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Der Rentier Depardieu als Staatsbürger Russlands oder nochmals über rechte Legenden und das Wesen der Macht in Russland und in den USA


A.V. Buzgalin
Dr. oec. habil.
Prof. der Moskauer Staatlichen Lomonosov-Universität
Chefredakteuer der Zeitschrift „Al’ternativy [Alternativen]

Die Tatsache, dass eine Reihe französischer Reicher die französische Staatsbürgerschaft abgegeben hat, und der Wirbel, den die rechte Presse um die Demarche von Depardieu entfacht hat, sind eigentlich von keinem besonderen Interesse. Auch dass ein Kapitaleigentümer bedenkenlos seine Heimat des Geldes wegen verrät, (und Depardieu ist ja schon längst in erster Linie kapitalistischer Rentier und erst dann ein ehemaliger Schauspieler) ist schon lange bekannt. Aber dazu sei angemerkt, dass man in Frankreich niemandem seinen Reichtum abnimmt, wenn dieser „durch ehrliche Arbeit erworben“ wurde. Dort muss nur ein Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro versteuert werden. Die geflüchteten Rentiers waren also weder von Hunger noch von Kälte bedroht.

Die Tatsache, dass diesem einst guten Schauspieler die Staatsbürgerschaft der Russländischen Föderation zuerkannt worden ist, hätte man als einen schlechten Neujahrsscherz betrachten können, wenn alles nicht so schwerwiegend gewesen wäre: Mit seiner Unterschift unter dem entsprechenden Erlass hat der Präsident Russlands eindeutig seine rechte Position bezeugt. Und außerdem empfinde ich tiefe Scham (nicht für das Land, sondern für diejenigen, die in diesem Land die Macht ausüben), denn dieser Akt lässt den Gedanken aufkommen, dass die herrschenden Kreise der Russländischen Föderation die Absicht haben, mein Land in ein Mekka für die reichsten Rentiers, in eine Art Superoffshore, zu verwandeln.

Dies ist in doppelter Weise symbolisch angesichts der zwar recht bescheidenen, aber doch merklichen Bewegungen in Richtung auf eine Höherbesteuerung der Reichen in den USA. Dieses Land wird dadurch keinesfalls zu einem sozial orientierten Paradies für Linke, doch selbst in dieser Zitadelle der Milliardäre und Militärs gibt es unter den heutigen Bedingungen zwar nur geringe, aber dennoch symbolische Linksbewegungen. Bei den Wahlen siegte dort Obama und nicht Romney; und in der „New York Times“ ist der Keynesianer Paul Krugman Kolumnist, nicht aber ein Anhänger Hayeks. Natürlich werden dadurch das Staatsdepartement, der CIA, das Pentagon und die Transnationalen Korporationen der USA nicht zu Engeln. Es wird aber sichtbar, dass sich die Bürger der USA etwas verändern.

In Russland siegt Putin bei den Wahlen; und er verleiht Regierungsorden an Ökonomen, die ausgesprochen rechte Ansichten vertreten wie Kuz’minov und Mau. Und die Bürger meines Landes, die größtenteils sozialdemokratischen Ideen nahe stehen (allen Umfragen zufolge sind die meisten Bürger Russlands für eine radikale Verringerung der sozialen Differenzierung, für eine Erhöhung der sozialen Garantien usw.), hegen immer noch die Illusion, Putin verteidige die Interessen des Volkes und nicht er betreibe eine rechts gerichtete Politik, sondern die „schlechten“ Minister und die Berater des Präsidenten. Tatsache ist jedoch, dass der Präsident der Russländischen Föderation rechte Minister ernennt und sie vor der Entrüstung des Volkes schützt (wie dies am Beispiel des Ministers für Volksbildung sichtbar geworden ist), dass er Gesetze bestätigt, die einen rechts gerichteten Kurs in der Wirtschaft stützen, und dass er Erlasse unterzeichnet, durch die die Staatsbürgerschaft an Rentiers verliehen wird, die rechts gerichtete Ideen vertreten.

Aus diesem Grunde hat sich der Verf. entschlossen, auf einen noch unveröffentlichten Text zurückzugreifen, der mitten in den Vorbereitungen zu den Präsidentschafts­wahlen in Russland und in den USA entstanden war.

Ich möchte darauf hinweisen, dass sich diese Wahlkampagnen trotz ihres ungleichen Charakters in allem wie Zwillinge ähnelten, was die „Argumente“ betraf, mit denen versucht wurde, die Ineffizienz (ja sogar die Unmöglichkeit) linker Politik in unseren großen und komplizierten Ländern „nachzuweisen“, die bis jetzt noch immer die gewaltigen Potentiale der Massenvernichtungswaffen kontrollieren.

Jetzt, am Ende des Jahres 2012, möchte ich zu diesem Thema zurückkehren, weil in unseren und in anderen Ländern immer noch rechte Legenden aktiv propagiert wer­den. Täglich, ja stündlich werden dieselben platten „Argumente“ verbreitet. (Der Verf. hat dies im vergangenen Jahr in Fernseh- und Rundfunkdiskussionen beinahe jeden Monat erlebt.) Darum dürfen wir nicht ermüden, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um Erfindungen handelt.

