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Das Limit an Revolutionen ist nicht erschöpft

Übersetzung aus dem Russischen. Dr. sc. phil. Ruth Stoljarowa 8/17

A. Buzgalin

Das Limit an Revolutionen ist nicht erschöpft

Übersetzung aus dem Russischen. Dr. sc. phil. Ruth Stoljarowa 8/17

A. Buzgalin

Das Limit an Revolutionen ist nicht erschöpft

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist und bleibt die Frage nach der Bedeu­tung dieser Revolution noch immer wichtig und akut. Der Grund dafür liegt nicht nur und sogar weniger auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Bewusstseins als auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Seins: der Spätkapitalismus befindet sich sowohl in den „Kern“ländern als auch an der Peripherie in einer Sackgasse. Und diese Sackgasse ist vorwiegend sozial-ökonomischer und politisch-ideologischer Natur, zeigt sich aber auch noch in etwas Anderem. Erstens in einer Abbremsung des Fortschritts der Produktivkräfte in der „Zitadelle“ des globalen Kapitals, den USA und der Europäischen Union, wo sich das Wachstum der Abeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten ungleichmäßig und äußerst langsam vollzieht. Bekannt­lich hat die so genannte „Informationsrevolution“ den realen Sektor äußerst schwach beeinflusst, und das war kein Zufall: die Hauptnutzung von Computern und Internet liegt bei Transaktionen und „Freizeit“. Zweitens zeugen die letzten Jahrzehnte von einer Degradation der Kultur, ihrer Transformierung in Kontra­punkte des Showbusiness und der postmodernistischen Ablehnung des Schönen und Guten. Drittens werden die globalen Probleme fast nicht gelöst, und das be­trifft nicht nur die Ökologie, sondern auch die Zunahme der Ungleichheit, die Vertie­fung der dem Kapital eigenen Gewaltpraktiken (von den so genannten „Hybrid­kriegen“ bis zum Terrorismus).

Doch das Wichtigste ist, dies sei nochmals gesagt, die sozial-ökonomische und die politisch-ideologische Sackgasse. Schon über ein halbes Jahrhundert ist das Kapi­tal nicht in der Lage, auch nur eine einzige wesentliche neue Lösung für seine Probleme zu finden. Auf sozial-ökonomischem Gebiet besteht immer noch das leicht anfällige Gleichgewicht im Kampf für die Verteilung und Umverteilung der Macht zwischen den transnationalen Korporationen und den Nationalstaaten und in Konfrontation mit den Absichten der allgemeinen Kommerzialisierung und Privati­sierung einerseits und ihrer äußerst eingeschränkten und immer weiter abnehmen­den sozialen Regulierung andererseits. Auf politisch-ideologischem Gebiet wird die Sackgasse noch sichtbarer: Das System der sozialdemokratischen Normen ist allmählich ausgeartet und hat sich praktisch mit den Normen („Spielre­geln“) des Sozialliberalismus verschmolzen, und Letztere werden immer unfähi­ger, die sozialen und kulturellen Probleme zu lösen. Das ist kein Zufall: die globale Hege­monie des Kapitals und die Totalität des Marktes zusammen mit dem zuneh­men­den Druck auf die Welt des spekulativen Finanzkapitals (die so genannte „Finan­zialisierung“) – all dies zerstört die Grundlagen des noch vor einem halben Jahr­hundert unerschütterlich erscheinenden Kompromisses zwischen Lohnar­bei­tern und Kapitaleigentümern. Die „Mittelklasse“ weicht auf. Die soziale Polari­sierung wächst. Massenpauperisierung wird sogar in den „Kern“ländern Realität (erscheint als „Problem von Migran­ten“). Um die frühere Lebensqualität aufrecht zu erhalten, muss der Lohnarbeiter in den USA und in Deutschland (von Russland gar nicht zu reden) immer mehr und intensiver arbeiten und verbleibt dabei die gan­­ze Zeit in einem Risikobereich und ohne feste Anstellung. Die einstigen Inseln einer stabilen sozialen Gerechtigkeit wie staatlich garantierte Bildung, Gesund­heits­wesen, und Kultur werden privatisiert und kommerzialisiert.

Dies alles vollzieht sich noch dazu auf dem Hintergrund der Zuspitzung einer inter­nationalen wirtschaftspolitishen Konfrontation, bei der neben der früheren „Triade“ (USA, EU, Japan) neue Träger imperialer Ambitionen entstanden sind, und das ist nicht nur China.

