immer wieder Grund und Folge einer zu anderen Zeiten nie da gewesenen massenweisen Herausbildung von menschlichen Talenten, die in den unterschiedlichsten sozialen Schichten und Berufen versteckt sind. Leutnante und sechzehnjährige Jungen werden gerade in Revolutionen zu Heerführern, Ar­beiter zu Politikern von Weltmaßstab; und sogar auf Gebieten wie Aufklärung und Spionageabwehr sind ehemalige Gymnasiasten und Ingenieure, Schlosser und Ärzte tätig und in der Lage, das zu leisten, was manche professionell Ge­schulte nicht vermögen…

Gerade in Revolutionen entstehen durch die gesellschaftliche Praxis oft neue soziale Formen, die später von Theoretikern lange untersucht und erforscht werden. Die übliche Logik kreativer Tätigkeit scheint sich hier umzudrehen: das theore­tische Modell und seine praktische Umsetzung entstehen fast gleichzeitig (Beispiele dafür – die Pariser Kommune, die ersten Sowjets in Russland 1905, die Erfahrungen der UdSSR mit allen ihren Widersprüchen und sogar die heu­tige alterglobalistische Bewegung – sind gut bekannt).

Doch diese mächtige soziale Energie trägt unweigerlich auch entgegengesetztes Potential in sich, was offensichtlich ist: Laut Definition ist eine Revolution im­mer ein Prozess der Zerstörung des alten Systems. Es ist allgemein bekannt (jedenfalls für jeden Kenner des klassischen Marxismus, was wir einleitend zu diesem Problem schon kurz erwähnt hatten), dass in der Revolution im Prinzip die alten, überlebten sozialen Formen zerstört werden müssen (Produktions­verhältnisse, wirtschaftliche und politische Institute, soziale Gradationen, ideo­logische Stereotype usw.). In der Praxis zerstören die Revolutionen jedoch fast immer zugleich auch Produktivkräfte, einige Elemente der Kultur und löschen auch Menschenleben aus. Es wäre falsch, wenn man dafür nur die Revolutionen verantwortlich machen würde: in den meisten Fällen sind diese Zerstörungen auf den Widerstand der alten Welt zurück zu führen, die Terror und Krieg provo­ziert. Doch auch die Revolution trägt unweigerlich zerstörendes Potenzial in sich. Zusammenfassend kann hier hinsichtlich des Subjekts der assoziierten sozialen Kreativität einer Revolution schon bei der ersten Annäherung ein bestimmtes Maß zerstörender und kreativer Faktoren der Revolution festgestellt werden.5

Erstens: Je höher,[1.] stärker, barbarischer und mächtiger das System der Ent­fremdung war, und [2.] je verzweifelter der Widerstand einerseits war, je nie­driger [3.] das Niveau der Selbstorganisation und der [4.] Kultur der revolu­tionären Massen war, – desto größer [5.] sind die Spontaneität und der Einfluss [6.] der entfremdeten Motive des Kampfes (wie „stiehl das Gestoh­lene“), die für den von dem alten spießbürgerlichen System „Beleidigten“ charakteristisch sind, – desto geringer [7.] werden die Motive des Kampfes (sowohl objektive wie subjektive) für die unmittelbare soziale Befreiung sein, und desto mehr [8.] „werden auch die Revolutionäre vorauseilen“ hinsichtlich der objektiven Mög­lichkeiten, neue Verhältnisse zu schaffen.

In dem Maße, wie derartige Züge für den revolutionären Prozess charakteri­stisch sind, wird dieser zerstörerisch und barbarisch werden und nicht nur auf die Vernichtung der alten Formen der Unterdrückung gerichtet sein, sondern auch auf deren materielle und kulturelle Grundlagen, sowie (und das ist das tragischste Element einer zur Revolte ausartenden Revolution) – auf mensch­liche Leben. In einem solchen Fall muss aber jeder, der über solche zerstöre­rischen Handlungen urteilt, die Frage stellen: Wer hat die Massen denn in einen derartigen Zustand getrieben, wenn nichts als ein Schutt und Asche hinterlas­sender Ausbruch die sozialen Widersprüche lösen kann? Und hier hat A. Blok wirklich mehr als Recht, wenn er der „raffinierten“ Intelligenz vorhält, dass die Bauern, indem sie Landgüter in Brand setzten, nicht nur Kulturdenkmale ver­nichtet haben, sondern auch den sozialen Boden ihrer Unterdrückung und Ver­sklavung (also – den Ort und ein Symbol ihrer Erniedrigung, Ausraubung und Schmach.)

Und die Revolution wird umso stärker kreativen und befreienden Charak­ter tragen, je mehr das alte System verfault [1.] ist (je tiefer die objektiven Wi­dersprüche sind), und [2.] je schwächer die herrschende Klasse ist („die Ober­schichten können nicht mehr auf die alte Art und Weise regieren“); je tiefer die Gesellschaft in der Krise steckt [3.] („die Unterschichten nicht mehr auf die alte Weise leben wollen“), aber zu sozialen Umgestaltungen bereit sind, sowohl materiell [4.] (es sind genügend objektive sozial-ökonomische u.a. Vorausset­zungen für die Genesis eines neuen Typs gesellschaftlicher Organi­sation vor­handen) – wie auch [5.] geistig (die Revolution wird von einem bedeutenden Teil der kritisch denkenden Bürger und der kreativen Intelligenz gewollt, und es ist eine vorrevolutionäre Atmosphäre in der Kultur und im gesellschaftlichen Bewusstsein vorhanden); und je stärker das revolutionäre Subjekt [6.] der revolutionären Veränderungen seine konstruktiven Ziele begreift (sich aus einer Klasse-an-sich in eine Klasse-für-sich verwandelt), und folglich [7.] je stärker die gesellschaftlichen Formen der Selbstorganisation dieses Subjekts vorbe­reitet sind (die revolutionären Kräfte organisiert und vorbereitet sind zu sozialer Kreativität, und inwieweit sie genügend kräftige „soziale Muskeln“ haben) plus [8.] je mehr Kultur die revolutionären Kräfte besitzen, (je weiter der „soziale Intellekt“ der Revolution entwickelt ist).

Wir wiederholen nochmals: je weiter diese objektiven und subjektiven Voraus­set­zungen entwickelt sind, die jeder Marxist gut kennt6, desto friedlicher und weniger zerstörerisch wird die Revolution verlaufen (für den Menschen, seine Produktiv­kräfte und Kultur).

Diese „Formel“ hat jedoch sehr beschränkte Bedeutung, denn Revolutionen sind historische Ereignisse, und sie finden nicht in dem Augenblick statt, zu dem sie von der einen oder anderen Partei in ausreichendem Maße vorbereitet sind, son­dern sie hängen objektiv vom Willen und vom Wunsch bestimmter politischer Kräfte ab.

Die Aufgabe der Revolutionäre besteht also nicht darin, eine Revolution „nach Regeln“ durchzuführen, sondern darin, die reale Dialektik der entstehenden und sich entwickelnden revolutionären Ereignisse zu verstehen, die „Algebra (wir würden sagen, die höhere Mathematik, die sehr komplizierte Dialektik) der Re­volution“, die revolutionären Kräfte und die Gesellschaft maximal auf die heran­nahenden Erschütterungen vorzubereiten, und – soweit dies objektiv mög­lich ist – den Grad der Bewusstheit und Organisiertheit der revolutionären Kräf­te zu heben und (wie ein geübter Geburtshelfer) zu einer schmerzlosen Geburt des neuen sozialen Organismus beizutragen. Und hier können Unentschlos­senheit und Verspätung nicht minder gefährlich sein als zu große Eile.

Mehr noch: da jede Revolution praktisch unter Bedingungen entsteht, da durch­aus nicht alle notwendigen und ausreichenden Bedingungen für ihre schmerz­lose Durchführung vorhanden sind, besteht die große Mission und Verantwor­tung der revolutionären Kräfte darin, dafür zu sorgen, dass es ihnen gelingt, die noch fehlenden Elemente des neuen Gesellschaftsge­bäudes im Prozess der revolu­tionären Ereignisse „hinzu zu bauen“.

Und in diesem Sinne muss man der „leninschen Garde“ bestätigen, dass sie den notwendigen Mut und die Verantwortung besaß, als sie sich unter den kompli­zier­ten Bedingungen der Krise des Russländischen Imperiums entschied, eben diesen Weg zu gehen und dass sie beschloss, die Interessen und Aktionen der breitesten Massen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern der Welt zur Revolution erhoben hatten, nicht aus Vorsicht oder Angst – wie die Menschewiki – zu verraten; eine andere Sache ist es, dass es den Bolschewiki nicht gelungen ist, diese Linie des „Hinzubauens“ der Voraussetzungen der Revolution nach dem politischen Umsturz durchzuhalten: sie haben im Kampf eine Niederlage erlitten… gegen ihr Alter ego, den Mutationen des Sozialismus. Übrigens war der mutante Sozialismus zusammen mit der Niederlage und der Tragödie der Bolschewiki noch eine Großtat, es war eine Großtat all jener, die aus der Oktoberrevolution hervor­gegangen sind und das 20.Jahrhundert zu einer Epoche des Kampfes für den Sozialismus im Weltmaßstab gemacht haben.

So wird die soziale Revolution in dem Maße, wie es nicht gelingt, ihre Voraus­setzungen „hinzuzubauen“ (oder wo es objektiv nicht möglich ist, wegen Feh­lens von Voraussetzungen eine neue Gesellschaft zu erschaffen) unweigerlich entweder in eine Konterrevolution entarten und es wird zur Wiederherstellung der früheren Ordnung bzw. zum Entstehen einer mutanten Art der neuen Gesell­schaft kommen, die inadäquate objektive und subjektive Bedingungen hervor­bringt (solche, wie zum Beispiel eine Entartung der revolutionären Kräfte, einen „Thermidor“).

Beispiele einer derartigen Mutation sind nicht nur die stalinsche UdSSR, sowie auch zahlreiche andere Soziume, zum Beispiel die mutant-kapitalistischen Monster von Ende des 19.–Anfang des 20. Jahrhunderts, die in sich militärisch-feudale und imperialistische Züge vereinen. Und wenn wir im Falle der UdSSR von einer durch die objektive Tendenz der Großen Sozialistischen Oktoberre­volution entstandenen „überholenden“ Mutation wegen „zu früher“ Entstehung der neuen Gesellschaft sprechen können, so sollte man im Falle der bürgerlichen Umgestaltungen im Imperium Russlands besser von „zurückbleibenden“ Muta­tion des Kapitalismus sprechen.7 Letztere entstand, weil die Bewegung zur bür­gerlichen Gesellschaft sehr spät begonnen hatte und sie sich zu langsam vollzog, weil sie künstlich durch die herrschenden Klassen gehemmt wurde, weil sie sich nicht radikal genug und mit halbschlächtig reformistischen Metho­den vollzog, was zum Entstehen eines „militärisch-feudalen Imperialismus“ mit Massen­ar­mut, Analphabetismus und politischer rasputinscher und romanow­scher Diktatur führte.

