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Die Oktoberrevolution: Der Optimismus der Tragödie


Übersetzung aus dem Russischen. Dr. sc. phil. Ruth Stoljarowa 8/17

A. Buzgalin

Die Oktoberrevolution: Der Optimismus der Tragödie



Die Zeit kennt kein Mitleid. Sie verläuft nicht geradlinig. Sie rückt nicht nur alles an die rechte Stelle, sondern schüttelt – so scheint es – auch bereits geäu­ßerte Einschät­zun­gen dichter zusammen.

Das betrifft in vollem Maße auch die Oktoberrevolution. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts wurde auch sie oft eingeschätzt und wieder neu bewertet. Und dieser Prozess wird sich fortsetzen.

Vor zehn Jahren dominierte bei den Wertungen der Oktoberrevolution noch eindeu­tig die Kritik. Heute hat sich diese Verurteilung eklektisch mit No­stal­gie in Bezug auf die UdSSR und die imperiale Vergangenheit Russlands ver­mischt. Immer stärker machen sich konservative Großmachttendenzen bemerk­bar ­in Richtung auf Versöhnung zwischen „Weißen“ und „Roten“ mit Zuneigungsbekundungen zum Imperium (egal zu welchem…).

Das Eine wie das Andere ist kein Zufall: Wir befanden und befinden uns im Rückwärtsgang der Geschichte. Umso wichtiger ist es jetzt, wieder ehr­lich und offen über die großen Erfolge und schweren Fehler all jener nachzu­denken, die unsere Revolution verwirklicht haben. Nicht, um uns über sie zu stel­len, sondern um die ganze Bedeutung der Ansichten zu erkennen, die die Retrospektive von hundert Jahren bietet. Nicht um die eigenen kommunistischen Ansichten zu ka­schieren, sondern auch, damit man die Erkenntnis der objektiven Prozesse nicht entstellen kann. Nicht um zur Wahrheit in letzter Instanz vorzu­dringen, aber auch nicht, um offener Polemik mit ideellen Opponenten und Kollegen aus dem Wege gehen.

Es sei hervorgehoben: trotz aller Wandlungen, die es gegeben hat, bleibt im­mer auch etwas, was sich in seinen Grundlagen nicht vertändert. Das betrifft insbesondere den Stand­­punkt unserer Lehrer, unserer Genossen und des Verfasser selbst. Und aus diesem Grunde wiederhole ich im Folgenden ganz bewusst eine Passage aus inem Text, den ich zum 90. Jahrestag der Oktoberre­volution geschrieben hatte, und ergänze ihn nur in einigen Punkten.

Natürlich wird in dieser Diskussion das Wichtigste sein, ob die Ereignisse des Oktobers 1917 eine Revolution waren, und wenn ja, so was für eine.

In Kreisen unserer Opponenten, die zu der einen oder anderen Spielart konser­vativ-imperialer oder rechtsliberaler Strömungen gehören, ist es üblich, die Ok­to­berereignisse 1917 nur als einen Staatsstreich, als eine Verschwörung eines Häuf­leins ambitiöser Politiker zu betrachten, die den gesetzmäßigen Verlauf der Ge­schichte gestört und den schnellen Fortschritt der Russländischen Großmacht unterbrochen haben, indem sie das Land in die Arme des “Reichs des Bösen“ getrieben haben. Ihre Argumente sind allgemein bekannt und werden schon lange und wohlverdient von vielen bekannten Wissenschaftlern (u.a. auch in einigen Texten dieses Buches) sehr zu Recht und gut begründet kritisiert. In Arbeiten Hunderter solider Historiker, Politiker, Soziologen und Philosophen wurde gezeigt, welche qualitativen Veränderungen nach 1917 in der gesamten Materie des sozialen Lebens unseres Vaterlandes und vieler anderer Länder der Welt vor sich gegangen sind, welche bedeutsamen gesellschaftlichen Kräfte als aktive Subjekte und nicht als passive Objekte der Umgestaltungen darin einbe­zogen waren und wel­che Breite die Unterstützung der Aktionen der Revolution sowohl in unserem Lande wie in der ganzen Welt erlangt haben.

Seit dem Oktober 1917 begann die Suche nach qualitativ neuen Formen des ge­sellschaftlichen Lebens in sich ständig erweiternden Räumen, die schließlich ein Drittel der Menschheit erfassten.

Das betraf die Wirtschaft, wo die Verhältnisse der Warenproduktion und des Kapitals durch Verhältnisse der Planwirtschaft und der gesellschaftlichen An­eignung abgelöst wurden.

Das betraf die soziale Sphäre, wo sich eine neue soziale Struktur der Gesell­schaft herausbildete und die soziale Ungleichheit radikal abnahm.

Das betraf die Kultur, wo das hinsichtlich seiner Bedeutung und seines Poten­tials internationale Phänomen der sowjetischen Kultur entstanden war.

Und das Wichtigste, in diesem qualitativ neuen sozialen Raum-und-Zeit-Kontinuum entstand ein neuer Mensch, für den die Werte und die Praxis des kreativen Schaffens wichtiger waren als Besitz, für den das „Unsere“ wichtiger war als das „Meine“, als Macht und Geld.

Und das war ein Weltprozess, der nicht nur das sozialistische Weltsystem er­fasste, sondern praktisch alle Länder der Welt, wo sich die Kräfte des Sozialis­mus mehr oder weni­ger entwickelten.

Das war ein äußerst widerspruchsvoller, nicht linearer Prozess. Er führte zu großen Erfolgen und tragischen Niederlagen, aber es hat ihn gegeben. Mehr noch, ungeachtet der zahlreichen Niederlagen und Rückzüge setzt er sich auch im neuen Jahrhundert fort. Und das ist der Hauptbeweis dafür, dass im Jahr 1917 revolutionäre, epochale Veränderungen begonnen haben.

Doch die Feststellung dieser Tatsache entbindet uns nicht von der Notwendig­keit, die Frage zu beantworten, welche Art von Revolution (Revolutionen?) 1917 stattgefunden hat.



  1. Der Oktober 1917: Revolution. Sozialistische

 

Die These von der Oktoberrevolution als einer sozialistischen Revolution, die im Rahmen der früheren sowjetischen Tradition unerschütterlich erschien, ist unter den postsowjetischen Marxisten schon lange und mit Argumenten belegt in Zweifel gezogen worden1. In Weiterentwicklung der Thesen von A. Gramcsi, Rosa Luxemburg sowie einer Reihe von Vertretern der internationalen trotzkisti­schen Richtung usw. versuchen viele heutige Verfasser zu beweisen, dass die Oktoberrevolution von 1917 sowohl hinsichtlich ihrer realen Ergebnisse als auch hinsichtlich der realen Triebkräfte die Fortsetzung der Februarrevolution war, Teil eines Prozesses der bürgerlichen, wirtschaftlichen, sozialen und sogar technologischen Revolution in Russland. Das Ergebnis dieser Gedanken führte gesetzmäßig zu der Schlussfolgerung von einem im Großen und Ganzen bürger­lichen Charakter des „realen Sozialismus“. Bei verschiedenen Autoren kann die­se These unterschiedliche Variationen annehmen (Staatskapitalismus u.a.), doch das Wesen bleibt unverändert: der sozialistische Impuls der Oktoberrevo­lu­tion wird verneint.