Doch zunächst noch einige Bemerkungen zu den vergangenen Wahlen. Zwischen Russland und den USA gibt es natürlich wesentliche Unterschiede. In den USA hat Romney die Wahlen verloren. Und obgleich seine Anhänger noch stark sind, konnten sie etwas zurückgedrängt werden. Doch Romneys Schatten ist immer noch spürbar und wird auch weiterhin noch in realen Handlungen sichtbar sein, nicht aber in Erklärungen Obamas. Was Putin anbetrifft, ist alles auf den ersten Blick anders. Hatte Romney verloren, so hatte Putin gewonnen. Ist Romney ein offen rechter Konservativer, so ist Putin ein Konservativer, der den Staat im Auge hat. Also ein Linker? Durchaus nicht, meine ich. Putin ist genau so ein rechter Konservativer wie Romney, nur ist in den USA der Staat wahrscheinlich nicht völlig mit den Oligarchen verwachsen (wir sehen das jedenfalls so); in Russland ist dieser Prozess aber schon beinahe am Ende. Es ist kein Zufall, dass der Verf. gerade jetzt an folgendes erinnern möchte: In unseren Ländern verschärft sich der Kampf um die Wahl des Weges aus der sich annähernden (schon heran gekommenen) neuen Welle der Wirtschaftskrise. In diesem Zusammenhang ist der alte, aber immer noch aktuelle Streit der gemäßigten Rechten und der gemäßigten Linken über die soziale Gerechtigkeit und die wirtschaftliche Effektivität außerordentlich wichtig. In den USA hatte er in der Periode der Wahlkampagne besondere Schärfe angenommen. Gerade damals wurden in der „New York Times“ regelmäßig Kolumnen von Paul Krugman veröffentlicht, in denen der Standpunkt Romneys und seiner wissenschaftlichen Adepten einer strengen Kritik unterworfen wurde. Nicht weniger interessant war und bleibt das Blog von Krugman (in russischer Sprache ist ein Teil dieses Materials in der „Novaja Gazeta“ [Die Neue Zeitung] vom 1. Oktober 2012, S. 5, erschienen; ein Überblick über die wichtigsten Publikationen P. Krugmans ist in dem Artikel von A. Zaletnyj in der Zeitschrift „Alternativy“ [Alternativen], Nr. 4/2012 enthalten). Der Nordamerikanische Ökonom polemisiert gegen einige „Argumente“ Romneys, die dieser in seiner Wahlkampagne ins Feld geführt hatte und die auch gegenwärtig in gleicher Stärke auftauchen. Das hat mich sehr an ähnliche Auseinandersetzungen erinnert, die vor einem knappen Jahr während der Präsidentchaftswahlen in meinem eigenen Land geführt wurden und sich gegenwärtig in verschärfter Form wiederholen. Hierzu einige – entsprechend der Spezifik des Genres kurz gefasste – Kommentare, denen der Verf. und seine Kollegen prinzipielle Bedeutung beimessen.

* * * 

Alle wissen, dass die „Argumente“ der Rechten von Adam abstammen, aber nicht von jenem aus der Bibel, sondern von Adam Smith, und zwar in recht zurecht­ge­stutzter und entstellter Art (bei Smith setzt der Markt die Priorität moralischer Imperative voraus, doch wo hat man dies in der realen Politik der Rechten je gesehen?). Diese „Argumente“ wurden längst aussagekräftig zerschlagen, doch sie werden immer aufs Neue reproduziert in der Hoffnung darauf…, dass sie einfach genug dargestellt werden, um von jedem „Einfaltspinsel“ kapiert zu werden: wenn man nur die Polittechnologen und die Massenmedien gut genug bezahlt. Diese Orientierung allein ist schon ein niederschmetterndes Argumant gegen die Rechten. Ich verstehe nicht, wie man allen Ernstes von Modernisierung und Innovation (Putin) oder von einem technologischen Sprung (Romney) reden kann, wenn man seine Popularität auf alten primitiven Floskeln und gar direkten Lügen gründet.

Hierzu einige „Argumente“ oder richtiger Legenden der Rechten und unsere Antworten dazu:

    Erste Legende. Die Linken hätten die Absicht, alles zu enteignen und aufzuteilen. Gewöhnlich werden diese Intentionen mit Nationalisierung verknüpft. Wir wollen in diesem Text die großen und tragischen Erfahrungen der UdSSR beiseite lassen. Der Verf. hat sich in zahlreichen Publikationen bereits zu den Widersprüchen, Fehlern, Verbrechen und Errungenschaften des realen Sozialismus geäußert. Nehmen wir die Praxis einer aktuellen auf den Erkenntnissen der Ökonomie beruhenden Schlüsselfrage – das Bildungswesen in Skandinavien: Wem wird in diesen Ländern auf dem Gebiet des Bildungswesens, das faktisch überall staatlich und kostenlos ist, etwas „weggenommen“, enteignet, und wie erfolgt dort die „Verteilung“? Die Schulen und Universitäten, die sich dort in staatlichem (d.h. öffentlichem) Eigentum befinden, sind für alle offen, und ihre Tätigkeit erfolgt auf der Grundlage innerer Selbstverwaltung im Rahmen einiger für das Land allgemeiner „Spielregeln“. Hat das vielleicht etwas mit dem bekannten berüchtigten «Šarikov-Unwe­sen»1 zu tun, wo für Privatisierung zuständige Rechte gemäß den Vorgaben gewisser sagenumwobener für „ausgleichende Verteilung“ verantwortlicher Personen handeln und wo den Bürgern des Landes gehörenden Objekte an Privatpersonen verkauft werden, die eine rabiate Neuverteilung dieses Eigentums inszenieren (so dass dies in Wirklichkeit eine Enteignung ist, da der Preis immer weiter unter den Wert gedrückt wird)?