Aber! Und das möchten wir immer wieder unterstreichen: es wäre ein großer Fehler, wenn man diese Mutationen als eine Folge dessen betrachten würde, dass die Revolutionäre im ersteren Fall zu schnell und zu radikal gehandelt hät­ten, und im zweiten zu schwach und zu unentschieden gewesen wären. Die Dialektik von Objektivem und Subjektiven in der Revolution ist bedeutend komplizierter, und oben haben wir zum Teil schon versucht, einiges aus dem ABC dieser „Algebra“ aufzuzeigen, indem wir so gut es ging, auf Erfahrungen und Theorie großer Revolutionäre der vergangenen Jahrhunderte verwiesen.

Wie bereits festgestellt, war und wird auch in Zukunft das komplizier­teste Pro­blem der sozialen Befreiung die Dialektik der Erschaffung neuer, progres­siverer Gesellschaftsformen und die Zerstörung der alten sein, die Dialektik des Fortschritts und jenes Preises, der objektiv für diesen bezahlt werden muss. Im Allgemeinen wird dieses Problem auf dem Wege der Negierung, der Zerstörung der antagonistischen sozialen Formen, bei Erhaltung und Entwick­lung der materiellen und geistigen Kultur, des gegenständlichen Körpers und der tätigkeitsbezogenen Welt der Subjekte der Kreatosphäre selbst gelöst (das heißt, einfach bei der Erhaltung, Entwicklung und Veränderung, nicht aber indem die Objekte der materiellen Produktion, der Wissenschaft und Kunst, der Errungen­schaf­ten und Traditionen der Vergangenheit und die Menschen selbst – die deren Träger sind – „als Klasse“ vernichtet werden.)

Doch diese Lösung ist nur „im Allgemeinen“ gut. In der Praxis wird der „Akti­vis­­mus“ der Befreier oft zu Zerstörung nicht nur der entfremdeten sozialen Formen (die von neuen ersetzt wurden), sondern auch der Kultur (bis zur phy­sischen Vernichtung von Kulturdenkmalen und kreativ selbständiger Persönlich­keiten. Siehe dazu im nächsten Abschnitt.) Das Problem bedarf also einer konkreteren Lösung, bei dessen Suche wir uns dem Gesetz des sich gegenseitig bereichernden Fortschritts von Kultur und sozialer Befreiung zuwenden müssen; hierbei verhält sich das Maß der Entwicklung der Kreatosphäre direkt propor­tional zum Maß der sozialen Befreiung (und/oder des Kampfes für die soziale Befreiung) und umgekehrt proportional zum Maß der Entfremdung in seinen quantitativen (zum Beispiel die Ausbeutungsrate) und qualitativen Parametern (die Evo­lution der Arten der Entfremdung von der persönlichen Abhängigkeit bis zur globalen Hegemonie des Kapitals). Wir haben genügend Material ge­sammelt, um einen neuen Schritt bei der Aufdeckung des darin enthaltenen Inhalts zu tun.

Eine Folge des genannten Gesetzes (wir verzichten absichtlich auf eine Reihe von Zwischenpunkten zur Erläuterung dieser Verbindungen) ist der Imperativ der Befreiung der Kultur: um die Kreatosphäre im vollen Umfang beizubehalten und weiter zu entwickeln (unter Einschluss nicht nur der gegenständlichen Welt der Kultur im üblichen Sinne des Wortes – Bibliotheken, Museen… –, sondern auch das kreative Potenzial der Bürger wie Land, Natur, Selbstwert, Produk­tions­apparat als Sein der Kultur usw.) ist es erforderlich, die Beziehungen der Entfremdung aufzuheben und soziale Beziehungen zu entwickeln, die adäquate Bedingungen für den Fortschritt der Kultur garantieren.

Hinsichtlich der Hypothese von gegenseitig bereicherndem Fortschritt der Kultur und der sozialen Befreiung möchten wir hervorheben: im ersten Fall geht es weniger um materiellen Wohlstand und Entwicklung negativer Freiheit (ob­gleich das eine wie das andere wichtige Voraussetzungen der sozialen Befrei­ungen sind) als um die Intensität der (potenziellen und in Aktionen umsetzba­ren) Energie der sozialen Kreativität, unter anderem um die Energie des Kamp­fes gegen die Entfremdung. Das Potenzial Letzterer kann in Gesellschaf­ten, wo starke Unterdrückung herrscht, sehr hoch sein, aber wenn diese kurz vor ihrem Zusammenbruch stehen, wo soziale Kreativität und Kultur sich nicht „dank“, sondern „trotz“, im Kampf gegen die Entfremdung stattfindet, so ist dies im Sinne von sozialer Kreativität. Im zweiten Fall legen wir, wenn wir vom Maß der Entfremdung sprechen, den Akzent auf die Stärke der Unter­ordnung der Werktätigen unter das herrschende System und den Grad, bis zu dem sie sich mit dieser Unterordnung abgefunden haben (was besonders typisch sein kann für relativ „satte“ Soziume stagnierender Länder.

Beispiele, die die oben genannte These bestätigen, lassen sich in der Geschichte der Menschheit praktisch in allen starken Kulturkreisen finden. Der Umschwung der Geschichte beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und die da­durch hervorgerufenen Unruhen und Revolutionen führten zum Entstehen von Wissenschaft und Kunst der Renaissance in Italien und in den Niederlanden, dann in Deutschland und später auch in Russland. Der außerordentlich ange­spannte Widerspruch der Keime einer sich massenweise vollziehenden sozialen Kreativität (“Enthusiasmus“), die durch einen nie da gewesenen revolutionären Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie durch das Stalinregime in der UdSSR verursacht war, schuf die Bedingungen für die Entwicklung (sowohl des „dank“ [des Enthusiasmus“] und des „trotz“ [des „Stalinregimes]) für ein so erstaunliches Phänomen wie die sowjetische Kultur8

Durch die belebende Luft der Freiheit oder des Kampfes um diese Freiheit wur­den in der Geschichte der Menschheit immer wieder hervorragende kultu­relle (wissen­schaftliche, die Bildung fördernde, künstlerische, sittliche) Errun­gen­schaften hervorgebracht. Aber jedes Mal, wenn objektive und subjektive Fak­toren die sozialen Umgestaltungen und die Kultur von einander trennten, hatte dies tragische Folgend: Erstere entarteten in Aktivismus und Gewalt. Letztere verschwand unter den Trümmern des entartenden und zerfallenden sozial-um­ge­stal­tenden Prozesses.

Mehr noch, die Kultur und ihr Prozess sind eine der wichtigsten Energiequellen der sozialen Kreativität, denn sie stimulieren die Entwicklung dieser als positive schöpferische Tätigkeit.

Die Kultur erfüllt diese Rolle (diese sozial-philosophische Begründung ist in Arbeiten von G. Lukács zu finden), da sie eine Art von Verkörperung der „angeborenen Wesenheit des Menschen“ ist. Die Tatsache, dass gerade die für die wirkliche Kultur charakteristischen substantiellen Eigen­schaften des Men­schen in Gestalt einer Tragödie der Persönlichkeit entfremdet (kreative Tätig­keit, würdiges Leben) sind und gegen die die Welt beherrschenden Gesetze der Ent­frem­dung und gegen die Träume von der Selbstverwirklichung der eigenen menschlichen Qualitäten rebellieren9, ist eine sehr wichtige Vorausset­zung der sozialen Krea­tivität. Die Kultur bewahrt im sozialen Gedächtnis des Menschen und entwickelt ständig (durch die Kreativität immer neuer Künstler und Denker, die gegen die Welt der Entfremdung ankämpfen) den Traum von einem anderen Leben (Lukács hätte gesagt: den menschlichen Traum von seiner wahren angeborenen Wesenheit10), um so die wichtigste subjektive (exakter: kulturell-kreative) Voraussetzung zum Kampf für die soziale Befreiung zu schaffen.

In diesem Zusammenhang ist das Verhältnis der Kulturschaffenden zur sozialen Kreativität von Bedeutung: Engagement für sozial-umgestaltende Tätigkeit für Kreative, nicht für jene, die sich (in ihren Ideen und/oder materiell) nicht völlig von dem System der Entfremdung gelöst haben. Dies kann als Lakmustest die­nen, inwieweit diese sozialen Umgestaltungen wirklich zur Befreiung des Men-schen, das heißt, zur Kultur beitragen. Verzicht der frei denkenden kreati­ven Schicht der Gesellschaft (die sich nicht dem Establishment einer „Elite“-Intel­ligenz unterordnet) auf einen Dialog mit den sozial aktiven Kräften würde eher von deren bald zu erwartendem (oder schon begonnenem) Rück­schritt zeugen.11.

Aus dem Gesagten lässt sich erklären, warum die Vereinigung der Kreativität [im engen Sinne des Wortes] der Erbauer der Kreatosphäre und der sozialen Kre­ativität der Massen auf dem Wege eines Dialogs – bei dem jede der Seiten ein aktives, selbständiges Subjekt ist –, eine nie da gewesene optimistische Kul­tur hervorbringt, die [1.] zugleich hoch ist und von den Massen aufgegriffen wird (erforderlich ist, aufgeschlüsselt und weiter „ergänzt“, aber vom Volk nicht benutzt wird) wie auch die [2.] ebenso erfreuliche, musikalische (um mit A. Blok zu spre­chen) Mit-wirkung an einem neuen Leben durch die „Unterschich­ten“ 12.