Die Hauptargumente dieser Verfasser sind gut bekannt: das Hauptsubjekt der revolutionären Ereignisse konnte nicht das Proletariat sein (es war in Russland zahlenmäßig äußerst klein) und ist es auch nicht geworden. Die Hauptaufga­ben, die die Revolution wirklich gelöst hatte, waren bürgerliche (Industrialisie­rung, Urbanisierung, Überwindung des Analphabetentums usw.). Die sozial-ökono­mischen Verhältnisse, die in der UdSSR herrschten, kann man nur schwer sozia­listisch nennen, denn das Maß der Entfremdung des Menschen von der Arbeit, ihrer Mittel und Ergebnisse war – nach der Meinung dieser Verfasser – unter den Bedingungen dieses Systems kaum höher als unter den Bedingungen des „klassischen Kapitalismus“.

Gut bekannt sind auch die Gegenargumente jener, die (wie z.B. V.F. Slavin) besonders die sozialistischen Faktoren der Revolution im Auge haben.2 Das ist der sozialistische Charakter der Partei der Bolschewiki und anderer linker Par­teien, die die Revolution vollzogen haben; der Inhalt vieler sozial-ökonomischer Umgestaltungen (nicht nur der Nationalisierung, sondern auch der Planwirt­schaft, der sozialen Garantien usw.); der neue Typus des Menschen, der sich im Ergebnis des Sieges dieser Revolution herausgebildet hat; das Selbstbewusstsein ihrer Subjekte u.a.

Mit diesen Argumenten kann und muss man einverstanden sein, aber dennoch scheinen sie mir nicht ausreichend zu sein. Sie beweisen vor allem, dass wäh­rend der Revolution selbst und in dem System, das entstand, nachdem sie statt­gefunden hatte, reale Keime einer neuen, postkapitalistischen Gesellschaft vor­handen waren. Das kann man beweisen. Und damit können schließlich auch einige unserer Opponenten einverstanden sein.

Viel komplizierter und zugleich wichtiger ist es zu beweisen, dass der wirkliche Inhalt der Oktoberrevolution sozialistisch war. Und diesbezüglich möchte ich mich eini­gen oben genannten theoretischen Thesen über den Charakter der Re­volution zuwenden.

Wie im ersten Teil des Textes besonders hervorgehoben wurde, ist das Haupt­kriterium der sozialen Revolution das die Massen erfassende Erwachen sozialer Kreativität. Und die Oktoberrevolution war wirklich zur Quelle eines solchen Schöp­fertums der Unterschichten geworden, das auf das Verschwinden der Ent­fremdung in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens gerichtet war: Millio­nen von Menschen haben es sich nicht nur gewünscht, sondern sie haben bisweilen prak­tisch um den Preis ihres Lebens – so, wie sie es vermochten –, am Aufbau einer neuen Welt mitgewirkt; und es war kein Zufall, dass sie mit den Worten der „Internationale“ in den Kampf, in den Tod, auf die Baustellen und in die Schulen zogen: Die Arbeitsleute in Stadt und Land werden aufgerufen, sich von Müßig­gängern und Unterdrückung (das heißt, von der Entfrem­dung zu be­fr eien, wenn man es von der Sprache der Poesie in der Sprache der Philosophie überträgt) „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zu­hauf!“ Hier ist sie, die soziale Kreati­vität der Massen! Der Weg aus dem Nichts zum sozi­alen Subjekt, das mit seinen Händen, seinem Talent und seiner Lebens­kraft eine neue Welt erbaut und alle Formen der Gewalt überwindet.

(Es sei nochmals wiederholt: Wir erinnern uns aller Tragödien, verbrecherischer wie unvermeidbarer Fehler, die es nach der Oktoberrevolution gab, wir warnen vor deren Wiederholung und sind dennoch überzeugt, was wir mit diesem Buch bewei­sen, dass nicht dies die wichtigsten historischen Lehren der Oktoberre­vo­lution sind.)

Das Wichtigste an der Oktoberrevolution ist, dass die Werktätigen in ihr selbst neue soziale Formen hervorbrachten, die in sich die Keime von Verhältnissen einer neuen Gesellschaft trugen (es waren Keime, etwas Anderes kann es am Ausgangspunkt einer neuen Gesellschaft, was die Revolution ja war, noch nicht geben).

Diese These bedarf natürlich einer ausführlichen historisch dokumentierten Be­gründung, doch selbst ein historisch nicht sehr bewanderter Forscher kennt Bei­spiele von Zehntausenden neuer Formen sozialer Organisation, die noch in den Jahren des Bür­gerkrieges und erst recht in den 1920-er Jahren entstanden waren. Sie wurden überall geschaffen. In der Wirtschaft waren dies Kommunen und rea­le Genossenschaften, Programme langfri­sti­ger wirtschaftlicher Entwicklung (GOELRO – Abkürzung für Staatliche Kom­mis­sion zur Elektrifizierung Russ­lands) und Formen der allgemeinen Rech­nungsführung und Kontrolle… In der Politik gab es die Sowjets (Räte) und viele neue gesellschaftliche Orga­nisa­tio­nen und Bewegungen; zahlreiche Formen sozial-politischer und anderer selbst organisierter Tätigkeiten (was heute „Graswurzel-Demokratie“ bzw. „grass-roots democracy“ genannt wird). In der UdSSR existierten in den ersten Jahr­zehn­ten der Revolution unzählige davon. Im gesellschaftlichen Leben und in der Kultur war das ein Erwachen von Millionen „einfacher“ Bür­ger. Sie beteiligten sich an der Überwindung der Obdachlosig­keit und des Anal­phabeten­tums, bei der Luftschifffahrt und im Sport, bei der Gründung neuer künstleri­scher Vereini­gungen und Theater, bei den verschiedensten Arten künstle­rischer Selbstbetä­tigung, und es gab einen gewaltigen Aufschwung profes­sioneller Kunst…

Und all dies war eingebunden in eine Vielzahl von Wirtschaftsformen der Neu­en Ökonomischen Politik (NÖP) und verknüpft mit wachsender Bürokratisie­rung des politischen Systems usw.