Besonders markant, ja fast parodistisch verlief dieser Prozess in Russland. In der Ex-UdSSR wurde ja der Großteil des Eigentums von der Bürokratie kontolliert, doch auch die „einfachen Menschen“ erhielten bestimmte Ergebnisse dieses Eigentums (als System sozialer Garamtien, Stabilität, Sicherheit, Status eines Bürgers einer Großmacht). Wie war es mit der Privatisierung? Haben die Bürger durch sie Eigentum erhalten, das dem adäquaten Anteil ihres Beitrags zur Schaffung des Reichtums der RSFSR antsprach? Hat die Privatisierung dem Staat durch den Verkauf dieser Reichtümer große Ressourcen eingebracht? Durchaus nicht. In unserem Lande wurde die Privatisierung für den Staat ein … Verlustgeschäft: Durch den „Verkauf“ von Zehntausenden von Großbetrieben und Objekten der Infrastruktur. bei denen allein der Schrottwert sicher Hunderte Milliarden Dollar betrug, haben es die russischen Čubajse [Tschubais] fertig gebracht für die Organisation dieses Prozesses mehr zu verausgaben als durch den Verkauf vereinnahmt wurde. Und dann begann die Schrankenlosigkeit der 1990-er Jahre, wo die neuen „effektiven Eigentümer“ mit Unterstützung der korrumpierten Bürokratie einen gewaltigen räuberischen Schrottplatz schufen zur Aufteilung von allem Möglichen und Unmöglichen, was einen Rückgang der Produktion um fast das Zweifache zur Folge hatte.

In „zivilisierten“ Ländern geht ein derartiger Prozess etwas gesitteter vor sich, das Wesen ist jedoch dasselbe: Den Bürgern das gesellschaftliche Eigentum wegnehmen und dann umverteilen (im besten Fall nach den Marktgesetzen, im schlechtesten – nach den Gesetzen der mafiosen Abwrackung).

Die zweite Legende ist unmittelbar mit der ersten verknüpft: Die Linken würden erklären, dass die Umverteilung des Einkommens ein ungerechtes Bestreben sei, weil man den Werktägen, indem ihnen hohe Steuern auferlegt, etwas wegzunehme und alles den Lumpenproletariern und Parasiten gebe. Das sei nach Meinung der Rechten ein deutliches Zeugnis dafür, dass die Linken die Stimuli effektiver Arbeit und effektiven Unternehmertums untergraben. Um diese Mischung von Lüge und Unterstellung zu entwirren und zu durchschauen, wollen wir uns zunächst der Frage zuwenden, wer bezahlt.

Die Linken schlagen ein Modell vor (das sie auch in einer Reihe von Ländern verwirklichen), bei dem eine bestimmte Gruppe von Werktäten sogar weniger bezaht als jetzt. Das ist z.B. ein Lehrer einer staatlichen Schule und ein Sozialarbeiter, ein Ökologe und ein Ingeneur, ein Maler und ein Professor, – alle Hauptvertreter der „kreativen Klasse“, die daran beteiligt sind, gesunde, gebildete, sozial verantwortungsbewusste Menschen heranzubilden, die in einem zweckmäßigen und guten (nicht unbedingt teuren) Milieu leben und sich nicht mit Derivaten oder Reklame für schwache Lösungen wie Ortho-Phosphorsäure (d.h. „Coca-Cola“) abgeben.

Mehr als jetzt bezahlen können und sollen nur Vertreter der obersten Einkommensgruppen, in denen Finanzspekulanten dominieren (von denen es in den USA besonders viele gibt); ferner „Barone“, die auf nationalen Rohstoffressourcen parasitieren (was ein „Steckenpferd“ Russlands ist); die Wolke künstlich erzeugter Marketologen von „Pop“ und anderen „Sternchen“ sowie Berufssportler usw.; nebst den vielen, die mit deren Kult beschäftigt sind. Daneben gibt es noch eine ganze Armee vermittelnder Tätigkeiten (Juristen, Konsultanten usw. usf.)