Hieraus ergibt sich auch eine wichtige (und komplizierte) zweifache Aufgabe: Es gilt zu erreichen, dass jedes Subjekt sozialer Umgestaltungen mit dem kreativ produk­tiven Teil der Gesellschaft in Dialog kommt, dass es der Macht der Kräf­te der Entfremdung entrissen und in die Tätigkeit freier Assoziationen einbezo­gen wird, die diesen Individuen größere Möglichkeiten der Selbst­verwirkli­chung bieten als das herrschende System.13

Für die Subjekte der Kreatosphäre ist das die Aufgabe, selbständig Wege für einen Dialog mit den Kräften der sozialen Befreiung zu suchen, und ihr durch die Praxis entstandenes Misstrauen gegenüber der zumeist mit den Machtorga­nen fraternisierenden kreativen Intelligenz zu überwinden; diese Aufgabe, „den Untertanengeist in sich zu überwinden“, steht vor allem vor der Intelligenz…

Damit könnten wir vielleicht unsere Überlegungen über den Dialog zur Ent­wicklung der Kreatosphäre und der sozialen Befreiung im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ beenden, wäre da nicht noch die prinzipiell so wichtige Fra­ge des Wachstums der Arbeitsproduktivität und des Fortschritts des materiellen Reichtums. Sind es doch gerade die „einfachen“ Arbeitsmenschen, die mit reproduktiver Arbeit Beschäftigten, die nicht nur alle materiellen Güter erzeu­gen, sondern auch mit ihrer Arbeit sowohl die Kreatosphäre als auch die Entfremdung erzeugen. Dazu stecken sie noch in einem doppelten Schraubstock: dem der Ausbeutung durch die herrschenden Klassen einerseits und dem der Entfremdung von der Kultur andererseits; und dabei sind sie die einzige Kraft, die die materiellen Grundlagen für die Entwicklung beider Welten schafft und als Persönlichkeiten nicht weniger an kreativem Potenzial besitzt als die „elitä­re“ Intelligenz (jedoch unter schwerer sozialer Unterdrückung leidet).

Das Hauptproblem der sozialen Befreiung ist also die bereits schon erwähnte Frage der Freiheit für die Werktätigen hier und jetzt – in einer Welt, in der sie vorwie­gend mit reproduktiver Arbeit beschäftigt sind. Wie bereits festgestellt, wird dieses Problem durch Herausbildung solcher gesellschaft­licher Verhält­nisse gelöst, bei denen die Hauptmasse der Werktätigen (und unter den gegen­wärtigen Bedingungen ist dies vorwiegend die Klasse der Lohnarbeiter) unter Bedingun­gen lebt, wo sie [1.] von der Kraft des sozialen Protests durch­drun­gen ist, [2.] bis zur Einbeziehung in die Welt der Kultur „aufgestiegen“ ist und [3.] durch Dialog mit den Subjekten kreativer Tätigkeit integriert ist.

Ein solches System gesellschaftlicher Verhältnisse ist (darauf haben wir eben­falls bereits hingewiesen) vor allem assoziierte soziale Kreativität. Sie wird nur unter Bedingungen des „Reichs der Freiheit“ zur herrschenden Gesellschafts­form14, und dort kommt es zunächst auch nur zu formaler Befreiung vorwiegend inhaltlich nichtkreativer Arbeit (die nur die soziale Form betrifft – Vereinigung in freiwilligen offenen Assoziationen zwecks gemeinsamer Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums). Die Keime dieser Befreiung – das war jener wahre Enthusiasmus, mit dem die „freiwilligen Komsomolbrigaden“ unter schwer­sten Bedingungen mit Picke und Spaten nicht nur neue Städte, Betriebe, und Schulen aufgebaut haben, sondern auch neue gesellschaftliche Verhältnisse, Zeugnisse von Werten, Motiven und Tätigkeiten, die von einem neuen Men­schen kündeten. Das ist uns gut bekannt (wie auch das hierzu in schrecklichem Widerspruch Stehenden: die Koexistenz und der Kampf gegen das Stalinregime.

In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, nochmals auf die mit einfach­sten Funktionen beginnenden formalen Zeichen der Befreiung der Arbeit hin­zuweisen (wie es die Rechnungsführung und Kontrolle u.a. war). Denn dadurch konnte bei den Massen die Erkenntnis wachsen, dass es notwendig ist, sich Kul­tur und Bildung anzueignen.15 (Ein Beispiel hierfür war bei allen Wider­sprüchen dieser Periode die Kulturrevolution in der UdSSR, die bei den unteren Schichten einen in Breite und Kraft außergewöhnlichen Drang nach Kultur, Wis­­sen und Eigeninitiative auf vielen Gebieten auslöste: in der Kunst, im Sport, bei der Erschließung von Neuland, beim Konstruieren neuer Maschinen, in Pädagogik und Wissenschaft…)

Im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ waren soziale Reformen und Revo­lutionen das Einzige, was allen „einfachen“ Werktätigen an Formen sozialer Kre­­ativität zugänglich war. Für uns sind hierbei die Revolutionen von beson­derer Bedeutung, die nicht zufällig „Lokomotiven der Geschichte“ und „Fei­ertag der Unterdrückten“ genannt wurden. Damit wurde in relativ kurzen Zeit­räumen auf einen ganzen Komplex der oben erwähnten Probleme aufmerk­sam gemacht. Nebenbei bemerkt, es ist auch heute so, dass durch Reformen und Revolutionen, durch dieselben und in denselben jedes Mitglied der „Globalen Mensch­heit“ [Anspielung auf den Titel des 1997 erschienenen futuristischen Romans von A. Si­nov’ev „Global’nyj čelovejnik“. Die Übers.] auch heute und jetzt jeder an jedem Punkt des Planeten Erde persönlich in den Prozess der Be­freiung der Menschheit und damit der positiven Selbstbefreiung einbezogen werden kann.

Dabei werden Reformen zu einem allgemein zugänglichen Palliativum, zu einer Übergangsform von Entfremdung/Befreiung, während soziale Revolution all­gemein zugängliche Welt (Raum und Zeit) der positiven Freiheit im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ ist.

Die soziale Revolution als qualitativer Umbruch, als Wechsel qualitativ unter­schied­licher Systeme der Entfremdung (Produktionsweisen) und umso mehr als bevorstehender Beginn des Übergangs vom „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ bedeutet eine Reihe für uns besonders wichtiger Kenn­zeichnungen des Prozesses der sozialen Befreiung.



  1. Die soziale Revolution als zeitweiliger Sieg des „Reichs der Freiheit“

 

Setzen wir fort. Die oben genannten Aspekte von Revolutionen sind soziali­sti­schen Theoretikern relativ gut bekannt. Bedeutend seltener (mit Ausnahme einer Reihe kritischer Marxisten „der sechziger Jahre“) wird eine andere wich­tige Art sozialer Revolution hervorgehoben – das Phänomen einer Art „kommu­nisti­schen Charakters“ jeder (auch einer bürgerlichen) wirklichen, von unten aus­gehenden sozialen Revolution. Die Erscheinung, dass von den Massen Ele­mente einer positiven Freiheit geschaffen werden, ist besonders für das Sta­dium des revolutionären Aufschwungs charakteristisch, wenn die Menschen beim Zerbrechen der alten Entfremdungsformen – wie wir bereits sagten – für einen kurzen historischen Augenblick frei werden. In diesem Sinne ist jede sozi­ale Revolution ein Zerbrechen nicht nur einer der historisch konkreten Formen der Entfremdung (der alten Formation), sondern auch eine Revolution gegen das „Reich der Notwendigkeit“.

Mehr noch, da jede Revolution (auch eine „nur“ auf die Ablösung einer Unter­drückungsmethode durch eine andere, progressivere) zugleich auch eine Revo­lution gegen die Welt der Entfremdung insgesamt ist (kurzfristiger Sieg des „Reichs der Freiheit“ – wir werden später nochmals speziell auf diese Frage zurückkommen) ist jede Revolution (auch eine nichtsozialistische) bestrebt, auch etwas objektiv Unmögliches zu tun, – zumindest zeitweilig wenigstens einige Elemente realer Befreiung für die Werktätigen und nicht nur für die neue herrschende Klasse zu schaffen und Platz für die Entwicklung der Kreatosphäre zu sichern.

Das war praktisch für jede große revolutionäre Erschütterung charakteristisch – von solchen langfristigen wie die Renaissance, als die Qualen der etwas zu frühen (wir wollen nicht vergessen: in Italien hat der erste Versuch eines Durch­bruchs zur bürgerlichen Gesellschaft eine Niederlage erlitten) Geburt einer negativen Freiheit von einem nie da gewesenen Fortschritt der Kreatospäre begleitet war, der bis zu so dramatisch explosiven Ereignissen wie die Große Französische Revolution ging, in dem die Elemente des Kampfes der Befreiung der Werktätigen von der Ausbeutung zusammen mit dem antifeudalen Kampf vertreten waren.

Jede soziale Revolution ist als solche (mit Ausnahme vielleicht der kommu­nistischen) mit einem immanenten inneren Widerspruch (dem ersten, der von uns genannt wird) behaftet: als Revolution gegen das „Reich der Notwen­dig­keit“ insgesamt muss sie [auch für den Kampf gegen die Entfremdung] alle Kräfte der Befreiung und die kulturell-kreativen Kräfte der Menschheit zusam­menschließen; als konkreter Akt eines konkreten Wechsels antagonistischer Produktionsweisen trägt sie unvermeidlich konkreten Klassencharakter, der die Gesellschaft auch entsprechend dem Klassenprinzip unterteilt.

In ihrer ersten Qualität, als Antithese jeglicher Entfremdung, ist jede Revolution auch Antithese von Kleinbürgertum (von spießbürgerlichem Konformismus, von sozial passiver Einstellung von Menschen, die sich gern äußeren Lebensregeln unterordnen und fähig sind, aus der Rolle zu fallen, wenn diese gewöhnlichen Beschränkungen ihrer Existenz wegfallen) als universell soziale Form des Seins eines „Menschen der Entfremdung“.

Aus diesem Grunde ist die Antithese „Kleinbürger – Revolutionär“ für das Verständnis des Wesens der sozialen Kreativität so bedeutsam.