Und dann kam dazu, dass dieser ganze kreative soziale Aufbau auf rückständi­gen Produktivkräften fußte und Aufgaben zu lösen waren, die im Großen und Ganzen im Rahmen des bürgerlichen Horizonts lagen (von der Elektrifizierung bis zu einer die breiten Massen erfassenden Alphabetisierung). Und dies wurde auf der Grundlage neuer, postkapitalistischer Formen der Organisation in An­griff genommen. Diese Formen wurden von neuen Subjekten geschaffen, von (hinsichtlich ihrer Werte und Motive) neuen Menschen, die auf neue Art mit ein­ander (Assoziationen) in einer neuen (solidarischen, kollekti­ven) Tätigkeit verbunden waren. Zum sichtbaren Symbol dieses Prozesses wurde eine freudige, gehobene, romantisch-enthusiastische Atmosphäre, die nicht vereinzelten Charakter trug, sondern herrschende soziale musikalische Untermalung einer revolutionären Epoche war.

Mehr noch, das war die Atmosphäre der Beschleunigung der sozialen Zeit („Zeit – voran!“ ist nicht nur die Bezeichnung eines Musikstücks, sondern der Rhyt­mus der Epoche) und der Eröffnung neuer Räume – des Himmels (und allgemei­ne Begeisterung für das Flugwesen), des Nordens usw.

So finden wir in der Praxis des ersten Jahrzehnts der Oktoberrevolution noch drei Merkmale der sozialistischen Revolution: (1.) eine romantische Durchfüh­rung der Revolution durch die zu neuem Leben erwachenden Unterschichten; (2.) Musik und Feierlichkeit; (3.) Beschleunigung der sozialen Zeit, große Dich­te und zugleich Offenheit des sozialen Raums.

Schließlich war das ja auch eine Kulturrevolution: Die Oktoberrevolution hat einen neuen kulturellen Prozess eröffnet, der ganz offensichtlich postkapitalisti­schen Charakter trug, was L.A. Bulavka in ihren Arbeiten nachgewiesen hat.3

Daher wage ich zu behaupten, dass die Dialektik der Oktoberrevolution nicht auf eine einzige Wertung reduziert werden kann: „bürgerliche — sozialistische“.

Ja, sie löste Aufgaben, die im Prinzip das kapitalistische System hätte bewäl­tigen müssen, und sie tat dies auf kapitalistischen (bisweilen sogar frühkapitali­stischen) Grund­lagen. Sie hat diese aber mit nichtkapitalistischen Methoden zu lösen begonnen und dabei nichtkapitalistische soziale Formen ins Leben geru­fen, was unter Anderem dazu geführt hat, dass diese bürgerlichen Aufgaben auf eine andere Art und Weise gelöst wurden.

Wenn wir versuchen, die eigentlich sozialistische Linie zu verfolgen, die von der Okto­berrevolution ausgeht, so können wir feststellen, dass die wirkli­chen Errungenschaften, die es in unserem Land gegeben hat, auf dem Gebiet der Lösung folgender Aufgaben liegen:

  • weniger eine bürgerliche Industrialisierung anzustreben (die vor allem auf eine Massenproduktion von Konsumgütern orientiert, als eine über eine industrielle gesellschaftliche Produktion neuen Typs hinausgehen­de halb- (mutant-) sozialistische wissenschaftlich-technische Revo­lution (Fundamentalwissenschaft, Kosmos, Bil­dungswesen und Erziehung);

  • weniger eine bürgerliche professionelle Ausbildung zu gewähr­leisten , als eine halb- (mutamt-) sozialistische humanistisch orientierte allgemeine hohe Kultur der Bevölkerung;

  • weniger Gewährleistung einer bürgerlichen Demokratie (die es ja auch gar nicht gab, und was auch gerade einer der Gründe für den Zusammenbruch der UdSSR war), als erste Keime einer höhe­ren praktischen Basisdemokratie realer sozialer Kreativität.



Das Paradoxon der Oktoberrevolution und der folgenden Jahre des Aufbaus des Sozialismus bestand darin, dass wir die eigentlich bürgerlichen Aufgaben gerade sehr schlecht gelöst hatten (Defizitwirtschaft anstelle von „Konsumgesell­schaft“, technologische Rückständigkeit zahlreicher Sphären anstelle von hoher Arbeits­produktivität usw.). Das Einzige, wo wir wirklich Erfolge hatten, war gerade in den postkapitalistischen (teilweise sogar in den postindustriellen) Sphären – bei der Gewährleistung einer für alle zugänglichen Bildung auf hohem Niveau mit dem Ziel der Herausbildung eines vielseitig entwickelten Menschen und nicht eines engen Spezialisten; die Erschließung des Kosmos und der Fundamental­wissenschaft; die Entwicklung einer hohen Kultur und deren garantierte Zu­gäng­lichkeit für die Massen…

Dazu kommt, dass ein solcher Trend unweigerlich die komplizierte Frage auf­wirft, auf die der durch die Oktoberrevolution entstandene „reale Sozialismus“, als er von der Bühne der Geschichte abtrat und zusätzlich unter dem Druck der ihm angeborenen Last stand, keine in die Zukunft weisende Antwort finden konnte. Diese Frage ist gut bekannt: kann man postkapitalistische Aufgaben lösen, wenn man die eigentlich bürgerlichen nicht gelöst hat, und ist der reale Sozialismus nicht letzten Endes deshalb zusammengebrochen, weil die bürger­lichen Aufgaben des Massenkonsums usw. bei uns nicht gelöst worden waren?

Diese prinzipiell wichtige Frage wollen wir vorerst noch beiseite lassen. Wir wollten in diesem Falle etwas Anderes zeigen: nämlich, dass der Impuls der Oktoberrevolution, trotz des stalinschen Terrors und der brežnevschen Stag­nation einen machtvollen (zwar allmählich schmaler gewordenen) Strom neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und Tätigkeitsformen, menschlichen Handelns, von Werten und Motiven postbürgerlichen, sozialistischen Typs ausgelöst hat.

Die Opponenten können entgegnen: das war nicht die einzige Linie der Oktoberrevolution.

Ja, das stimmt.

In der durch die Oktoberrevolution entstandenen Praxis hat sich die rote Linie des Aufbaus des Kommunismus (die durch die Kraft der Revolution hervorge­bracht worden war und über lange Zeit die Hauptlinie darstellte) mit der schwarzen Linie der Diktatur der Bourgeoisie und der „goldenen“ Linie des halblegalen Kapitalismus sowie mit der mit den patriarchalischen „Bodenver­hältnissen“ verbundenen Linie und der grauen Linie des Konformismus und des Spießbürgertums verflochten (und es war gerade die Letztere, die schließlich zum Zusammenbruch der UdSSR geführt hat, als die durch die Oktoberrevoluti­on entstandene Kraft der sozialen Kreativität erschöpft war). In dieser Praxis war auch viel enthalten, was als Trägheitsmoment der gesellschaftlichen Ent­wick­lung gelten muss und was zerstörende Bestandteile der Revolution selbst in sich trug. Die Unterschichten der UdSSR hatten nicht nur die Prin­zipien der as­so­zi­ier­ten sozialen Kreativität in sich, sondern auch moralisch negative Züge. Ein Teil der Intelligenz beteiligte sich an der Revolution und schuf im Dialog mit den Massen neue Wunder der Technik und eine qua­litativ neue Kultur, und ein Teil lief von der Revolution weg. Die Sowjetmacht eröffnete Tausende neuer Schulen und Museen, doch der Bürgerkrieg und die stalinsche Modernisierung vernichtete eine Menge von Objekten und – was viel schrecklicher ist – Subjekte der Kultur.