Der Mensch empfindet dies alles sogar, wenn er es nicht versteht. Man erzählt ihm etwas von einer „neuen Normalität“ und rät ihm, sich an ein Leben unter Bedin­gun­­­gen der Stagnation zu gewöhnen; doch er weist dies „aus irgendeinem Grunde“ zurück.

Eine Sackgasse.

Das ist eine Sackgasse, aus der immer mehr Menschen immer öfter den Ausweg in einer Rückwärtsbewegung suchen. Die Welt steht vor der Gefahr einer totalen kon­servativen Konterrevolution. Und diese kann nicht nur zu einer Refeudalisie­rung des Kapitalismus in den Ländern der Peripherie und Halbperipherie führen (in Russland sind wir schon lange zu deren Zeugen geworden), die uns allen Neuaufla­gen von Absolutismus, Leibeigenschaft und religiösem Fundamentalis­mus, aber auch Entartung der formal-demokratischen Formen der globalen Hege­monie des Kapitals zu real-diktatorischen, neofaschistischen Formen bringen kann.

Eine entstandene Sackgasse – NB! – durch die Niederlage des ersten weltweiten Versuchs der praktischen Schaffung des „Reichs der Freiheit“ auf einem Drittel des Erdballs, eines Versuchs, zu dessen wahrem Start die Oktoberrevolution wur­de. Doch die Niederlage des ersten Starts bedeutet nicht das Ende des Projekts. Und ist auch kein Zeugnis, dass sie keine Berechtigung gehabt hätte.

Hieraus ergibt sich die objektiv vor der Menschheit stehende (so ist es wirklich!) Wahl: entweder Involution, Rückwärtsbewegung zu konservativen Modellen des Spätkapitalismus oder vorwärts auf dem von der Oktoberrevolution begonnenen Weg unter Berücksichtigung der tragischen und in ihren Impulsen großen Lehren von Dutzenden sozialistischer Revolutionen, die im 20. Jahrhundert in der ganzen Welt aufgeflammt sind, unter Berücksichtigung der tragischen und sich aus dem Potential ihres sozialen kreativen Aufbauwerks ergebenden Lehren des „realen Sozialismus“.

Hoffnungen auf endlose Stagnation in der Sackgasse sind aussichtslos.

1. Was hat die Oktoberrevolution Russland und der Welt gebracht: Dialektik von Internationalismus und Patriotismus

Hierzu möchte ich nur sehr ungern die Thesen aus den Arbeiten der zehn Wissen­schaftler über die internationale Bedeutung der Oktoberrevolution wiederholen. Diese Arbeiten waren ein Auftragswerk und sind unter strengen Zensurbedin­gun­gen entstanden. Sie enthielten viele Unwahrheiten, doch das Wesentlichste war gesagt. Besonders wichtig war dabei, dass unsere Revolution zu einem sehr wich­tigen Impuls für jene teilweise Sozialisierung und Humanisierung des Kapitalismus geworden war, was für diesen im 20. Jahrhundert charakteristisch war und zum Teil heute noch erhalten geblieben ist. Doch das ist allgemein bekannt.

Nicht weniger bekannt ist (wenngleich das heute immer öfter „vergessen“ wird), dass die Oktoberrevolution ein mächtiger Impuls war für den antiimperialistischen Kampf und den Zusammenbruch der kolonialen Imperien.

Gegenwärtig erscheint es mir wichtiger, mit jenen Verteidigern der Ideen der Ok­to­berrevolution zu polemisieren, die zusammen mit ihrer internationalen Be­deu­tung und ihrer Rolle bei der Veränderung der Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert besonders ihren Einfluss bei der Schaffung einer „sowjetischen Groß­macht“ hervorheben.

Dieser Akzent ist heute besonders in Mode gekommen, und das ist nicht zufällig: Mit dem Zerfall der UdSSR haben wir unsere mächtige Heimat verloren und durch die in den letzten Jahrzehnten zu beobachtenden Bemühungen der USA und ande­rer globaler Spieler, endgültig eine neue einpolige imperiale Ordnung herauszu­bilden, wird hier noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Das alles ist zu verstehen, aber es ist nicht zu billigen.

Es geht hier ja auch nicht darum, dass die UdSSR keine Großmacht gewesen sei. Sie war eine (was für eine, das ist eine andere und sehr wichtige Frage. Der Ver­fas­ser hat dazu früher nicht wenig publiziert1). Es geht darum, dass der positive Im­puls der Oktoberrevolution, durch den es gelungen war, eine zweipolige Welt zu schaffen, Antigroßmacht-Charakter hatte.