Der Kleinbürger zeichnet sich dadurch aus, dass er die Kräfte der Entfremdung einfach nicht sieht, nicht hört und nicht fühlt, weil er sich als Marionette emp­findet (als Sklave des Kapitals, als Beamter, als jemand mit einem Status) in einem einzig möglichen menschlichen Sein und wo er vollauf zufrieden ist, dass er manipuliert wird und keine persönliche Verantwortung trägt. Wenn man diese Verbindung begreift, kann man eine weitere wichtige These formu­lieren, die uns von dem kreativen sowjetischen Marxismus her bekannt ist: der erste Schritt des Menschen zur Revolution ist die Erkenntnis der Entfrem­dung als persönliches und soziales Problem, die Erkenntnis (sowohl kulturell und ver­standesmäßig als auch praktisch), dass man selbst nur eine Funktion darstellt, dass man eine Marionette äußerer, dem Menschen fremder gesellschaftlicher Kräfte ist (Geld, Staat usw.); „Entfremdung fühlen bedeutet, diese halb zu überwinden“, so könnte man dies in übertragenem Sinne und im Geist unserer marxistischen Vorgänger darstellen. Und gerade die Revolution ist – wenn man dem Leben (und zugleich den Kleinbürgern) die entfremdeten Masken abnimmt, und sie jenen manchmal mit Haut und Haaren herunterreißt, bei denen sie fest angewachsen sind, – die Revolution ist die radikalste Methode zu erkennen, was die Welt der Entfremdung wirklich ist (und darum ist sie beim Kleinbürger auch am meisten verhasst).

Revolution als Kampf gegen die Entfremdung zusammen mit dem bereits ge­nann­ten Phänomen der objektiv bedingten „Trunkenheit durch Freiheit“ führt (und ermöglicht auch , nebenbei bemerkt, die theoretische Erklärung) zu dem den Geschichtsphilosophen gut bekannten Phänomen, „dass Revolutionen zu früh kommen“, wenn die sich selbst befreienden Massen in Bezug auf die ob­jektiven Möglichkeiten zu weit voranseilen.

Hierauf beruht übrigens auch die Romantik jeder wirklich sozial-kreativen (so auch der revolutionären) Tätigkeit, die unter den Bedingungen des „Reichs der Notwendigkeit“ stattfindet. Während der Mensch die Elemente der positiven Freiheit schafft und sich aus der Unterordnung unter die herrschenden sozialen Formen, Motive und Werte löst (Geld- und Machthunger), kommt er in der Welt der Entfremdung immer „nicht zur rechten Zeit“ und ist romantisch. Diese Ro­mantik kann der Welt von Nutzen sein (wie zum Beispiel die Großtaten von Fliegern, Geologen. Erbauern neuer Betriebe und Städte in der UdSSR in der Periode ihres Aufblühens); den Machtorganen kann diese objektive Nützlichkeit sogar zum Vorteil gereichen (was die sowjetische Nomenklatur zum Beispiel eine zeitlang ausgenutzt hat). Sie kann aber auch aktiv abgelehnt werden, und nicht nur von der Elite, sondern auch von der verbürgerlichten Mehrheit der Gesellschaft in der Periode der Stagnation oder Konterrevolution.

Im Unterschied zu diesen Perioden sind Revolutionen ihrer Natur nach als „Abstraktionen der Zukunft“ romantisch. Da sie ein qualitativer Sprung sind, werden Revolutionen auch zu einer Epoche (vielleicht nur sehr kurzfristig, einige Wochen oder Monate lang, wie zum Beispiel die Pariser Kommune), in der die Menschen nicht in der gerade vor sich gehenden Gegenwart leben, son­dern im Dialog der Vergangenheit mit der Zukunft, im Prozess der Schaf­­fung/Entstehung der Zukunft, die gerade hier und gegenwärtig geschaffen/ge­boren wird. Wobei unter den Bedingungen des Zusammenbruchs der äußeren entfremdeten Determinanten diese Geburt der Zukunft direkt und auf der Stelle gerade und vor allem schon vom Menschen selbst, von seiner persönlichen Fähigkeit (und von der Fähigkeit seiner Mitstreiter) abhängt, diese Zukunft zu erkennen, mit ihr und in ihr zu leben wie ein Dichter in seinen Versen, ein Komponist in seiner Musik, ein Pädagoge in seinen Schülern lebt… Das lässt jeden wirklichen Revolutionär zum Romantiker und jede Revolution zu „einer Abstraktion der Zukunft“ werden.

Doch hierbei ist die andere Seite der Medaille außerordentlich wichtig: die Aufhebung der äußeren Determinanten öffnet das Feld weit für Subjektivismus und Voluntarismus, und die Freiheit für die Selbstverwirklichung des Menschen wird zu ungezügelter Antikreativität. Hinter diesem Problem steckt noch ein weiterer Widerspruch der Revolution als soziale Kreativität in der Welt der Entfremdung (der zweite, den wir hervorheben wollen): einerseits ruft sie die soziale Aktion gewaltiger Massen wach, die dazu berufen sind, komplizierte sozial-kreative Aufgaben zu lösen, andererseits zerbricht sie aber sämtliche so­ziale und organisatorische Formen für eine derartig breite Massen erfassende Tätigkeit. Die Formen zur Lösung dieses Widerspruches können mehr oder weniger konstruktiv sein in Abhängigkeit vom Umfang der auf Aufbau und Zerstörung gerichteten Faktoren der Revolution. Ihre „Formel“ haben wir oben bereits erwähnt, doch wir wollen trotzdem nochmals unter­strei­chen, dass eine Revolution ein objektiver Prozess ist, und dass alle „Formeln“ nur einige Geset­ze, Tendenzen sowie stabile soziale Verbindungen zum Ausdruck bringen, und dass sie nicht dazu genutzt werden können, um die Ergebnisse der revolutio­nären Aktionen arithmetisch aufzurechnen (obgleich sie als ein theoretischer Kompass dienen können und sollen, um den Kurs im stürmischen Ozean der Revolution festzulegen).

Außerdem möchten wir extra nochmals darauf verweisen, dass hier das Maß von besonderer Bedeutung ist, wie in der Revolution „die Kultur zu Tage tritt“. Denn gerade dieses Maß muss, wie bereits festgestellt wurde, auf die Ansprüche der Revolutionäre beschränkend wirken (in dieser Beziehung ist der „Rückzug“ Le­nins zur Neuen Ökonomischen Politik [NÖP] charakteristisch, der von den Stalinisten nicht akzeptiert wurde).

Anhand der im vorliegenden Text nur kurz gestreiften Analyse der Dialektik der Wechselbeziehungen zwischen den Prozessen der Entwicklung der Kreatos­phäre und der sozialen Befreiung (die im Zusammenhang mit dem Gesetz der wechsel­seitigen Bereicherung des Fortschritts von Kultur und sozialer Befreiung kurz erwähnt wurde), lässt sich zeigen, dass soziale Revolutionen nicht nur die Folge des Widerspruchs der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse sowie scharfer Zuspitzung der Klassenwidersprüche sind (was zu den nie veral­tenden Grundthesen des Marxismus gehört), sondern auch Folge eines Auf­brechens einer Überakkumulation von kulturellem Potential der Gesellschaft durch das „alte“ Entfremdungssystem, das bis an den Rand der Explosion ge­bracht wurde. Der Kultur (ebenso wie den Produktivkräften – diese beiden Phä­nomene über­schneiden sich nebenbei bemerkt zum Teil), deren Entwicklung für die Selbst­erhaltung der alten, verfaulenden Gesellschaft besonders notwen­dig ist, wird es einer­seits in den früheren sozialen Rahmen zu eng. Andererseits strebt die Kultur, die Kreatosphäre (deren nichtlineare Entwicklung dem Leben der mensch­lichen Art invariant ist) in Gestalt ihrer besten Vertreter irgendwie danach, sich selbst vor den aggressiv-zerstörerischen (oder stagnierenden und sich zersetzenden Einwirkungen der für die nächste revolutionäre Situation reif gewordenen Welt der Entfremdung) zu schützen (wir sprechen vorerst von den objektiven Bestandteilen derselben).

Es ist daher nicht zufällig, dass der erste Impuls einer wirklichen Revolution zuerst im Kopf von „Dissidenten“-Intelligenz entsteht, (die in der Regel schöp­ferisch besonders produktiv ist). Ein anderer Bestandteil dieses Prozesses ist der Protest des kreativen Teils der Gesellschaft gegen die Zerstörung und Unter­drückung der echten Kultur des alten Systems, das mit der einen Hand versucht, in seinen gebrechlich werdenden Körper das „Blut junger Mädchen“ hinein zu pumpen (Kultur zu entwickeln), während es mit der anderen alles Neue und Progressive hemmt.

Die Revolution, die diesen Widerspruch in einem mächtigen und kraftvollen Aufwallen sozialer Kreativität und Anti-Entfremdung zur Explosion bringt, erzeugt dadurch ein mächtiges Feld, das Potential für die Entwicklung der Kreatosphäre generiert. Letzteres hängt insbesondere damit zusammen, dass die soziale Revolu­tion als eine Revolution, die sich auch gegen die Entfremdung (und nicht nur gegen eins der konkreten Systeme der Produktionsverhältnisse und des Überbaus) richtet, zugleich auch eine Befreiung des Fortschritts der Kreatosphäre (als einer untergeordneten, aber ständig im Rahmen des „Reichs der Notwendig­keit“ anwesenden „Linien“ der Entwicklung des Menschen) von der sozialen Unterdrückung (zumindest für die kurze Zeit der Vorbereitung und Verwirklichung qualitativer sozialer Umgestaltungen) ist. In diesem Sinne können wir sagen, dass die soziale Revolution in dem Maße, wie sie eine Revo­lution gegen die Entfrem­dung überhaupt ist (und nicht nur gegen eine ihrer Arten), die „höchste Aufgabe“ des Fortschritts der Kultur“ löst, – die Aufhebung der Entfremdung. In diesem Zusammenhang ist offensichtlich, dass der Impera­tiv der kommunistischen Revolution die Aufhebung der Ent­frem­dungsver­hältnisse (als System) ist, die der Entwicklung der Krea­tosphäre (Kultur, Mensch als sich frei und harmonisch entwickelnde Persön­lichkeit, Biosphäre) freien Raum gibt. In welchem Maß die Revolution diese Aufgabe löst (unter anderem auch innerhalb des „Reichs der Notwendigkeit“), zeigt, in welchem Maße die Revolution kommunistischen Charakter hat (zugleich aber auch das Maß an Kultur und Humanismus).

Hier liegt auch die Höhe der Kultur, von der eine positive soziale Revolution begleitet wird; wie zum Beispiel in der Renaissance als Bestandteil der bürgerlichen Revolution oder der vor- und der postrevolutionäre Aufschwung der Kultur in Russland im 20. Jahrhundert.

Jede Revolution ist aber, wie wir bereits festgestellt haben, auch Zerstörung des alten Systems, wo „zugleich“ mit dem früheren, alten System der Produktiv­kräfte und des Überbaus die revolutionären Kräfte (im 16. bis 19. Jahrhundert – „der dritte Stand“, die Bourgeoisie ebenfalls, im 20. Jahrhundert – die Werk­tätigen und vor allem das Proletariat) sowohl materielle wie kulturelle Elemente des ökonomischen und politischen Systems der Vergangenheit zerstören.