Darin liegt die reale Dialektik der Revolution. Und diese Dialektik ist so, dass die Bilanz von Zerstörung und Aufbau sehr beweglich war und schwankte, indem sie über viele Jahrzehnte zu phantastischen Errungenschaften und grausa­men Zerstörungen geführt hatte, bis das Sowjetprojekt zusammenbrach. Und das war eben auch eine Revolution.

Eine andere Frage aber ist, ob es sich um eine „Revolution gegen das ‚Kapital’“4 handelte.



  1. Die Oktoberrevolution: War sie eine Revolution gegen das „Kapital“?

 

Betrachtet man das Problem streng politökonomisch und geht nur von der einen Marxschen These aus, dass eine Revolution dort stattfindet, wo die alten Pro­duk­­­­ti­onsverhältnisse zu einem Hindernis für die Entwicklung neuer Pro­duktiv­kräfte geworden sind und die alten überholt haben, so wäre die Oktoberrevolu­tion wirklich „falsch“ gewesen. Doch die antikapi­talistischen sozial-ökonomi­schen und politischen Veränderungen, die sich im 20. Jahrhundert in vielen schwach- und durchschnittlich entwickelten Ländern objektiv vollzogen hatten, stellten das Problem der Möglichkeit einer überholenden Entwicklung und der Lösung bürgerlicher Aufgaben in nichtkapitalistischen Systemen. (1.) Fortschritt der Technologie, Schaffung einer spätindustriellen Wirtschaftsform und Über­gang zu einer vorrangigen Entwicklung der Kreatosphäre und (2.) Sicherstellung des materiellen Wohlstandes auf dem Niveau einer „Konsumgesellschaft“ (je­doch mit anderer Struktur des Konsums und mit anderen die engen Auffas­sun­gen einer „Konsumgesellschaft“ überwindenden Prioritäten der Werte der Men­schen), Berufsausbildung usw.

Den Schlüssel zur Lösung dieses theoretischen Problems liefert zum Teil die Methodologie des „Kapital“, vor allem die Theorie der formalen und realen Unterordnung der Arbeit unter das Kapital. Im Rahmen Letzterer wird gezeigt, dass die „auf Wachstum“ ausgerichteten Produktionsverhältnisse des Kapitalis­mus unter günstigen sozial-politischen Bedingungen (zum Beispiel in den Niederlanden im 16. Jahrhundert) eine überholende Entwicklung der Tech­nologien gewährleisten konnten. Und umgekehrt, bei ungünstigen Bedingungen konnten sich die industriellen Technologien in feudalen Formen entwickeln (leibeigenschaftliche Fabriken in Russland im 19. Jahrhundert).

Von hier kommt die Hypothese, dass es möglich ist, unter günstigen Bedingun­gen Verhältnisse einer formalen Befreiung der Arbeit auf der Grundlage von tech­nologischen und kulturellen Voraussetzungen zu entwickeln, die für das postka­pitalistische System unzureichend sind.

In diesem Zusammenhang schlägt der Verfasser eine die leninschen Hauptideen konkretisierende Hypothese zu den Bedingungen vor, unter denen „ein „Weiter­bauen“ von Voraussetzungen für eine neue Gesellschaft unter Bedingungen mög­­­­­lich ist, wenn der revolutionäre Übergang zum Aufbau dieser Gesellschaft auf nichtadäquater Grundlage erfolgt ist. Zu diesen Bedingungen für eine über­holende Entwicklung von Voraussetzungen und Elementen des Sozialismus auf nichtadäquater materieller Basis gehören mindestens folgende:

Erstens. Die Ausarbeitung und die Verwirklichung einer Strategie der Lösung der bürgerlichen Aufgaben (in erster Linie der Schaffung einer entwickelten tech­nologischen Ba­sis in der materiellen Produktion und bei Gewährleistung eines rationellen Niveaus des Konsums der Bevölkerung) mit neuen Methoden und in neuen sozi­alen Formen. Insbesondere müssten unter derartigen Formen Verhältnisse einer formalen Befreiung der Arbeit sein (Selbstverwaltung, sozi­ale Kreativität und Neuerertum der Arbeitenden unter den Bedingungen des ford­schen Modells der Arbeitsorganisation: eine Situation, die nicht mehr, aber auch nicht weniger wi­dersprüchlich ist als die kapitalistische Produktion auf der Grundlage manueller Arbeitsgeräte), neue Formen utilitären Bedarfs (in der UdSSR hatte man keine wirksamen humanistischen Alternativen weder zu einer „Bedarfsgesellschaft“ noch zu einer „Defizitwirtschaft“ gefunden, was jedoch zu den Schlüsselproblemen eines Frühsozialismus gehört) usw.

Zweitens. Die Entwicklung neuer, vorrangig auf kreativer in großem Maßstab ausgeübter Tätigkeiten (Arbeiter und Ingenieure für Rationalisierung, Lehrer und Erzieher, medizinisches Personal und Sporttrainer, Künstler und Ökolo­gen…) sowie von Technologien und Arbeitsgebieten, die den Anforderungen der neuen Gesellschaft entsprechen und nicht Prozesse des Spätkapitalismus imi­tieren. Besonders sei hier nochmals betont: für den Sozialismus müssen in erster Li­nie solche Prozesse Geltung haben wie die Entwicklung eines hochqua­lifizier­ten auf die Massen orientiertes Bildungswesen, Gesundheitswesen, Kul­tur, Wis­sen­­schaft, Rekreation von Natur und Gesellschaft, Arbeit einsparende Technolo­gien, alle anderen die Fähigkeiten des Menschen entfaltenden Formen kreativer Tätig­keit, jedoch keinen Militarismus, keine Finanzspekulationen oder Massen­kultur. Und dies soll sich vorwiegend auf der Grundlage der Herausbil­dung neuer sozi­al-ökonomischer Verhältnisse entwickeln.

Drittens. Das Vorhandensein einer mächtigen Kraft sozialer Kreativität („Enthu­siasmus“), wodurch sich Verhältnisse der formalen Befreiung der Arbeit her­aus­bilden und die unzureichende Entwicklung der materiell-technischen Voraus­set­zungen kompensiert werden. Natürlich kann Sozialismus nicht nur mit Enthu­siasmuis aufgebaut werden, doch ohne Enthusiasmus, ohne die Kraft der sozi­alen Kreativität eines bedeutenden Teils der Gesellschaft ist es auch nicht mög­lich. Dass diese beiden Thesen ihre volle Berechtigung haben, findet in den Er­fah­rungen sowohl der Entstehung wie des Zusammenbruchs des „realen So­zialismus“ seine Bestätigung.