Er entstand als Strategie der Zerstörung der Großmacht (des Imperiums): das ein­seitige Ausscheiden aus dem Krieg und die Abgabe von Territorien, die Gewäh­rung des Rechts auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung für ehemalige Kolo­nien¸ der Kurs auf Internationalismus und Gleichberechtigung der Nationen und Völker, – all dies sind offensichtliche Antithesen zur früheren und heutigen im­perialen Groß­machttendenz. Daher ist aus diesem Zusammenhang auch die Abnei­gung und sogar Hass der heutigen Großmachtpolitiker gegenüber Lenin als bedeu­tendem Theoretiker und Praktiker eines internationalen Modells der Herausbildung des Sozialismus zu erklären.

Der Hauptimpuls der Oktoberrevolution kann wie folgt kurz zusammengefasst werden: Entwicklung der internationalen Solidarität der sozialistischen Kräfte als Hauptmittel zur Lösung der Probleme des Sozialismus und („nebenbei“, „da­durch“) zur Festigung der ersten Einzelstaaten, die den Sozialismus praktisch aufbauten.

Zur Erläuterung dieser These: Ein Nationalstaat kann auf unterschiedliche Weise aufgebaut sein. Umso mehr, wenn dieser Staat, der die Rolle einer „Groß­macht“ beansprucht (oder auch Imperium). das heißt, die Rolle eines paternali­stisch orien­tierten und als „Zentrum und Schutzmacht“, „Verteidiger“, „Betreuer“ und „Hal­ter“ von Ländereien fungiert – in ideal phantastischer Variante, als Exploatateur und Diktator in Bezug auf periphere Bestandteile.

Ich möchte diese These erläutern. Es gibt viele Меthoden des Aufbaus eines sol­chen Staates, in der neuesten Ge­schichte sind zwei besonders bekannt.

Eine davon — die gewaltsame Unterordnung der Peripherie unter das Zentrum und Konfrontation dieses „Zentrums“ mit allen, die die Absicht haben, diese „Groß­macht“ in der Weltarena zurückzudrängen. Plus strikter Protektionismus in den außenwirtschaftlichen Beziehungen und kulturelle Abgrenzung zusammen mit Großmachtchauvinismus.

Die zweite Variante ist wirtschaftliche Expansion, Unterordnung der Welt durch Verbreitung der Macht der größten Korporationen.

Die erste Variante war und bleibt charakteristisch für vorbürgerliche Methoden des Aufbaus von Imperien. Leider ist sie im 21. Jahrhundert immer noch nicht ver­schwun­­den. Sie wird von jenen benutzt, die bei der wirtschaftlichen Expansion zu spät gekommen waren (vom islamischen Expansionismus bis zu den Plänen von Großmachtpolitikern Russlands, ein eigenes „peripheres Imperium“ aufzubauen2 2), sowie jene, die ihre wirtschaftliche Herrschaft noch durch militärische Kräfte er­gän­zen wollten.

Die zweite Methode hat in reiner Form niemals existiert: es wird über die USA ge­sagt, dass die Herrschaft von „Mc Donald’s“ ohne McDonnell Douglas (Hersteller der US „Phantom“-Flugzeuge)3 nicht möglich sei.

Die Oktoberrevolution eröffnete den Weg zur Verwirklichung eines auf den ersten Blick unmöglichen Projekts: die Erweiterung des Einflusses und der Rolle eines Einzelstaates bzw. einer Union gleichberechtigter Staaten durch… Verzicht auf wirtschaftspolitische Expansion und sogar durch Kampf dagegen.

Auf welche Weise? Das wird durch die Theorie und Praxis beantwortet, die die Bolschewiki seit 1917 verfolgt haben. Hier nur einige Aspekte.

Erstens. Wie kann die Frage eines Sieges im Ersten Weltkrieg gelöst werden? Die von Lenin vorgeschlagene Lösung erscheint völlig paradox, erweist sich aber schließlich als richtig: Frieden mit dem Feind schließen, denn infolge seiner inne­ren Widersprüche wird er morgen zum Verbündeten, wenn wir die fort­schrittlichen Kräfte im Lande dieses Feindes unterstützen. Die Revolutionen in Deutschland und in Ungarn wurden zu ersten Schritten in dieser Richtung.