In dieser Dialektik der Befreiung und Zerstörung liegt das Wesen der Revolu­tion, und das Maß dieses Verhältnisses (unter Berücksichtigung auch des Maßes von reaktionärem und zerstörendem Charakter des früheren Systems16) zeigt den wahren progressiven (bzw. reaktionären, das heißt den konterrevolutio­nären) Charakter dieser oder jener qualitativen sozialen Umgestaltungen. Und in diesem Sinne haben wir ein theoretisch bestimmtes Maß, das es uns ermöglicht, jede qualitative Veränderung der Gesellschaft einer Reihe von Revolutionen zuzuord­nen (bei all ihrer tragischen Ungleichmäßigkeit) bzw. einer Reihe von Konterre­volutionen (bei einem gewissen positiven Potential auch dieser Aktionen).

Und dennoch dient jede wirkliche Revolution dem Fortschritt der Kultur. Mehr noch, wir können sagen, dass nur jener soziale qualitative Fortschritt („Explo­sion“), der einem neuen Sprung [1.] in der Entwicklung der Kreatosphäre dient, der bei der Entstehung des [2.] Entfremdungssystems aber weniger antago­nistisch auf den Fortschritt der Kultur einwirkt als der vorhergehende (bzw. wenn er in einer kommuni­stischen Revolution zur Aufhebung der Entfremdung führt) und somit [3.] eine Zunahme des Umfangs an sozialer Befreiung bringt, von uns als wirkliche soziale Revolution (nicht nur als Aufstand) betrachtet werden kann und ein Feiertag nicht nur für die Unterdrückten, sondern auch für die Kultur ist.

Darum zieht eine wirkliche soziale Revolution, die einen zeitweiligen Zustand sozialer Befreiung erzeugt, den suchenden und kreativ offenen Teil der Intel­ligenz an sich heran (wobei sie wie ein mächtiger Sturm auch eine Menge Müll mit sich führt). Dabei werden die Grundlagen der Lebenstätigkeit jenes Teils der Intelligenz angetastet (und zerstört), die mit dem „alten“ Entfremdungssystem verwachsen waren und deren kreative Qualitäten wie bei privilegierten Sklaven zur Bedienung der Hegemonie der Macht missbraucht wurden. Und dieser Teil der Intelligenz wendet sich in der Regel am aktivsten gegen die Revolution (falls die neuen Machtorgane es nicht vermögen, diese „Leute“ rechtzeitig „irgendwie auf ihre Seite zu ziehen “.

Gleichzeitig ist es aber in jeder sozialen Revolution im Rahmen des „Reichs der Notwen­digkeit“ – beginnend mit der Befreiung und endend als Sieg eines neuen Systems der Entfremdung – so, dass jene, die sie vollziehen, sich den neuen Machtverhältnissen anpassen müssen (zum Beispiel gelangt die Intelligenz, wenn sie sich beim Übergang zum Kapitalismus von der Unterordnung unter die Aristokratie löst, in die Unterordnung des Marktes, des Goldenen Kalbs); – das heißt, während die Intelligenz, wie V. Mežuev festgestellt hat, in der Revolution auf Don Quichotte wartet, gelangt sie in den Würgegriff der Umarmung von Sancho Pansa.



4. Die Revolution als kreatives Werk der Werktätigen: Massen und Intelligenz, sozialer Erbauer und Schurke

Es ist allgemein bekannt, dass jede Revolution (im Unterschied zu einer Re­vol­te oder zu einem Staatsstreich) breite Schichten der Werktätigen zu schöpferisch umgestaltender Aufbautätigkeit initiiert und sie zu gemeinsamen bewussten po­sitiven Aktionen inspiriert. Je tiefer die Umgestaltungen sind, desto größere und organisiertere Aktionen verlangt die Geschichte verlangt. Nicht zufällig akti­vieren Revolutionen daher so breite Kreise von Neuerern aus den „Unter­schich­ten“ zu kreativer (sowohl kultureller als auch sozialer) Tätigkeit (so wurde zum Beispiel ein Großeil der Kultur der Renaissance, der Aufklärung und weiterer Perioden bürgerlicher Revolutionen gerade von Vertretern des unterdrückten dritten Standes geschaffen) und lassen sie so zu wirklichen Feiertagen der Un­ter­drückten werden. Gerade für sie wird eine Revolution ein Feiertag. Und nicht irgendein Karneval (erinnern wir uns an Rabelais und seine hervorragende Dar­stellung in dem Buch von M. Bachtin17), sondern eine Befreiung von der Macht der Unter­drückung in Raum und Zeit und ein Aufstieg zu selb­ständiger Er­rich­tung neuer Verhältnisse, wo die Werktätigen wirklich ihre schöpferische Kraft fühlen und in der Praxis ihre Fähigkeit beweisen können, selbst würdige Eigner des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Im Ergebnis überwinden in der Revolution nicht nur der kreative Teil der Ge­sellschaft (über dessen widersprüchliche Stellung in der Revolution und dessen Verhältnis zur Revolution siehe weiter unten), sondern auch die „durch­schnitt­lichen“ Werktätigen die engen Grenzen ihres entfremdeten produktiv-ökonomi­schen Seins (den Status des einzelnen Lohnarbeiters, der Funktion der gesell­schaftlichen Teilung von Arbeit und Kapital, zum Beispiel wenn die Sphä­re der Verhältnisse der Selbstorganisation betreten wird (auch wenn diese bisweilen spontan ist), wenn man zum Subjekt der unmittelbaren sozialen Kre­ativität wird (unter den Bedingungen von Revolutionen, die im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ stattfinden, – vorwiegend in Formen des politischen Kampfes). Schließlich ist es gerade die Revolution, die den „einfachen“ Men­schen zum kreativen Erbauer macht (und im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“ – ist es nur die Revolution).

In Revolutionen vollbringen früher niemandem bekannte einfache Bürger (be­son­­ders Jugendliche) unter normalen Verhältnissen unmögliche, Wundern gleichkommende Dinge, weil sie in diesen Perioden kurzzeitiger Zerstörung der Macht der Entfremdung die den Menschen unterjochenden äußeren Zwänge ab­werfen (Staat, Geld, Traditionen), weil sie die verfestigten Stereotype ablegen (wo jeder Mensch schon im Voraus und genau weiß, dass einem Mitglied einer bestimmten Kaste in irgend welchen Jahren etwas Bestimmtes gestattet war, während etwas Anderes nie und nimmer gestattet war noch je würde), und sie tun ganz ohne Zwang das, was gestern noch ganz unmöglich schien (und dies war aber auch tatsächlich nicht möglich, – und nicht, weil der Mensch nicht in der Lage war, es zu tun, sondern weil verfestigte soziale Formen es nicht erlaub­ten).

Die Revolution zerreißt die sozialen Hüllen, entkleidet alle: Könige und Arme, so dass jedem sichtbar wird, wozu eine bestimmte Person ungeachtet ihrer sozia­len Uniform wirklich fähig ist. Die Revolution öffnet den in jedem Menschen schlummernden Talenten den Weg, denn in ihrer Welt wird jeder nach seinen persönlichen Fähigkeiten und Handlungen eingeschätzt, und nicht gеmäß einer sozialen Rolle (eines Adligen oder eines Leibeigenen, eines Millionärs oder eines Bettlers).

Das, was wir oben als „angeborene Wesenheit eines Menschen“ bezeichnet haben, das erhält in der Revolution seine volle Verwirklichung (soweit dies in der Welt der Entfremdung möglich ist), und soziale „Stummheit“ (G. Lukács) eines Menschen wird von einem sich in breitestem Maße und blitzartig ausdeh­nenden Gefühl des Menschen abgelöst. Man kann mit Lukács sagen, dass der jahrhundertealte Traum des Menschen von der Aneignung seiner angeborenen Wesenheit (nicht nur von der Gerechtigkeit, sondern auch von der Aneignung der menschlichen Würde — erinnern wir uns, was oben gesagt wurde hinsicht­lich der Rolle der Kultur, insbesondere der Tragödie als einer Kraft, die den Humanismus von einer Generation zur anderen und von einem Land ins andere trägt und weiter gibt) nicht nur in praktischen Handlungen verwirklicht wird, sondern auch (wie die Kultur selbst) zu einem bedeutenden Faktor revolutio­närer Fortschritte wird.18

Darüber hinaus eröffnet die Revolution nicht nur den Talenten den Weg; unter den Bedingungen eines radikalen Zusammenbruchs des alten und eines revoluti­onären Aufbaus der Grundlagen eines neuen Systems werden von der Gesell­schaft im Wirbel der sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit entwickelnden sozialen Zeit in breitem Umfang talentierte, außerordentliche (bisweilen auch heldenhafte) Persönlichkeiten und Handlungen erwartet. In Verbindung mit den Möglichkeiten einer freien – und nicht durch äußere Kräfte der Entfremdung auf­­gezwungene – Selbstorganisation, des Zusammenschlusses in Assoziationen und Verbänden, lässt diese Atmosphäre des Weckens und des Erfordernisses von Talenten in den Menschen Eigenschaften wachsen, die den Spießbürger nach Jahrzehnten und Jahrhunderten noch in Verwunderung versetzen; und dies lässt Generationen von Persönlichkeiten heranwachsen, starke, talentierte, sympathische Titanen im wahrsten Sinne dieses Wortes (da muss man an die „Leninsche Garde“ denken, an die Kohorte jener Menschen, die als „einfache“ Intellektuelle oder Arbeiter etwas zu schaffen vermochten, was das Vermögen der besten Experten der Epoche überstieg, was Begeisterung und Zittern aus­löste und wo menschliche Eigenschaften selbst noch nach den stalinschen Lagern bewundert wurden19).