Viertens. Die vorrangige Entwicklung einer echten Kultur als (neben dem sozia­len kreativen Aufbauwerk) zweiter unabtrennbarer Faktor zur „Kom­pensierung“ der ungenügenden Entwicklung der materiell-technischen Basis.

Fünftens. Im Prozess des Übergangs zum „Reich der Frei­heit“ werden im Rah­men gemischter Gesellschaftssysteme die am weitesten entwickel­ten For­men der „alten“ sozial-ökonomischen Organisation dort ausgenutzt, wo für die Heraus­bil­dung neuer Formen keine Bedingungen vorhanden sind; und außerdem werden neue Formen nur in dem Maße entwickelt, wie adä­quate materiell-tech­ni­sche Voraussetzungen existieren (es könnte ja sein, dass sie gerade nicht aus­reichend vorhanden sind), wo es aber dennoch genügend soziale Kraft gibt, um neue sozial-ökonomische und gesellschafts-politische Formen herauszu­bilden, zu „erschaffen“.



Wesentlich ist hierbei die Dynamik im Verhältnis der alten und der neuen For­men. So ist für China in den letzten Jahren wie für die UdSSR der Epoche der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) eine gemischte Wirtschaft charakteristisch. Doch zwischen diesen Soziumen gibt es einen prinzipiellen Unterschied: im er­sten Fall stehen rein bürgerliche Ziele (Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und Fortschritt der „Großmacht“ mit allen Mitteln); oder dass die Keime des Sozialismus langsam austrocknen, ohne es geschafft zu haben, sich von den mu­tanten Formen zu befreien; oder sie werden von den kapitalistischen Formen verdrängt (auf jeden Fall dominiert dieser Trend noch in der Chinesischen Volks­­republik. Im zweiten Fall, in der UdSSR der Periode der NÖP wurden sozialistische Aufgaben gestellt, und es wurde versucht, sozialistische Methoden anzuwenden, um sie zu erfüllen. Dieser Versuch misslang dann aber. Er miss­lang, weil man von der oben genannten Strategie abging (ob das objektiv unver­meidlich war oder auf subjektiven Gründen beruhte, wollen wir hier nicht erör­tern.)

Sechstens. Sicherung der Formen der Basisdemokratie (Aufbau eines „Sozia­lis­mus einer Zivilgesellschaft“, so wird das in der Sprache des neuen Jahrhun­derts genannt) als absolut notwendige Bedingung der Verwirklichung aller oben ge­nann­ten Prozesse.

Leider waren die sozialen und politischen Bedingungen in der UdSSR für die Lösung der Aufgaben einer überholenden Entwicklung nicht günstig, es wurden keine nichtkapitalistischen Formen für der Lösung der Probleme der techno­lo­gi­schen Entwicklung und des Wachstums des Konsums gefunden (bzw. sie wur­den nur teilweise gefunden, – auf dem Gebiet des Bildungswesens, der Funda­men­talwissenschaft und der Kultur).

Wenden wir uns wieder den Herausforderungen der Oktoberrevolution zu und ziehen wir Schlussfolgerungen.

Ja, die Oktoberrevolution – wie praktisch jede Revolution – hat unter Bedin­gungen stattgefunden, als durchaus nicht alle notwendigen und ausreichenden Voraussetzungen für ihre schmerzlose Durchführung vorhanden waren. Doch Revolutio­nen finden bekanntlich nicht dann statt, wann die Revolutionäre es wollen, son­dern dann, wenn die Massen die Unterdrückung des alten Systems nicht länger ertragen können und die Kräfte der Entfremdung die Kontrolle über die Ereig­nisse verlieren. Und dies geschieht immer dort und dann, wo und wann die not­wendigen Bedingungen für den Sieg eines neuen Gesellschaftssystems noch nicht vollständig vorhanden sind.

In diesem Falle besteht die große Mission und Verantwortung der revolutionären Kräfte darin, es zu schaffen, die fehlenden Elemente des neuen gesell­schaft­li­chen Gebäudes noch im Prozess der revolutionären Ereignisse hinzuzufügen.

Und in diesem Sinne muss man dem Mut und der Verantwortung der „lenin­schen Garde“ hohe Anerkennung zollen, dass sie sich entschlossen hatte, unter den außerordentlich kompli­zierten Bedingungen der Krise des Russländischen Impe­riums diesen Weg einzuschlagen, und dass sie an den Inte­ressen und Ak­tionen der brei­testen Massen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhun­derts in vielen Ländern der Welt zur Revolution erhoben hatten, weder aus Vorsicht noch aus Angst Verrat übten, wie dies bei den Menschewiki und Co. praktiziert wurde. Eine andere Sache ist es, dass es den Bolschewiki nicht gelang, diese Linie des „Weiterbauens“ der Vorausset­zun­gen der Revolution nach dem politischen Um­sturz durchzuhalten: in der UdSSR haben ihre Nachfolger im Kampf… gegen ihr Alter Ego – den Mutati­onen des Sozialismus und den Verrätern der Sache des Sozialismus – eine Niederlage erlitten. Nebenbei bemerkt, neben der Nie­derlage und der Tragödie der Bolschewiki war und bleibt der mutante Sozia­lis­mus auch noch eine Großtat von ihnen – eine Großtat all jener, die die Okto­berrevolution ins Werk gesetzt hatten und die als ihre würdigen Fortsetzer das 20. Jahrhundert zur Epoche des Kampfes für den Sozialismus im Weltmaß­stab gemacht hatten.

Und im Weiteren wirkt die theoretisch dargestellte Gesetzmäßigkeit: in dem Ma­ße, wie es nicht gelingt, die Voraussetzungen der sozialistischen Revolution „weiterzubauen“ (bzw. wo es objektiv unmöglich ist, infolge der Unzulänglich­kei­ten der Grundlagen für die Geburt der neuen Gesellschaft) artet sie unweige­r­lich in eine Konterrevolution aus und führt entweder zur Wiederherstellung des alten Systems oder zum Entstehen einer mutanten Art der neuen Gesellschaft, die zu inadäquaten objektiven und subjektiven Bedingungen (wie zum Beispiel eine Entartung der revolutionären Kräfte, „Thermidor“) fähig ist, (und zwar infolge dieser Mutationen).