Alle erzeugen faktisch angeblich nützliche und dem Wohl dienende Simulakren, die künstlich von der Spekulations- und Übersättigungsgesellschaft kultiviert werden – das sind Finanz“aktive“ (Blasen), die die realen Ergebnisse der Weltproduktion um das Zehnfache übersteigen und – mit einem Markenzeichen/Firmenetikett versehen – den Wert dieses Plunders um das Hundertfache übersteigen. Nebenbei bemerkt, selbst ein „Sternchen“ ist nichts anderes als ein Simulakrum eines kreativ tätigen Menschen (manche „Sternchen“ haben keinerlei Talent und sind einfach künstlich kreiert worden, einige haben wirklich Talent, doch der Markt schätzt an ihnen nicht das Talent, sondern das Branding). Und die riesigen Einkünfte der „Sternchen“ (im Show Busyness, im Berufssport, im Management…) verfolgen nur den Zweck, dem Verbraucher das Zigfache des wirklichen Preises der „Ware“ abzuverlangen.

Wirklich hochtalentierte, viel und produktiv arbeitendende Wissenschaftler, Ingeneure, Ärzte, Manager usw., deren Jahreseinkünfte mehrere Millionen betragen, gibt es nur ganz wenige im Vergleich zu der Unmenge der oben genannten Parasiten. Und durchaus nicht alle dieser talentierten Wissenschaftler, Manager usw. arbeiten nur wegen des vielen Geldes, sondern vor allem zu ihrer Selbstverwirklichung. So ist z.B. der finnische Top-Manager der transnationalen Firma „Nokia“ effektiv arbeitend für ein Einkommen tätig, das zigmal geringer ist als das seines Kollegen in den USA und gewiss tausendmal geringer als das des russischen „Insiders“, der alle bestiehlt: die Mitarbeiter und Aktionäre, den Staat und die Partner.

Und nun zu der Frage, wer dieses Geld erhalten soll. Die Rechten behaupten – und das ist die dritte Legende – dass der Staat das Geld, das er durch die großen Steuern einnimmt, vorwiegend für Parasiten und Nichtstuer verausgabt. Stimmt das? Keinesfalls. Wenn das teilweise auf unsere heutige Praxis zutrifft, dann ist das eine schlechte Praxis, die geändert werden muss. Klammern wir Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten aus und wenden uns den Arbeitslosen zu. Das Programm der Linken ist nicht künstlich entstanden, um Arbeitsplätze zu schaffen, die niemand braucht. Wenn die Arbeitsproduktivität wächst (und im Rahmen langfristiger Trends wird dies der Fall sein), wird es möglich werden, „überflüssige“ Arbeitskräfte nicht zu entlassen, die Arbeitszeit zu kürzen unter Beibehaltung oder sogar bei Erhöhung des Lohns. Wenn sich die Struktur der Wirtschaft verändert (und sie verändert sich ja ständig), so werden wir die Möglichkeit haben, Werktätige planmäßig freizustellen und umzuqualifizieren, so dass die „Ausgeschiedenen“, z.B. Monteure am Fließband, zu Mitgestaltern bei der Entwicklung von Gesellschaft und Natur (Sozialarbeiter, Ökologe) werden können. Auf all diesen Gebieten werden praktisch unbeschränkt Arbeitskräfte benötigt

Doch die Hauptrichtung der gesellschaftlichen Kosten wird auf dem Gebiet der Investitionen in die Entwicklung liegen.

Die Legende, die Linken würden nur danach streben, zu verteilen und zu verbrauchen und nichts zu kreieren, wird durch ihre links orientierte sozial-ökonomische Politik widerlegt: öffentlich-staatlich-private Partnerschaft im Namen der Entwicklung. Die Hautaufgabe sehen die Linken in den Investitionen. In erster Linie in gesellschaftliche Systeme für Bildung, Gesundheitswesen, Wissenschaft, Rekreation von Gesellschaft und Natur, d.h. Investitionen in Schlüsselsektoren der postindustriellen Wirtschaft (bzw. einer auf Wissen beruhenden Wirtschaft; man möge eine der Bezeichnungen wählen, mir geht es hier nicht um einen akademischen Streit). Jedenfalls haben die Investitinen in diese Gebiete (Bildung, Gesundheitswesen usw.) nichts zu tun mit „Verausgabung“ erarbeiteter Mittel für Nichtstuer, sondern mit Produktion, mit der Schaffung der wichtigsten Entwicklungsquelle der modernen Wirtschaft. – den menschlichen Qualitäten. Und das ist von prinzipieller Bedeutung: Die moderne Wirtschaft benötigt die kreativen Fähigkeiten nicht nur von 10% der Gesellschaft (der sogenannten „Elite“), sondern der überwiegenden Mehrheit der Bürger, denn – das möchte ich ausdrücklich wiederholen – auf dem Gebiet einer umfassenden kreativenTätigkeit – Bildung, Medizin, Rekreation von Gesellschafr und Natur, technischer und sozialer Innovationen – gibt es praktisch unbegrenzten Raum für Beschäftigung. Gerade Letzteres bedingt die wirtschaftliche Effektivität des gesellschaftlichen Modells der „lebenslänglichen Bildung für alle“ sowie analoger Modelle für das Gesundheitswesen, die Rekreation von Geellschaft und Natur usw.