Etwas Anderes ist, dass die unterdrückten Klassen ebenfalls zwiespältig sind, wie auch die kreative Intelligenz. In den Massen (ob dies der „dritte Stand“ in der bürgerlichen Revolution ist oder das Proletariat in einer frühsozialistischen Revo­lution) stecken – wie wir bereits sagten – machtvolle Oppositionen dienst­barer Sklaven des Systems der Entfremdung und sozial kreativer Kräfte. Dieser Widerspruch tritt in der Revolution voll zutage und eröffnet freien Raum für Energien (auch zerstörende) sowohl für den Erbauer als auch für den zerstö­renden, durch die Schrecken des früheren Systems in Wut geratenen Kleinbür­ger (was uns sehr an die bekannte These von aus Empörung angerich­teten Unta­ten erinnert20). So hat für Kleinbürger eine Aufhebung der strengen sozialen Beschränkungen unter Bedingungen, wo nicht nur äußere Richtlinien, sondern auch fest gefügte moralische Normen wegfallen, zur Folge, dass der konfor­mi­stische Teil der Werktätigen (in kapitalistischen Zeiten betrifft das vor allem die Kleinbourgeoisie) zu „Schurken“ wird. Ein „Schurke“ ist ein Sklave, der er­stens nicht fähig ist, selbständig an neuen sozialen Beziehungen mitzuwir­ken, weil er [1.] seine sozial untergeordnete Stellung (in sich und für sich) nicht überwunden hat, [2.] weil er zu Korrosion und Auflösung neigt (sozial unorga­nisiert ist) und [3.] weil er kulturlos ist, obgleich nicht unbedingt gänzlich ohne Bildung. Zweitens ist dies ein Sklave, der aktiv alles ablehnt und sogar zer­stört, was nicht in den Rahmen der vorhandenen (seinen Regeln ent­sprechenden) Welt­­ordnung passt (und zu dieser Weltordnung können auch Gesetze stalinscher Zuträgerei und des Marktfundamentalismus gehören).

Unter den Bedingungen der Revolution, da die vorhandene Weltordnung vor den Augen dieses wütenden Schurken zerfällt, hat das zur Folge, dass dieser unfähig zur Selbstorientierung wird, wodurch zugleich sein Streben zu chao­tischen und zerstörerischen Aktionen (Bandenbildung und Kriminalität) und zu Machtaus­übung mit harter Hand provoziert wird. Diese Kleinbürger und Spie­ßer, die „wild geworden sind“ von den Unbestimmtheiten und den Widersprü­chen der Revolution sowie von der Notwendigkeit (aber Unfähigkeit), selbstän­dig, bewusst, mit Sachkenntnis Beschlüsse zu fassen und zu handeln, können wir durchaus als „Schurken“ bezeichnen.

Und wir sind auch bereit – so wie die Intelligenz Russlands dies tut – zu erklären, dass dieser „Schurke“ der größte Feind der Kultur und der Gesell­schaft ist, dass die Revolution ihm (unter anderem) vorerst jedoch keine sozialen Zügel anlegt. Kategorisch treten wir aber jenen entgegen, die in den revolutio­nären Massen nur und vor allem Schurkerei sehen. Hier geht es nicht nur darum, dass sich eine Revolution dadurch von einer Revolte unterscheidet, weil in ihr das bewusste sozial-kreative (das heißt, das kulturvolle und sich selbst organi­sierende) Subjekt führend ist, sondern auch darum, dass die „elitäre“ Intelli­genz, – nachdem sie von der die Persönlichkeit unterdrückenden Bevormundung durch die herrschenden Kreise (die sie materiell und ideell am Gängelband hielt) befreit ist – ebenfalls zu „Schurken“ wird (was übrigens nicht verwunderlich ist: ihrem sozialen Status nach ist sie die Oberschicht der Konformisten, die auf dem Gebiet der geistigen Produktion tätig ist, zum Beispiel die Kleinbürger unter den Bedingungen des Spätkapitalismus).

Ihr „ganzes Trachten“ richtet diese sich auf die Notwendigkeit, alle ihre Pro­bleme selbst zu lösen (von der ideologisch-moralischen Orientierung in der ihr unbe­kann­ten Welt, in der es weder „Oberschichten“ noch „Unterschichten“ gibt, bis zu der Notwendigkeit des Broterwerbs) und der Gefahr des Verlusts ihrer mate­riellen und geistigen Privilegien (wieso denn, wir sind doch die „geistigen Väter der Nation“!). Aus diesem Grunde wird sie in nicht geringerem Maße als die „kulturlosen“ Spießbürger zum „Schurken“. Und diese zwei „Schurken“, die sich anfangs erschraken und sich gegenseitig hassten („Schlag zu bei dem, der einen Hut auf hat!“; „Häng den Pöbel an den Galgen!“), finden sehr schnell zusammen in dem gemeinsamen Bestreben, eine Macht der harten Hand zu errichten. Dabei kann es sein, dass „elitäre“ Intellektuelle bisweilen nicht nur grob, sondern zu Bestien werden, wenn sie zur Zerschlagung der Revolution aufrufen, und das tun sie auch hinsichtlich der Kultur (man braucht nur an den bis zu direkten Mordaufrufen reichenden tiefen Hass vieler „Intelligenzler“ gegenüber Blok, Majakovskij und zahlreichen anderen Kulturschaffenden zu denken, oder daran, dass eine Reihe emigrierter „Intelligenzler“ den deutschen Faschismus unterstützt haben, der ganze Völker vernichtet hat, von Kultur­denk­malen gar nicht zu reden. Und diese Reihe von Beispielen könnte weiter fort­gesetzt werden21).

In diesem Sinne kann man mit vollem Recht sagen, dass ein „Schurke“ (in der oben dargelegten doppelten Bedeutung) wirklich die Hauptgefahr jeder Revo­lution und Kultur ist. Und gerade aus diesem Grunde ist die Zwieschläch­tigkeit der Massen (unter anderem auch der Intelligenz) in der Revolution (Subjekt der sozialen Kreativität versus „Schurke“) ein ganz tiefer und gefährlicher Wider­spruch, der nur in dem Maße gelöst werden kann, als es der Revolution gelingt, in den Werktätigen (und auch – darauf sei nochmals besonders hingewiesen – in der Intelligenz) nicht nur den Sklaven, sondern auch den Schurken zu über­winden und zu helfen, sich selbst bewusst in Erbauer einer neuen Gesellschaft und Kultur zu transformieren. Und die Bedingung hierfür ist, wie bereits gesagt, Integration der Kräfte von Revolution und Kultur.

 

5. Revolutionen sind Lokomotiven der Geschichte. Auf dem Wege zum „Reich der Freiheit“

Die Revolution als besondere Welt der sozialen Kreativität und als zeitweiliger (wenn wir von sozialen Revolutionen im Rahmen des „Reichs der Notwendig­keit“ sprechen) Sieg der sozialen Freiheit bringt einen speziellen Typ von sozialer Zeit und Raum hervor. Durch die gewaltige Verausgabung von Energie revolu­tionärer Kreativität eines große Massen erfassenden Subjekts werden sozi­aler Raum und Zeit zusammengepresst, wodurch ihre Konfiguration wesentlich verändert wird.

Im Verlauf einiger Tage oder Monate vollziehen sich in revolutionären Perioden so viele historische Ereignisse wie niemals in Jahrzehnten der Ruhe oder Stag­nation. Die Zeit der Revolution als Zeit unmittelbarer sozialer Kreativität ver­geht außerordentlich schnell und erfordert von den Teilnehmern dieses Pro­zesses ebenso schnelle und exakte, selbständige, schöpferische (und in diesem Sinne unbedingt talentvolle) Reaktion (oben wurde bereits besonders hervorge­hoben, dass unter Bedingungen von Revolutionen menschliche Talente unbe­dingt in großem Umfang benötigt werden, da die Geschichte, die ebenso wie die Natur keine Leere duldet, unter den Bedingungen des Zusammenbruchs des al­ten Systems Schöpfer neuer gesellschaftlicher Formen benötigt – und dies in gewaltigen Ausmaßen, worin Größe und Gefahr dieser Epochen liegt.

Nicht weniger radikal verändert sich der soziale Raum: die Revolution presst die Subjekte der sozialen Kreativität zu einer internationalen Welt zusammen, in der Arbeiter und Bauern nicht nur der größten Länder, sondern auch aus Dörfern in weit abgelegenen Gebieten anderer Kontinente (und dies – so sei gesagt – in vom Informationszeitalter weit entfernten Epochen), wo man nicht nur von Re­vo­lutionen hört (in Petrograd oder Paris), sondern auch bereit ist, die Kampf­genossen mit eigenen Kräften zu unterstützen. Unter diesen Bedingungen ver­ändern „Zentrum“ und „Peripherie“ oftmals wesentlich ihre Konfiguration; bis­weilen wird der periphere Charakter gänzlich überwunden, und in kleinen Randgebieten der „zivilisierten Welt“ (wie zum Beispiel in Kuba Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts) geschehen Ereignisse, die die ganze Welt in Erstaunen versetzen. Im Ergebnis lässt die in Raum und Zeit zusammen­ge­presste soziale Kreativität von Millionen Menschen (vor und nach der Revo­lution, in „gewöhnlichen“ Epochen, in der Welt und in der Geschichte verstreut) gewaltige gesellschaftliche Kräfte zum Leben erwachen und erzeugt eine außer­ordentliche Dichte solcher kurzen Zeiten miteinander zusammenhängender Er­eig­nisse und Veränderungen.

Unter Verhältnissen sozialer Revolutionen vergeht die historische Zeit außeror-dentlich schnell, der Raum schiebt sich zusammen und verkürzt den sozialen Abstand zwischen Menschen, Klassen und Staaten, denn hier wirken die Geset­ze der unmittelbaren sozialen Kreativität, wo zur Schaffung neuer gesell­schaft­licher Verhältnisse die Energie [1.] der breiten Massen und nicht einer engen Schicht der Elite genutzt wird, und [2.] diese Energie direkt und unmittelbar auf die Entstehung von Geschichte (außerhalb der Barrieren der Entfremdung) ge­rich­tet ist. Das ist der Grund, warum Revolutionen „Lokomotiven der Geschich­te“ werden. Gerade soziale Revolutionen sind Raum und Zeit einer maximalen (im Rahmen des „Reichs der Notwendigkeit“) Vorwärtsbewegung der Mensch­heit auf dem Weg der sozialen Befreiung. Die Revolutionen, das möchten wir nochmals feststellen, sind jene einzigartigen Perioden der Vorgeschichte, wo die Menschen selbst, direkt, vor den Augen der verblüfften Kleinbürger neue gesell­schaftliche Verhältnisse schaffen und sie institutionalisieren: neue Eigentums- und Verteilungsverhältnisse, heue Formen der Organisation der Arbeit und des politischen Lebens. Im Verlauf von Tagen und sogar Stunden werden gesell­schaftliche Phänomene geschaffen, die für immer in der Geschichte verbleiben: Deklaration der Rechte des Menschen, Sowjets der Arbeiter- und Bauerndepu­tierten und Tausende weitere…

Das geschieht aber nur in dem Maße, wie diese Handlungen nicht in Aktivismus und voluntaristische Gewalt ausarten. In der Praxis haben indes alle Revolu­tio­nen, die es in der Geschichte gegeben hat, in diesem oder jenem Мaße (und für uns ist gerade das Maß objektiv von Bedeutung) diese ansteckende Krankheit der „Entartung“ „durchgemacht“; alle – von den Bürgerkriegen und den Kriegen für die Unabhängigkeit vor der Großen Französischen Revolution und vor der Großen Oktoberrevolution; – und die Geschichte muss noch herausfinden, wo die qualitative Grenze überschritten bzw. nicht überschritten wurde, an der eine Revolution in eine Revolte ausartet, wo der überhitzte Dampf die „Lokomotive der Geschichte“ zur Explosion bringt und Zerstörung, Opfer und sozialen Rück­schritt bringt. Aber so, wie die Gefahr der Explosion einer Lokomotive nicht den Prozess der Entwicklung der Eisenbahn aufhalten konnte, so kann die Gefahr der Entartung von Revolutionen auch nicht die progressiven Verände­run­gen aufhalten, die die Werktätigen auf ihrem Weg zum „Reich der Freiheit“ indirekt oder direkt vollbringen.