Beispiele dieser Mutationen sind nicht nur die stalinsche UdSSR, sondern auch viele weitere Soziume, unter anderem mutant kapitalistische Monster von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die in sich militärisch-feudale und imperialistische Züge vereinten. Und wenn wir im Falle der UdSSR von einer „überholenden“ Mutation sprechen können, zu der es infolge der objektiven Ten­denz der Großen sozialistischen Oktoberrevolution gekommen ist, mit der Schaffung der neuen Gesellschaft „zu früh“ zu beginnen, so wäre es im Falle der bürgerlichen Umgestaltungen im Russländi­schen Imperium richtiger, diese als „zurückbleibenden Mutation des Kapitalis­mus“ zu bezeichnen.5. Letztere ent­stand, weil die Bewegung zur bürgerlichen Gesellschaft zu spät begonnen hat und zu langsam vor sich ging, weil sie von den herrschenden Klassen künstlich gehemmt wurde, weil sie ungenügend radi­kal war und mit zwieschlächtig refor­mistischen Methoden verwirklicht wurde, was zum Entstehen eines „militärisch-feudalen Imperialismus mit Massenarmut, Anal­pha­be­tentum und politischer Ras­putinscher und Romanowscher Diktatur führte.

Jedoch! Wir müssen immer und immer wieder unterstreichen: Es wäre ein gro­ßer Feh­ler zu glauben, diese Mutationen seien eine Folge davon gewesen, dass die Re­vo­­lu­tionäre im ersten Falle zu übereilt gehandelt hätten und zu radikal gewesen wären, und im zweiten Falle zu schwach und zu unentschlossen. Die Dialektik des Objektiven und des Subjektiven in der Revolution ist viel kompli­zierter, und wir waren daher bemüht, im ersten Teil des Artikels einige grundle­gende Auffassungen dieser „Algebra“ aufzuzeigen und soweit möglich, an Er­fah­­rungen und Theorie großer Revolutionäre vergangener Jahrhunderte zu erinnern.

Und noch etwas sei wiederholt: Wird eine objektiv herangereifte Revolution nicht vollzogen, so kann dies zu Rückschritt und noch bedeutend größeren Opfern führen, als wenn sie stattfinden würde. Und das wären dann ja auch noch dazu Opfer eines sozialen Rückschritts.

Das trifft auch auf die Oktoberrevolution voll zu. Hätte sie 1917 nicht statt­ge­fun­den, so hätte es kein friedliches Aufblühen im Sinne einer belgischen sozial­demokratischen „Monarchie“ wie in heutigen Zeiten gegeben, sondern eine blu­tige Diktatur und die Fortsetzung des Weltkrieges mit Eintreibung einer Le­bens­­mittelsteuer, die schon lange vor den Bolschewiki begonnen hatte. Mehr noch, im Falle einer Niederlage der Oktoberrevolution hätte die Welt insgesamt vor der Gefahr eines totalen Siegeszuges des Faschismus gestanden. Denn dieser suchte gerade für das internationale Finanz- und Indu­striekapital die adäquate­sten Formen der Macht und stellte eine bedeutend passendere Mutation des Kapi­talismus dar als der Sozialdemokratis­mus, der nicht nur gefordert hätte, die Macht, sondern auch Eigentum und Einkünfte zu teilen. Ich möchte mir hier eine kleine Abschweifung gestatten, ohne die alles vom Verfasser vor- und nachher Gesagte in einem falschen Licht erscheinen könnte. Ich muss die Frage beantworten: kann eine solche Revolution friedlich sein und auf demokratischem Wege vor sich gehen?

 

3. Die Oktoberrevolution: Die Dialektik von sozialer Kreativität und Gewalt



Die Kommunisten des 20. Jahrhunderts werden nicht müde, immer wieder diese Frage zu stellen; sie ist aber von Geschichte und Praxis beantwortet. Was Letz­teres anbetrifft, so haben die Praktiker des 20. Jahrhunderts des Öfte­ren darauf in positivem Sinn geantwortet. Unter bestimmten Umständen ist es möglich.

Erstens, die Oktoberrevolution selbst hat praktisch friedlich gesiegt, und, was auch wichtig ist – demokratisch. Der von der liberalen und sogar von der sozial­demokratischen Intelligenz verbreitete Mythos von den usurpatorischen Bol­sche­wiki und dem blutrünstigen Lenin, die ihr ganzes Leben nur danach gestrebt hätten, die Macht zu ergreifen, und dafür die Partei der Bolschewiki gegründet hätten, dieser Mythos hat zwar keinerlei Grundlagen, ist aber immer noch aktiv.

Er ist zählebig, weil er von den realen Widersprüchen des sozial-ökonomischen Lebens des Spätkapitalismus losgelöst ist und faktisch nie in der sozial-kreativen Praxis der Massen eine Rolle gespielt hat, die in ihrem Leben nur zwei Haupt­ziele hat­ten: satt zu essen zu haben und frei sprechen zu können. Ein liberaler Vertreter der Intelligenz fürchtet wahre Demokratie, Volksmacht, die sich vor allem in der lebendigen Kreativität des Volkes äußert, – was in der Sprache der Theorie as­so­ziiertes soziales Schöpfertum/Kreativität oder soziale Befreiung heißt.

Er fürchtet sich, weil dies ihm den Status eines privilegierten Einsiedlers nimmt und ihn zu Handlungen zwingt, die einem solchen Intellektuellen fremd sind: er ist an postmodernistische Diskurse gewöhnt, in denen man ein Recht auf Zwei­fel hat, aber kein Recht auf Lösungen, es gibt Entsubjektivierung, aber keine Ver­antwortung des Subjekts der Geschichte zu handeln; es gibt Dekonstruk­tion und Deterrialisierung, aber keine moralische und politische Verpflichtung selbst auch nur eine Konstruktion und Grundlage von Terra zu schaffen oder gar Geschichte. Es ist ja viel einfacher, damit einen „Berufspolitiker“ zu beauf­tra­gen, der in den Vorstellungen eines solchen Intellektuellen bestens zu Überein­künften fähig ist und, was das Wichtigste ist, auch fähig ist, die richtigen Worte u finden.

Der Mythos von der Oktoberrevolution als einer Verschwörung ist aber auch inhaltlich und der Form nach haltlos. Die reale Grundlage der von den Bolsche­wi­ki begonnenen revolutionären Umgestaltungen war die von unten ausgehende und von den Massen getragene Forderung: „Frieden den Völkern! Brot für die Hungernden! Das Land den Bauern!“ Das waren keine Losungen der Bolsche­wiki, sondern die Losungen der Massen. Sie wurden von der Mehrzahl der de­mo­kratischsten Organe zum Ausdruck gebracht, die es damals in Russland gab. Und die Bolschewiki wurden vom Sowjetkongress unterstützt. Was die Konsti­tu­ierende Versammlung betraf, sie war nachdem die Bol­schewiki sie verlassen hatten, einfach illegitim geworden, denn… sie besaß kein Quorum. Im Ok­tober 1917 war es zweifellos so, dass die demokratischen Verfahrensweisen nicht vorrangig waren, doch sie wurden paradoxer Weise eingehalten… Dazu kam, dass die Massen der Arbeiter- und Soldatendeputierten, was die Führer der SDAPR selbst mitgeteilt hatten, in ihren Forderungen radikaler waren als die Bolschewiki, schon gar nicht zu reden von den Parteien der Provisorischen Regierung.