Und noch ein wichtiger Hinweis: Die Erfahrungen dieser für die moderne Wirtschaft besonders wichtigen Gebiete beweisen, dass das „Axiom“ der Rechten von der Ineffizienz jeglichen staatlichen Eigentums und dessen Wesensgleichheit mit Totalitarismus längst veraltet ist, wenn es überhaupt je gestimmt hat. Nur ein Beispiel: Die öffentlichen Universitäten Europas gewähren zumindest nicht weniger akademische Freiheiten und Demokratie und sie vermitteln keine schlechtere Bildung als die privaten. Die Linken fordern also nicht, den Werktätigen etwas „wegzunehmen“ und unter den Müßiggängern aufzuteilen, sie sind nicht für eine „Umverteilung“ von etwas, was andere erarbeitet haben, sondern dafür, dass Möglichkeiten geschaffen werden, damit alle eine interessantere und vernünftigere Arbeit haben und jene eingeschränkt werden, die Simulakren konsumieren wollen und sich glücklich schätzen, in ihrem noblen „Maserati“ stundenlang im Stau herumzuhängen, anstatt mit dem Fahrrad, der Straßenbahn oder der U-Bahn zu dem entsprechenden Ort zu fahren.

Leider erschöpfen sich die Legenden der Rechten nicht mit den drei genannten sehr typischen Behauptungen. Eine weitere, die vierte Legende, ist bei ihnen auch recht populär: die Rechten sind der Ansicht, den armen Nichtstuern sei geradezu ein Hass angeboren, der sie dazu treibt, Eigentum aufteilen zu wollen. Hier ist eine Analyse erforderlich: (1.) dass Hass ein Gefühl sein soll, das nur Werktätigen eigen ist, und (2.) dass es der Hass sein soll und nicht etwas anderes, was die Werktägen zur Durchführung von Reformen und zu Revolutionen drängt.

Gehen wir der Reihe nach: Erstens: Wenn man Hass unter streng wirtschaftlichem Aspekt betrachtet, ist dies ein Bestreben, mehr privates Eigentum haben zu wollen als der Nachbar und dabei ein Mittel der Marktkonkurrenz in einer mehr oder weniger typischen Ausnahmeform zu nutzen, wie es die Gewalt darstellt (Diebstahl, Erpressung, Mord usw.). Für wen ist es denn besonders typisch, im Konkurrenzkampf einen „Partner“ auszuschalten, um ein Haus zu bauen, das 100 Quadratmeter größer ist als das des Nachbarn, oder ein Gemälde zu kaufen, das Hunderttausend (eine Million, zehn Millionen) teurer ist als das eines Klub“freundes“, und dabei alle Mittel der Konkurrenz, Bestechung, Auftragsmord usw. einzusetzen? Sind das vielleicht die Lehrer staatlicher Schulen, Krankenschwestern, Ingeneure, Professoren oder Wissenschaftler? Oder sind es Vertreter der „gehobenen Mittelklasse“, aus dem Busyness oder anderen Eliten Wer sind die typischen Helden der Krimialgeschichten von Agatha Christie u.a.? Aus welchen Beweggründen bringen sie Ehemänner, Ehefrauen, Väter und Brüder um? Aus welchen Beweggründen betrügen sie Freunde und Geliebte? Das ist doch nichts anderes als der klassische pure Hass des weniger erfolgreichen Privateigentümers gegenüber dem erfolgreicheren.

Und auch Lumpenproletarier und Kleinverbrecher aus den Unterschichten gehören zu jenen, den Neidern, die von Privateigentum träumen. Doch es scheint paradox: gerade die Rechten werden von diesen Schichten mehr unterstützt, weil sie davon träumen, auf irgendeine Weise – auch durch Raub – Millionär zu werden. Sie brauchen kein solches Gesellschaftssystem, das sie daran hindert, schnell und leicht reich zu werden, wo man lange und beharrlich lernen (selbst wenn dies kostenlos ist) und ständig mit Elan und normaler Bezahlung (nicht allzu hoher) arbeiten muss. Ein Lumpenproletarier braucht kein demokratisches linkes Gesellschaftssystem.

Andererseits können wir feststellen – zweitens –, dass ein solches demokratisches linkes Gesellschaftssystem aber von einem kreativ orientierten und sozial nicht gleichgültigen Werktäten benötigt wird. Denn dieser hat ein grundsätzliches soziales (und nicht nur finanzielles) Interesse an der Durchführung von Reformen (und, wenn diese ergebnislos bleiben,) von Revolutionen, deren Ziel es ist, die Entwicklung in Richtung einer Gesellschaft voran zu bringen, in der in immer stärkerem >Maße nicht nur die Arbeit zum Gelderwerb im Mittelpunkt steht, sondern auch die Arbeit im Interesse kreativer Selbstverwirklichung, des gesellschaftlichen Prestiges, einer ständig erweiteren Qualifizierung; wo sich anstelle von Konkurrenz die Solidarität ständig weiter entwickelt; wo Teilnahme am Leben der Zivilgesellschaft und der Selbstverwaltung selbstverständlich ist usw. und wo Geiz und Eigennutz als Erscheinungen einer [klein]bürgerlichen Gesellschaft gelten. Jenen, die daran zweifeln, sei geraten, sich anstelle von klassischen Krimis anderen Klassikern zuzuwenden, von William Shakespeare („Der Kaufmann von Venedig“) bis James Aldridge („Der letzte Zoll“), von Honoré de Balsac („Gobseck“, „Eugénie Grandet“) bis Georges Simenon (der Zyklus um die Figur des Kommissars Maigret), von Nikolai Nekrasov („Wer lebt glücklich in Russland?“) bis Maxim Gorki („Vassa Železnova“)…