Fassen wir zusammen.

Die Hauptvoraussetzungen, die die Menschheit direkt an die große Epoche des Übergangs aus dem „Reich der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ heranführen, das der direkte Erbe und die adäquate Form des Fortschritts und der Kreatosphäre sowie der sozialen Kreativität ist, das heißt die Vorausset­zungen der kommunistischen Revolution sind:

1) das Wachstum der Produktivität der Arbeit und des materiellen Reichtums, der Fortschritt der Produktivkräfte, die die erforderlichen Grundlagen für die soziale Befreiung schaffen; und in diesem Sinne alle Werktätigen, unabhängig davon, wie sie subjektiv zum Fortschritt der Freiheit stehen, sind Erbauer des materiellen Fundaments dieses Fortschritts;

2) der Fortschritt der Kreatosphäre, der einerseits ein Impuls zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und des Fortschritts der Produktivkräfte ist, bedeutet letzten Endes einen Fortschritt der Qualitäten der Persönlichkeit des Menschen (der Entwicklung seiner angeborenen Wesenheit), die unmittelbar zur Notwendigkeit eines Sprungs „jenseits“ der materiellen Produktion führt, zur Umwandlung der kreativen Arbeit zum Hauptfaktor der Entwicklung und andererseits in eine Grundlage des „Kulturellen“, in einen aufbauenden positiven Faktor künftiger sozialer Umgestaltungen, eine Art „Impfstoff“ gegen Aktivismus und eine übertriebene erkenntnistheoretische Überheblichkeit, als habe man die Gesetze der Geschichte richtig verstanden. Infolgedessen dienen alle kulturellen und kreativen Kräfte der Gesellschaft, die über Jahrtausende die Welt der Krea­tosphäre aufbaut, ebenfalls der Sache der Befreiung des Menschen.

3) der Kampf für die soziale Befreiung (der über eine Serie von Reformen und Revolutionen zu einer negativen Freiheit und weiter zum Klassenkampf des Proletariats geht) führt, nachdem er verschiedene Stufen durchlaufen hat, zur Bildung von Übergangsformen der Selbstorganisation der Werktätigen und Bürger und schließlich zur Entstehung des Subjekts der assoziierten sozialen Kreativität, das die große Aufgabe der sozialen Befreiung, die kommunistische soziale Revolution, unmittelbar vollzieht; aus diesem Grunde stehen alle wirklichen Revolutionäre und Reformer sowie Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit („Grenada, Grenada, Du mein Grenada…) geschlossen hinter jenen, die diese Revolution vollzogen haben.

In der Kommunistischen Revolution haben die Kräfte der Befreiung im Prozess der qualitativen Transformation des „Reichs der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“, der möglicher Weise lange Jahrzehnte, wenn nicht noch mehr Zeit in Anspruch nimmt, wirklich nichts zu verlieren als die Ketten der Entfremdung (und das nicht aus dem Grunde, weil sie arm sind, sondern weil sie in dieser Re­vo­lution den materiellen Reichtum aus einem Selbstzweck in ein Mittel und eine Voraussetzung für den Fortschritt des Menschen verwandeln).

Und in dieser Revolution gewinnen sie wirklich die ganze Welt (und dies auch nicht deshalb, weil sie eine Weltdiktatur errichten, sondern weil sie den Weg zur Ent­wicklung der assoziierten sozialen Kreativität eröffnen wollen, die es dem Menschen ermöglicht, eine Welt wahrer Freiheit zu gewinnen. Das bedeutet: eine Welt des Guten, der Wahrheit und der Schönheit. Das bedeutet, das Erbe des gesamten Reichtuns an Kultur anzutreten, das die Menschheit hervorge­bracht hat; und von diesem Augenblick an wird sich die Entwicklung der angeborenen Wesenheit des Menschen in adäquaten Formen vollziehen, die den Übergang von der Vorge­schichte zur Geschichte der Menschheit mani­festieren.)

Das ist aber nicht so, weil der Verfasser dies glaubt. Dies ist der „Ausdruck“ für die Entwicklung der objektiven Tendenzen der materiellen Produktion, der Kreatosphäre, des praktischen und geistigen Kampfes des Menschen für seine Befreiung. Daher können wir auch Karl Marx und Friedrich Engels interpre­tierend feststellen, dass die Welt der Entfremdung infolge ihrer inneren Wider­sprüche selbst die materiellen und kulturellen Grundlagen schafft und die sozia­len Kräfte ihrer Aufhebung, ihre „Totengräber“, in dem Maße entstehen lässt, wie die Produktivkräfte voranschreiten, die Kreatosphäre sich entwickelt und sich das Subjekt der assoziierten sozialen Kreativität (des Kampfes für die sozi­ale Befreiung) herausbildet.

* * *

Die Epoche des unmittelbaren Übergangs zum „Reich der Freiheit“, die Epoche sozialistischer Umgestaltungen hat 1917 in Russland begonnen, doch sie hat Großtaten, Fehler, Blut, Schweiß und die Inspiration der ganzen Welt bekannter und auch niemandem bekannter Reformer, Revolutionäre, Wissenschaftler, Künst­ler und Pädagogen, großer Denker und „einfacher“ werktätiger Neuerer in sich aufgesogen… Sie hat gewaltige Errungenschaften sozialer Kreativität und ungeheuerliche Mutanten hervorgebracht, sie wurde Grundlage nie da gewese­ner Inspiration für die Kultur und schrecklicher Verbrechen gegenüber dem Menschen…

Wir stehen noch am Anfang des Prozesses. Die entscheidende Phase des größten Aufstiegs in der Geschichte der Menschheit steht noch bevor. Gegenwärtig, beim Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert, erleben wir das Zurückrollen, die Revanche der Welt der Entfremdung. Doch wenn wir die Grenzen des „Reichs der Notwen­digkeit“, die Widersprüche seiner höchsten Stufe (des späten Kapita­lismus), die für die heutige Übergangsform charakteristischen Keime der Zu­kunft, die Errungen­schaften und die Fehler (Verbrechen?) des mutanten Sozi­a­lismus analysieren, – wenn wir dies alles verallgemeinern, so können wir das den kreativen Marxisten bekannte Gesetz (die Tendenz) der Zunahme der Frei­heit – eines nichtlinearen Fortschritts der materiellen, kulturellen und sozial-kreativen Voraussetzungen des „Reichs der Freiheit“ – formulieren und die real sichtbaren Züge des künftigen „Reichs der Freiheit“ schon heute prognosti­zie­ren…

Aleksandr Buzgalin















1 Der Text beruht auf Fragmenten aus dem Buch von A.V. Buzgalin und A.I. Kolganov „Global’nyj kapital“ [Das globale Kapital], Moskau 2015, Bd. 1, Kapitel „Soziale Revolutionen: Kontrapunkte der sozialen Befreiung, der Kultur und der Entfremdung“, S. 486 -512, russ., sowie auf dem zuerst in der Zeitschrift „Al’ternativy“ [Alternativen] veröffentlichten Artikel: Buzgalin A.V. Die Große sozialistische Oktoberrevolution: Mit dem Blick nach 90 Jahren // Al’ternativy, 2007. № 3, S. 20–44, russ.

2 Siehe: Oktjabr’ 1917: vyzovy dlja XXI veka [Der Oktober 1917: Herausforderungen für das 21. Jahrhundert] / Unter Gesamtredaktion von A. Sorokin, Moskau: LENAND 2009.

3 Ihre indirekte quantitative Widerspieglung („schwindender“ qualitativer sozialer Sprung) kann das Verhältnis von freier Zeit (die zur freien harmonischen Entwicklung des Individuums [in Assoziation] genutzt wird) und notwendiger Zeit sein, über die die Gesellschaft verfügt (dieser Gedanke ist in einer Reihe von Arbeiten von P. Kuznecov enthalten; siehe z.B. : Kuznecov, P. Po tu storonu otčuždenija [Jenseits der Entfremdung], Moskau 1990, S.. 227-251).

4 Von großem Interesse ist in diesem Zusammenhang, wie sich Maksim Gor’kij, der sich den Bolschewiki gegenüber in den Jahren 1917-1918 insgesamt recht kritisch verhalten hatte, in seinen berühmten „Nicht zeitgemäßen Gedanken“ dazu geäußert hatte, dass der nicht prometheische Beginn der Revolution bei den Massen soziale Kreativität ausgelöst hat.

 

5 Hier fassen wir im Wesentlichen die gut bekannten Thesen von Marx, Engels, Lenin, Gramcsi, Trotzki und weiterer Revolutionäre und Marxisten zusammen.

6 Am ausführlichsten ist diese ganze Problematik in den Arbeiten W.I. Lenins zu Fragen der sozialen Revolution entwickelt, was heutzutage gern “vergessen” wird (zum Teil vielleicht aus Allergie gegenüber allzu apolitischen Arbeiten der sowjeti­schen Vergangenheit).

7 Auf die Dialektik von “überholenden” und “zurückbeibenden” Mutationen werden wir im zweiten Teil des Textes noch zurückkommen.