Und was die Aktionen anbetrifft, so hat der Sowjetkongress, nachdem er die Macht ergriffen hatte, ein Programm recht gemäßigten Vorgehens verkündet. Es sei erinnert: im November 1917 hat die Sowjetmacht mit der allgemeinen Rech­nungsführung und Kontrolle begonnen, und nach Beendigung des Bürgerkrie­ges, den nicht sie begonnen hatte, ging sie zur Schaffung eines gesellschaft­li­chen Wirtschaftssystem über, das für 50 Jahre das „skandinavische Modell“ be­vorzugte, von dem es sich in Einem unterschied, und zwar qualitativ, das betraf die Macht der kommunistischen Partei.

Dann wurde alles anders? Ja und nein.

Ja, weil die Konfrontation in der Zeit des Bürgerkrieges außerordentlich grau­same Formen angenommen hatte und Russland mit Blut bedeckt war.

Ja, weil zwei Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution, die zur Übergabe der Macht an das Volk berufen war, die reale politische und ökonomische Macht vorwiegend in den Händen der Nomenklatur von Partei und Staat konzentriert war, die in vielem mit bürokratisch-repressiven Methoden agierte und sich zu­gleich auf den realen Enthusiasmus der Mehrheit der Werktätigen stützte, die mit dem Aufbau ihres Landes beschäftigt waren. Und da diese Nomenklatur keine andere Grundlage hatte, handelte sie objektiv und subjektiv nicht nur im Interesse der Festigung ihrer eigenen Macht, sondern auch im Interesse des Fortschritts des Landes und dessen Bürger.

Nein, weil die Macht der Sowjets im Winter 1917-1918 von den meisten Regio­nen Russlands unterstützt wurde. Sie wurde auch von der Mehrheit der kriegs­mü­den Soldaten unterstützt sowie von nicht weniger als einem Drittel der Offi­ziere, die verstanden hatten, dass die Bolschewiki die Wahrheit vertreten. Die Wahrheit, denn sie wurden von der Mehrheit unterstützt. Die Wahrheit, da nur sie den Fortbestand Russlands garantieren konnten…

Nein, weil die Mutationen der Revolution und das nachfolgende Vorankommen auf dem Wege zum Sozialismus stark im Verantwortungsbereich von Men­schen lag, die die Bestrebungen der Mehrheit der Werktätigen nicht unterstütz­ten. Und die Mehrheit der Werktätigen wurde, das war offensichtlich, von einer Min­der­heit nicht unterstützt, in deren Händen sich bisher Macht und Eigentum befun­den hatten und die im Ergebnis der Revolution beides verloren hatten. Und wen würde der Teil der Armee, die im Kampf gestanden hatte, bereit sein zu vertei­digen? Und wer war bereit, beträchtliche Stücke der Heimat an irgend jemanden abzutreten: entweder an den verhassten Feind, an die Deutschen (die, nebenbei be­merkt, kurz vor der Oktoberrevolution Riga erobert hatten und denen die Gegner der Revolution den Weg nach Petrograd freigeben wollten) oder an jene nicht minder verhassten Freunde, die Engländer und Franzosen und noch an die Japaner, die Amerikaner usw.

Durch diesen Widerspruch und nicht durch den bösen Willen der Bolschewiki kam es zum Bürgerkrieg. Und die Bolschewiki waren dazu bereit.

Und die Alternative? Aus irgendeinem Grunde sehen unsere liberalen Intellek­tuellen diese nur in einem demokratischen rosafarbenen Licht (vielleicht sogar noch mit einem tugendhaft menschlichen Monarchen an der Spitze). Doch die Wahrheit der Oktoberrevolution besagte, dass ein alternativer Sieg der Bolsche­wiki eine schreckliche Vereinigung zweier seltsam gleicher Tragödien gewesen wäre: von Diktatur und massenhaften Repressionen einerseits und Fortsetzung des Krieges mit schließlicher Niederlage Russlands andererseits.

Eine reale Alternative für die Bolschewiki war nicht eine Provisorische Regie­rung (sie hatte Ende Oktober 1917 bereits faktisch die Macht verloren), sondern die eine oder andere Form einer Diktatur. Eher wäre Russland ein Land gewor­den, das Hitler vorweggenommen hätte und als erstes Land die Welt im 20. Jahrhundert mit dem Grauen von Massenrepressionen gegen alle Linken und sogar Zentristen überzogen hätte sowie, – was noch viel schrecklicher ist – gegen Millionen Soldaten, Bauern und Arbeiter, die zu diesem Zeitpunkt bereits überall, auch in der Armee, eigene Räte gebildet hatten und unter keinen Um­ständen erneut wie Schlachtvieh in die Schützengräben getrieben werden woll­ten, sie wollten nicht die nach Jahrhunderten erstmals entstandene Hoff­nung auf Land und Brot verlieren (hier sei nochmals daran erinnert, dass nachdem die „demokratischen“ Zentristen Finnlands von den Räten die Unab­hängigkeit er­hal­ten hatten, erschossen sie Zehntausende links einge­stell­ter Bauern, Arbeiter und Intellektuelle bzw. ließen sie in Gefängnissen und Konzentra­tionslagern schmachten  — es war tatsächlich so, ja, … in Konzentra­ti­onsla­gern! – die Beweise in den Museen Finnlands legen noch heute Zeugnis davon ab.

Die andere Seite dieser Diktatur wäre gewesen, zu einem Zeitpunkt, wo die russische Armee schon unter keinen Umständen mehr kämpfen wollte noch konnte, den sinnlosen und grau­samen Weltkrieg fortzusetzen, der letzten Endes zur strategischen Niederlage Russlands geführt hätte, zu einer Niederlage, die wenn nicht durch Deutschland, dann von die Alliierten herbeigeführt worden wäre, die unser Land mit Freude endgültig in eine Halbkolonie verwandelt hätten.

Aus diesem Grunde ist die Geschichte der Oktoberrevolution die Geschichte sowohl eines friedlichen und demokratischen Sieges der Revolution als auch massenhafter durch die Konterrevolution aufgezwungener Anwendung von Gewalt und Krieg.

Zweitens hat das 20. Jahrhundert nicht wenige Beisiele eines fried­lichen Sieges der linken Kräfte bei Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen geliefert, was später mit einem grausamen konterrevolutionären Umsturz (Chile 1973) oder mit einem Bürgerkrieg endete, wo die Konterrevolution von äußerst rechten Kräften unterstützt wurde (Spanien 1936).

Doch es gibt drittens auch nicht wenig andere Beispiele, wirklich gewaltsamer Machteroberungen, durch Kräfte, die sich mehr oder weniger glaubhaft Linke nannten.