Im Unterschied zu dem Hass mehr oder weniger großer Bougeois haben die Verfechter sozialer Gerechtigkeit und Freiheit nicht Enteignung und Aufteilen im Sinn, sondern das Streben, allen die gleichen Startbedingungen zu garantieren (wie den allgemeinen Zugang zur Bildung, die Garantie des Arbeitsplatzes) sowie adäquaten Arbeitslohn (wie z.B. hohe Steuern auf Einkommen ohne Arbeitsleistung), soziale Sicherheit für jene, die schon nicht mehr bzw. noch nicht einerArbeit nachgehen können (wie garantierte Rente usw.).

Aus diesem Grunde sind die Strategie und die Ideen der Linken keine Träume missgünstiger Lumpenpeoletarier und Nichtstuer und auch keine äußerlich prestigeträchtige Simulakren, sondern auf solche Projekte sozial aktiver, soziale Verantwortung tragender und sich ständig weiterbildender Werktätiger gerichtet, die die Entwicklung der Persönlichkeit fördern. Dies wird durch die Praxis bestätigt: Die Linken werden von den durvhschnittlichen Vertretern der Intelligenz, d.h. von Menschen kreativer Massenberufe, am stärksten unterstützt.

Die fünfte Legende: Das Eigentum des Kapitalisten sei erarbeitet und sei (zumindest nach bürgerlichen Kriterien) auf ehrliche Weise erworben. Mit anderen Worten: Die Rechten behaupten, das große Vermögen sei in der Regel das Ergebnis beharrlicher Arbeit. Vom wirklichen Wesen der hohen Einkünfte unterschiedlicher „Sterne“ und „Sternchen“ war oben bereits die Rede, daher gehen wir hier nicht weiter darauf ein. Noch nicht beantwortet haben wir aber die Hauptfrage (die die Rechten nicht gern stellen). Das ist die Frage, ob es gerecht ist, dass die Kapitaleigentüner den gesamten Profit einstreichen. Die Rechten beantworten sie bekanntlich mit „ja“. Das Kapital erzeugt in Übereinstimmung mit den Theorien von Clarc & Co. selbst einen Teil des neu hinzugekommenen Werts, und zwar den Profit. Die Antwort der Linken, der Marxisten, steht dem entgegen: Der gesamte neu geschaffene Wert (inklusive der Mehrwert, dessen Form der Profit ist) ist das Ergebnis der Arbeit des Lohnarbeiters. Zu dem hier vorliegenden Text kann jetzt keine Polemik begonnen werden. Der Verf. ist überzeugt, dass dabei die Hypothese der Rechten theoretisch widerlegt würde (insbesondere durch Joan Robinson mit ihren berühmten Cambridge-Disputen).

Wir möchten nur ein ganz lapidares Argument anführen: Die realen Funktionen der Organisierung der Produktion werden im modernen Busyness vom Manager getätigt. Der Eigentümer ist, wenn er nicht direkt an der Leitung beteiligt ist, nichts Anderes als ein Rentier. Von Letzterem hat die Produktion keinerlei Nutzen. Die Linken sind der Ansicht (und das wurde im „Kapital“ bewiesen), dass der Manager einer der qualifiziertesten Teilnehmer des Gesamtprozesses der Produktion ist und aus diesem Grunde ein hohes Gehalt bekommen muss.

Hierüber kann es keinen Streit geben. Andererseits sind wir davon überzeugt, dass für einen auf dem Gebiet der Neuerung tätigen Manager, dem der Fortschritt der Produktion und die Befriedigung der Bedürfnisse der Mitbürger am Herzen liegt, der größte Anreiz in der interessanten kreativen Tätigkeit selbst, in der Selbstverwirklichung und in der Achtung der Kollegen besteht. Und darum ist ein Einkommen, das zehnmal höher ist als das eines Arbeiters (wie bei „Nokia“ oben erwähnt), ein völlig ausreichender zusätzlicher materieller Anreiz für einen derartigen kreativen Menschen. Dem möchte ich die Aussage Schumpeters hinzufügen, wenn man ihm glauben kann, dass das wichtigste, was einen Unternehmer auszeichnet, sein Neuerungsgeist ist (und nicht die Gier, die längste Yacht und das extravaganteste Auto zu erwerben).