8 Diese Widersprüche sind in einer Artikelreihe von L. Bulavka dargelegt. (Siehe Bulavka L.A. Kultur und Revolution: Dialektik der Genesis (Teil 1) // Al’ternativy. 2007, №3, S. 66-84; Kultur und Revolution: Dialektik der Genesis (Teil 2) // Al’ternativy. 2007, № 4. S. 28-55; Die Kreativität der Massen: Überholung der Realität (Die Leninsche Alternative) // Lenin online. 13 Professoren über W.I. Lenin / Unter der Gesamtredaktion von А. Buzgalin, L. Bulavka, P. Linke. Moskau, 2011; Die sowjetishe Kultur als das Ideale des Kommunismus // Kritischer Marxismus. Fortsetzung der Diskussion. 2. Auflage, ergänzt und korrigiert. / Unter Redaktion von А. Buzgalin, А. Kolganov. Moskau, 2002.).

 

9 G. Lukács schreibt, mit Bezug auf eine wirkliche Tragödie (von der “Antigone” von Sophokles über Shakespears “Hamlet” und weiter zu Rembrandt, Beethoven und Tolstoi), dass hier in der untrennbaren Einheit von Handlungen, die wirklich und echt mit der angeborenen Wesenheit des Menschen und dem unvermeidbaren persönlichen Scheitern eines in bestimmter Weise handelnden Menschen in Übereinstimmung stehen, eine poetisch exakte Darstellung gegeben ist. Der Verfasser stützt sich auf die russischsprachige gekürzte Übersetzung der aus dem deutschen Original von I.N. Burova und M.A.Žurinkaja übertra­genen Ausgabe von G. Lukács. “Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Prolegomena” unter Gesamtredaktion und mit einführendem Artikel von I.S. Narskij und M.A. Cheveshi Moskau 1991, S.272, russ.)

10 Siehe Ebenda, S. 273, russ.

11 Die Gründe hierfür (insbesondere die Notwendigkeit der Aneignung der Kultur durch das Subjekt der sozialen Kreativität) haben wir oben bereits erläutert.

12 L. Bulavka weist in ihren der vergleichenden Analyse der Renaissance und der sowjetischen Kultur gewidmeten Arbeiten zu Recht auf die Keime dieser Kultur und der sozialen Kreativität in der UdSSR in den Jahren 1920 bis Anfang der 1930er Jahre hin: “Gerade der Prozess der Herausbildung des Individuums als Subjekt ist das Wichtigste, was Renaissance und Sowjetepoche vereint. In diesen beiden Epochen wird sich das Individuum seiner als Subjekt bewusst, nur war im ersteren Fall die Kultur die Substanz dieses Subjekts und im zweiten die Geschichte… Es war kein Zufall, dass die Kunst dieser beiden unterschiedlichen Epochen… das ihnen gemeinsame heldenhafte und sogar titanische, lebensbejahende Bild des Menschen brauchte, wie es uns in künstlerischer Form einerseits nur in den Werken von Michelangelo und andererseits der Bildhauerin V. Muchina entgegengetreten war… Der Subjekt­charakter war die zentrale Idee auch in der sozialen Kreativität als eine der Seiten (neben dem Autoritarismus usw.) der sowjetischen Realität. Das Subjekt der sozialen Kreativität der zwan­ziger Jahre ging nicht von den Buchstaben der “Internationale” aus, und die innere Logik seiner schöpferisch umge­staltenden Tätigkeit selbst reproduzierte dieses Prinzip des Subjektcharakters objektiv als Grundlage seines qualitativ neuen gesellschaftlichen Seins. Darüber hinaus war gerade die umgestaltende Praxis die Hauptform, sich selbst bereits als Erbauer der neuen Welt zu betrachten.“ (Siehe Bulavka L.A. Die Renaissance und die sowjetischen Kultur // Voprosy filosofii [Fragen der Philosophie]. 2006. № 12. S. 35–50, russ. Siehe auch: Bulavka L.A. Das Phänomen der sowjetischen Kultur. Moskau, 2008, russ.).

 

13 Diese Aufgabe war allen großen Revolutionären seit W. Uljanow-Lenin bestens bekannt. Wie sie in der Praxis gelöst wurde und warum jeweils in einer bestimmen Art und Weise (mühevoll und in Widersprüchen) – diese Fragen beantwortet unserer Meinung zumindest zum Teil die vom Verfasser dargelegte Theorie des mutierten Sozialismus, worunter wir einen in histo­rischem Sinne in eine Sackgasse geratene Variante eines Gesellschaftssystems verstehen, das sich am Beginn einer weltwei­ten Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus befunden hat; das ist ein Gesellschaftssystem, das aus dem Rahmen des Kapitalismus herausgeht, das jedoch kein festes Modell bildet und als Grundlage für eine weitere Bewegung zum Kommunismus dient (ausführlicher siehe hierzu in dem Buch: Buzgalin A., Kolganov A. 10 Mythen über die UdSSR, Mos­kau, 2010, russ.; 2. Auflage Moskau, 2012, russ.).

14 Im klassischen Marxismus war der Begriff “Reich der Freiheit” mit dem Begriff “Kommunismus” identisch, was vom Verfasser voll unterstützt wird. Da jedoch der Begriff “Kommunismus” heute in der Regel mit dem Stalinsystem assoziiert wird, haben wir es vorgezogen, im Text sein Äquivalent zu benutzen, umso mehr als der Begriff “Reich der Freiheit” dem Haupt­problem dieses Textes inhaltlich näher kommt. Was “Sozialismus” anbetrifft, so haben A.I. Kolganov und ich in einer Reihe unserer aktuellen Arbeiten “Sozialismus” als Prozess der Transformation des “Reichs der Notwendigkeit” in das “Reich der Freiheit” (Kommunismus) bezeichnet.

 

15 In diesem explosionsartigen Drang der Unterschichten zur Kultur und zur Bildung liegt der Schlüssel zur Öffnung des geschlossenen Kreises des globalen kapitalistischen Systems der Epoche der “Wissensrevolution”, wo die Armen [fast] immer ungebildet sind und nicht lernen wollen (das heißt, “selbst schuld” an ihrer Armut sind), und die Reichen darum reich sind, weil sie gebildet sind und lernen wollen und weil sie auch möchten, dass ihre Kinder lernen…

16 So hat (um ein auf der Hand liegendes Beispiel zu wählen) die Zerschla­gung des faschistischen Modells des Kapitalismus und die Sicherung des Sieges der Sozialdemokratie riesige menschliche Opfer gekostet und zu einer kolossa­len Zerstörung materieller und geistiger Kultur geführt (bis hin zu konzentrierten Bombardierungen von deutschen Städten durch die englische Luftwaffe und zur Vernichtung Hunderttausender von Bürgern Hiroschimas und Nagasakis durch die amerika­nische “Demokratie”). Welche dieser Opfer notwendig waren, und welche nicht, um die Entwicklung des faschistischen Systems auf der Erde aufzuhalten, ist eine sehr komplizierte Frage. Diese Frage steht auch in anderen Fällen: Bürgerliche Revolutionen verhinderten eine weitere barbarische Unter­drückung des Menschen, der Kultur und der Produktion durch reaktionäre feu­­da­le Systeme. Die sozialistische Revolution in Russland wurde (zusammen mit den Revolutionen in Deutschland und in anderen Ländern) zu einer Bedin­gung der Beendigung des Ersten Weltkrieges und der Abwendung eines dikta­torischen Modells desselben “militärisch-feudalen Imperialismus”. Es gibt jedoch auch andere Beispiele von Pseudorevolutionen, in denen das Maß der Zerstörung das Maß des Aufbaus übertraf, wo reaktionäre soziale Systeme unter revolutionärem Banner entstanden.



 

 

17 Gemeint ist M. Bachtin. Das Schaffen von Fran­cois Rabelais und die Volkskultur des Mittelalters und der Renaissance“, Moskau 1965, 1990, russ.; deutsche Ausgabe: M. Bachtin. „Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkul­tur“. Hrsg. u. Vor­wort: R. Lachmann, Frankfurt a. M. 1987.

18 Siehe Fußnote 10.

19 Vielleicht möchte auch jemand hinzufügen, “die sie auch selbst ausgelöst haben”. Das ist eine berechtigte Fragestellung. Es ist bekannt, dass eine Revolution, die zu einem Thermidor geworden ist, oft ihre Initiatoren frisst. Auf die Analyse dieses Phänomens kommen wir noch zurück. Hier machen wir nur darauf aufmerksam, dass eine prinzipielle Erklärung schon im Zusammenhang mit der Charakteristik eines mutanten Sozialismus gegeben wurde, wo darauf hingewiesen wurde, dass unter Bedingungen ungenügender Voraussetzungen soziale Kreativität entstehen kann, dass dann aber in der Regel mutante Soziu­me hervorgebracht werden, in denen eine teilweise Zerstörung progressiven Potentials der Revo­lutionen stattfindet.

20 “Theoretisch gilt es für Marxisten als durchaus feststehend und durch die Erfahrungen aller europäischen Revo­lutionen und revolutionären Bewegungen vollauf bestätigt, dass der Kleineigentümer, der Kleinbesitzer (ein sozialer Typus, der in vielen europäischen Ländern sehr weit, ja massenhaft verbreitet ist), weil er unter dem Kapitalismus ständiger Unter­drückung und sehr oft einer unglaublich krassen und raschen Verschlechterung der Lebenshaltung und dem Ruin ausgesetzt ist, leicht in extremen Revolutionarismus verfällt, aber nicht fähig ist, Ausdauer, Organisiertheit, Disziplin und Standhaf­tigkeit an den Tag zu legen. Der durch die Schrecken des Kapitalismus ‘wild gewordene’ Kleinbürger ist eine soziale Er­scheinung, die ebenso wie der Anarchismus allen kapitalistischen Ländern eigen ist. Die Unbeständigkeit dieses Revoluti­onarismus, seine Unfruchtbarkeit, seine Eigenschaft, schnell in Unterwürfigkeit, Apathie und Phantasterei umzu­schlagen, ja sich von dieser oder jener bürgerlichen Modeströmung bis zur ‘Tollheit’ fortreißen zu lassen, — all das ist allgemein bekannt.” (W.I. Lenin. Der “linke Radikalismus”, die Kinderkrankheit im Kommunismus // Werke, Bd. 31, S. 16-17.)

21 Außerordentlich interessant sind in diesem Zusammenhang die Bemerkungen von M.I. Voejkov über die sozial-politischen Ansichten von V. Rozanov und I. Bunin (siehe Voejkov M.I. “Über Marxismus, Bolschewismus, Nationalismus und Humanis­mus (Randbemerkungen an gelesenen Büchern) // Al’ternativy. 2001. № 2. S. 227–230, russ.).