In manchen Fällen war das ein Sieg einer Mehrheit, der die Befreiung von Diktatoren- und Marionettenregimen brachte (dafür war Kuba 1959 das leuchtendste Beispiel).

In anderen Fällen war dies ein Sieg in einem Krieg gegen Okkupanten und deren Marionetten (China, Vietnam).

Schließlich gibt es auch Beispiele, bei denen unter roten Bannern Diktatoren zur Macht kamen, die mit Kommunismus bedeutend weniger zu tun hatten als die Bartholomäusnacht mit den Ideen des Christentums.

In jedem Falle aber müssen wir den Inhalt unterscheiden: Revolution als Phäno­men qualitativer Veränderung des Systems der ökonomischen, sozialen und po­litischen Verhältnisse (Gesellschaftsordnung) und die politische Form, in der der Wechsel stattfindet, der sich bisweilen Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hin­ziehen kann. Was die politische Form anbetrifft, so muss auch hier zwischen poli­tischer Revolution und politischem Umsturz unterschieden werden.

Erstens: der Übergang der Macht von einer gesellschaftlichen Kraft (Klasse) in die Hände einer anderen gesellschaftlichen Kraft. Dieser Wechsel kann als Ergebnis von legitimen (nach den Regeln des alten Systems) Verfahren vor sich gehen: Wahlen oder gewaltloser Widerstand (die Unabhängigkeitserklärung der USA verkündet direkt das Recht des Volkes auf Aufstand), kann aber auch ein Ver­stoß gegen alte überlebte Legitimationsformen sein. Es sei daran erinnert: die bürgerlich-demokratischen Revolutionen, inklusive die Febru­arrevolution, waren vom Standpunkt der damals existierenden politischen For­men, der Mo­nar­chien, zumeist nicht legitim. Dasselbe kann die Praxis einer sozialistischen Revolution betreffen.

Zweitens. Politische Umstürze, die sehr oft im Rahmen ein und desselben poli­tisch-ökonomischen Systems stattfinden, was im 20. Jahrhundert für die Länder der Peripherie die Regel war und was auch im neuen Jahrhundert eine durchaus verbreitete Erscheinung ist (siehe über das Phänomen der sogenannten „farbigen Revolutionen“ in einem der Texte des Verfassers in diesem Buch).

* * *

Zum Schluss sei besonders hervorgehoben: Das Wichtigste, was die Oktoberre­volution ­der gesamten Menschheit gegeben hat, das ist der gewaltige Impuls der sozialen Befreiung. Die Kraft dieses Impulses vervielfältigte sich in Aufständen und Streiks der Arbeiter, in Siegen der Linken bei Parlamentwahlen und in Bür­ger­kriegen, in sozialen Reformen des Kapitalismus und widersprüchlichem Fortschitt des „realen Sozialismus“, im Zusammenbruch des Kolonialismus und im kreativen Schaffen der Kultur der Befreiung…

Aber die Oktoberrevolution hat auch noch etwas Anderes eingebracht: die Leh­ren der tragischen Fehler und Verbrechen, die die Linken gemacht haben und jene, die sich als solche ausgaben, Lehren, die wir ziehen müssen, wenn wir in die Zukunft schreiten.

Über beides muss man nachdenken. Streiten. Und erneut nachdenken. Und die Theorie an Hand der Praxis überprüfen Doch dazu weiter nachfolgend im Text des Verfassers im abschließenden Abschnitt.





1 Im Rahmen der postsowjetischen Schule des kritischen Marxismus äußert sich M.I. Voejkov hinsichtlich der Kritik an der Theorie der Oktoberrevolution als einer sozialistischen Revolution am konsequentesten. Siehe z.B. Voejkov M.I.: 13 Thesen über den Klassenkampf in Russland // Al’ternativy [Alternativen]. 2006. № 2. S. 94–113, russ.; ders. Die Mittelschichten in der Sozialstruktur des heutigen Russlands // Al’ternativy. 2000. № 2. S. 3–15, russ.

2 Slavin B. Wer bestimmt heute den Verlauf der Geschichte? // Al’ternativy. 2000. № 2. S. 16–34, russ.; ders. Nochmals über den Charakter des Soziums // Al’ternativy. 2000. № 4. S. 98–129; russ.; ders. Warum war die Sowjetgesellschaft keine bürgerliche Gresellschaft // Al’ternativy. 2002. № 4. S. 2–34; russ.; ders. Sozialismus und Russland // Al’ternativy. 2004. № 4. S. 2–23, russ.

3 Bulavka L. А. Der Kommunismus kehrt zurück. Majakovskij // Al’ternativy. 2006. № 2. S. 13–61, russ.

4 Oben habe ich mich bemüht, kurz aufzuzeigen, dass dies in jedem Falle eine Revolution gegen das Kapital war. Ja, sie ist letztendlich entartet, aber dies ändert nichts am eigentlichen Charakter dieser Revolution. Was die Frage betrifft, in wie weit die Oktoberrevolution in Übereinstimmung mit Buchstaben und Geist des Marxismus abgelaufen ist, so sollte man sich daran erinnern, dass Revolutionen objektive Faktoren des historischen Prozesses sind. Sie finden, wie wir Marx folgend oben bereits festgestellt haben, nicht statt, weil eine kleine Gruppe von Revolutionstheoretikern und –praktikern zu der Meinung gekommen ist, dass eine Revolution stattfinden muss. Das wäre eine Explosion des sozialen Kessels durch den überhitzten Dampf der gesellschaftlichen Widersprüche.

Eben eine solche Explosion ereignete sich 1917 in Russland, und nicht zufällig wurden die Oktoberereignisse zu deren Kulmination.

5 Die Dialektik der „überholenden“ und der „zurückbleibenden“ Mutationen ist in einem Artikel in der Zeitschrift „Voprosy ėkonomiki“ [Fragen der Ökonomik“] enthalten (siehe Buzgalin A., Kolganov A. Ökonomik: „Das periodische System der Elemente“ (Zur Frage der Strukturierung und Typologisierung der ökono­mischen Systeme // Voprosy ėkonomiki. 2001. Heft 12, S. 46-61, russ.), über­arbeitet in Bd. I des Buches „Global’nyj kapital“ [Das globale Kapital] (siehe: Buzgalin A.V., Kolganov A.I. Die Ökonomik als Entwicklung der historisch-konkreten ökonomischen Systeme: Struktur und „periodisches System“ der Elemente (zur Frage der Stukturierung und Typologisierung der ökonomischen Systeme) // Buzgalin А. V., Kolganov А. I. Das globale Kapital. In 2 Bänden. Bd. 1. Methodologie: Jenseits des Positivismus, des Postmoder­nismus und des öko­nomischen Imperialismus (Маркс re-loaded). 3. verbesserte und wesentlich ergänzte Ausgabe. Moskau: LENAND, 2015 S. 319–347, russ.).