Und nun zum letzten Problem in diesem Abschnitt: die Herkunft der „ersten Million“. Es war wohl Rockefeller, der gesagt hatte, man möge ihn nicht danach fragen, woher er die erste Million genommen habe. Wir fragen ihn aber. Und wir behaupten, dass in derRegel (Ausnahmen – wie arbeitsfreudige Farmer, talentierte Ingeneure, große Initiatoren neuer Technologien – wird es zweifelsohne geben, doch die bestätigen nur die Regel) Gewalt der Ausgangpunkt für die Bildung des ursprüglichen Kapitals war. Und das in ganz unterschiedlichen Formen: sowohl als legalisierte Gewalt (koloniale Eroberungen, Sklavenhandel, Besetzung des Landes der Indianer, Einzäunungen, postsowjetische Privatisierungen usw.) als auch als rechtswidrige (von trivialem Raub und Piratentum bis zu Finanzpyramiden und ausgeklügelten Gaunertricks). Wer es nicht glaubt, der lese den berühmten Roman von Vjačeslav Šiškov „Der dunkle Fluss“…

Nein, ich leugne nicht die progressive Mission des Kapitalismus und die positive Rolle der Kapitalisten, die in ihrem Streben nach Erzielung überschüssigen Mehrwerts den wissenschaftlich-technischen Fortschritt voranbrachten. Ich bin zu sehr Realist, um Augenscheinliches zu leugnen, und zu sehr Marxist um theoretisch Bewiesenes zu negieren. Ich spreche von etwas anderem. Kreative Leiter und initiativreiche Unternehmer sind für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung äußerst wichtig. Das möchte ich nachdrücklich wiederholen, denn das ist überzeugend. Nicht überzeugend ist aber, wenn diese Leute ihr Potential nur dann realisieren können, wenn sie für ihre privaten Bedürfnisse nicht zehnmal (was normal wäre), sondern tausend oder eine Million Mal (wie das heute in den USA oder in Russland der Fall ist) mehr verbrauchen als ein „durchschnittlicher“ Lehrer, Arzt, Ökologe oder Sozialarbeiter. Ich meine, dass ein talentierter und sozial verantwortungsbewusster, d.h. ein angesehener Mensch, für seine private Nutzung nicht solchen Gütern hinterherjagen wird wie Yachten, Schlössern und Uhren, die Milliarden kosten…, die so viel wert sind wie Hunderte von Schulen, Krankenhäusern, Parkanlagen usw. Es gibt ein Sprichwort, das man gewöhnlich mit Blick auf vermögenslose Wissenschaftler, Künstler oder Lehrer anwendet: „Du bist doch so klug, warum bist du dann so arm?“ Ich würde das gern in Bezug auf Oligarchen und „Sternchen“ anwenden: „Du bist doch so klug, warum bist du dann so reich?“ Warum bist du so untalentiert und so unklug (ich sage gar nicht „unmoralisch“) und gibst für sinnlosen Luxus das Ergebnis der Arbeit Hunderttausender Menschen aus, die anstelle deiner Yacht, deines Schlosses oder deines goldenen Toilettenbeckens Forschungszentren errichten, Gärten anlegen, Kranke heilen, Menschen das Lesen und Schreiben beibringen und hungernde Kinder ernähren könnten? Warum bist du, der Millionen und Milliarden besitzt und diese für Luxuxgegenstände ausgibt, so primitiv hinsichtlich deiner Z iele und so einfältig hinsichtlich deiner Wünsche.

Die sechste Legende: Der private Kapitaleigentümer würde Arbeitsplätze schaffen. Diese Behauptung ist die Fortsetzung des schon behandelten Themas, dass niemand außer den Kapitaleigentümern die Produktion organisieren könne. Du liebes Bisschen! In vielen noch zurückgebliebenen kapitalistischen Ländern, in denen es soziale und demokratische Beschränkungen sowie Regulation von Kapital und Markt gibt, wird bis zu einem Drittel des gesellschaftlichen Reichtums in staatlichen und gesellschaftlichen Betrieben, in Genossenschaften, Familienwirtschaften u.a. erzeugt. Diese Formen sind besonders auf den für eine moderne Wirtschaft wichtigsten Gebieten entwickelt: dem Bildungswesen, der Wissenschaft, dem Gesundheitswesen, der Ökologie, der Infrastruktur und der Energetik. In all diesen Fällen werden Arbeitsstellen im Rahmen öffentlicher (staatlicher und gemischter staatlich-privater) Programme geschaffen. Und es sei nochmals betont, dass der Unternehmer und Innovator wirklich eine gewichtige Rolle spielt, wenn in einer Kleinstadt oder Metropole, in einem einzelnen Land oder auf transnationaler Ebene neue Zweige auf dem Gebiet der Produktion und Dienstleistung, der Forschung und Bildung, der Kunst und der Erholung entstanden sind. Und ein solcher Innovator auf dem Gebiet neuer Tätigkeitsfelder und Arbeitsmöglichkeiten verdient hohe Achtung und jede Unter­stützung. Doch wir werden ihn nur achten, wenn er nicht so borniert ist, für sich selbst ungerechtfertigte, überhöhte Einkünfte für privaten exorbitanten Verbrauch zu verlangen.

Und noch ein „Detail“: Bei weitem nicht alle geschaffenen Arbeitsplätze kann man als ein Heil für die Gesellschaft betrachten. Das trifft in gewisser Weise auch auf die kapitalistische Welt zu, in der die Arbeitslosigkeit eine Geißel ist. Jedoch nur in gewisser Weise. Denn es ist der Gesellschaft nicht zuträglich, lebendige und materialisierte Arbeit (d.h. die Zeit von Arbeitern und Ingeneuren, Ausrüstung usw.) sowie Energie und Naturschätze für die Herstellung diverser Simulakren der Überkonsumtionsgesellschaft einzusetzen. Ich nehme mir das Recht zu behaupten, dass die Gesellschaft die Schaffung von Betrieben auf einem Gebiet, wo fiktive Güter (von spekulativen Finanzinstrumenten und Ausrüstungen bis zu irgendwelchen Massenkultur“gütern“ und unnützem Blendwerk) hergestellt werden, beschränken kann und sollte. Dafür aber sollte man die Schaffung von Arbeitsplätzen dort stimulieren, wo Aufgaben gelöst werden, die die Entwicklung der Eigenschaften des Menschen, der Technologien, der Kultur, der Rekreation von Gesellschaft und Natur dienen. Außerdem sollten wir uns dessen bewusst sein, dass die Linken die Erhöhung der Beschäftigungszahlen nicht als Selbstzweck betrachten, sondern als eine Aufgabe, die der Erhöhung der Lebensqualität aller bei Verkürzung der Arbeitszeit und Wachstum der Freizeit dienen soll (es sei daran erinnert, dass die Freizeit – im Unterschied zur Zeit der Muße – keine Sphäre des Nichtstuns ist, sondern Zeit, die genutzt werden kann für frei zu wählende Tätigkeiten zur Entfaltung der Eigenschaften des Menschen: für Kreativität, Kontakte, Erziehung, Bildung…).

Zum Schluss noch eine weitere Legende der Rechten, es ist die achte: Die Welt ist global, und aus diesem Grunde verlassen die Kapitalien ein Land mit hohen Steuern. Besondere Popularität erlangte diese Legende, als der wegen seiner rechten Ansichten bekannte Supermillionär Depardieu aus Frankreich geflüchtet war.

Hier liegt wiederum ein Gemisch aus Lüge und Verschweigen vor: Wer (oder was) flüchtet? Die Empfänger hoher Einkommen oder die für hoch effektive Investitionen bestimmten Mittel? Was Erstere betrifft, so sind sie natürlich keine Dummköpfe: In Ländern zu leben, wo das Niveau der sozialen Differenzierung fünfmal höher ist als in Westeuropa, ist einfach schrecklich: Die Erfahrungen Russlands (bei uns zahlt sowohl der Oligarch als auch der Landschullehrer bis jetzt 13% Steuern, wobei der Oligarch über eine Menge Möglichkeiten für Steuervergünstigungen verfügt) zeigen, dass in einem solchen Land ein sehr reicher Mensch mehr oder weniger unangefochen nur in einem … privaten Gefängnis leben kann. Schauen wir uns doch die Häuser der „neuen Russen“ an: Das sind riesige rundum bewachte Gefängnisse, die weder von einem Erwachsenen noch von einem Kind verlassen werden können… Die klugen russischen Oligarchen ziehen es daher vor, im ruhigen Europa zu leben und tun alles, um eine Genehmigung zu erhalten, um 40, 50 und auch noch mehr Prozent ihres Einkommens dafür zu zahlen.

Was die Kapitalflucht anbetrifft, so ist die heutige Wirtschaft weniger durch Zusammenbauen und Nähen gekennzeichnet als durch Know-how, Bildung und andere Gebiete. Und hier erzielt die Wirtschaft dort die größten Erfolge, wo die Bedingungen für ein auf lange Zeit ausgerichtetes, sozial abgesichertes Leben und Wirken hochgebildeter Menschen vorhanden sind und wo die Menschen aktiv am Leben der Zivilgesellschaft teilnehmen können. Das ist auch der Grund, warum die Investitonen in Finnland, einem der am weitesten „links stehenden“ Länder Europas mit einer sehr hohen Progression der Einkommensteuer und einem fast praktisch durchweg öffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesen, nicht schlechter laufen als in den USA und bedeutend besser als in Russland. Es sei hier daran erinnert, dass Finnland von den internationalen Agenturen im Rating der innovativen Wirtschaften der Welt am besten eingeschätzt wurde. 

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Unsre wesentlichen Argumente im Disput mit den Rechten sind ia schon lange und gut bekannt (ich habe hier nur die mir am wichtigsten erscheinenden genannt). Vor uns Verfechtern der öko-sozio-huma­nistisch orientierten demokratischen Entwicklung steht weiterhin die Aufgabe, den Leser in Russland (und darüber hinaus) immer wieder an diese Grundweisheiten zu erinnern, sie zu aktualisieren und ihre bleibende Bedeutung aufzuzeigen. Sonst könnte es geschehen, dass die Menschen unter dem Einfluss der massiven Angriffe hochbezahlter rechter Manipulatoren nicht nur das „vergessen“, was sie gestern noch für evident gehalten haben, und vielleicht überhaupt verlernen, selbständig zu denken und die Wirklichkeit kritisch einzuschätzen, wie dies vielfach in meinem Land der Fall ist.

1 Gemeint ist ein verallgemeinernder Ausdruck, der mit dem Inhalt der Erzählung von M. Bulgakov „Ein Hundeherz“ in Verbindung steht und zu einem Sammelbegriff von Amoral, Manipulation, Betrügerei, Kulturlosigkeit etc. geworden ist.

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