Zweitens. Wie kann die Einheit der Völker des früheren Zarenreiches gewährleistet werden? Wieder ist die Antwort paradox: ihnen das Recht auf Lostrennung geben, aber jene Kräfte unterstützen, für die eine gleichberechtigte Union „vorteilhafter“ ist als Separatismus.

Drittens. Wie kann die Isolierung der UdSSR seitens der anderen Staaten über­wunden werden? Erneut ein „perpendikulärer“ Vorschlag: einen Dialog nicht mit den Machtstrukturen beginnen, sondern mit den Organisationen der Werk­tätigen, die durch ihre Aktivitäten die Elite zwingen, ein Bündnis einzugehen.

Das sind nur einige Aspekte, die zeigen, wie ein auf internationale Solidarität der fortschrittlichen Kräfte orientiertes soziales Herangehen, das auf Verständnis für die in jedem Lande vorhandenen Widersprüche zwischen den Interessen der fort­schrittlichen und der konservativen Kräfte beruht, dazu beiträgt, unlösbar erschei­nende geopolitische Probleme auf prinzipiell andere Art zu klären.

Diesen Weg ging die UdSSR, nachdem sie nach Beendigung des Bürgerkrieges die Armee um ein Mehrfaches verringert hatte und weniger Geld für die Verteidigung ausgab als jedes andere imperialistische Land, wodurch sie die Sicher­heit des neu­en Staates trotz Isolation und einer im höchsten Grade feindlichen Umgebung ge­währleisten konnte.

Dies gelang, weil wir eine friedliche internationalistische Alternative vorge­schla­gen hatten, die auf die sozialistischen und nationalen Befreiungskräfte anzie­hende Wirkung ausübte. Weil wir ein sozialistisches Modell vorgeschlagen hatten, das für die Werktätigen und ihre Organisationen in allen Ländern Anziehungskraft aus­übte. Weil wir eine Bildungs- und Kulturpolitik vorgeschlagen hatten, die von brei­ten Kreisen der fortschrittlichen Intelligenz der USA, in Europa, in Asien usw. un­terstützt wurde. Das war eine friedliche, soziale und kulturelle Expansion neuer Prinzipien sowohl der Innen- wie der Außenpolitik, die gleichberechtigten Dialog und Solidarität voraussetzt.

Ja, und seit den 1930er Jahren hatte der Stalinismus diese Linie verändert, ihre Grundlagen – Gleichberechtigung, Solidarität und Internationalismus – zerbrochen, und sie in immer stärkerem Maße mit traditioneller Politik wirtschaftlichen und mili­tärischen Expansionismus erweitert. Ende der 1950er – Anfang der 1960er Jah­re haben wir teilweise versucht, zu dieser Linie zurück zu kehren, doch nur inkon­sequent, und schließlich sind wir wieder zur Logik imperialer Konfrontation über­gegangen…

Doch das von der Oktoberrevolution gezeigte Modell ist auch heute noch aktuell. Die einzige Methode wirklichen Wachstums von Prestige und Einfluss unseres Landes heute ist nicht Aufrüstung und Erdölexport, sondern die Verwirklichung solcher „Grundsätze“ der Innen- und Außenpolitik, solcher Modelle der Organi­sierung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens und des Bildungs­wesens, solche Modelle der offenen Zusammenarbeit und Solidarität mit der Öf­fentlichkeit und den sozialen Bewegungen anderer Länder, die auch für die inter­nationale Zivilgesellshaft und die fortschrittlichen Kreise der Intelligenz der Welt Anziehungskraft besitzen. Und diese werden ihrerseits ihre Regierungen veranlas­sen, mit uns zu rechnen und uns zu achten.

Und dieses Projekt für ein Russland des 21. Jahrhundert ist im Prinzip nicht weni­ger romantisch als der Leninsche Plan der Schaffung der UdSSR und der Durch­führung einer friedlichen Außenpolitik unter den Bedingungen der Blockade in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.4 Die einzige störende „Kleinig­keit“ bei der Umsetzung des Projekts sind die gesellschafts-politischen Kräfte, die in unserem Land an der Macht sind. Ansonsten stimmen wir mit Wort und Geist der Oktoberrevolution überein und stützen uns darauf, dass der Schlüssel zur Lösung der geopolitischen Probleme auf sozial-politischem Gebiet liegt. Und das ist eine der wichtigsten Lehren der Revolution, die vor hundert Jahren stattgefun­den hat.

2. Braucht das 21. Jahrhundert eine sozialistische Revolution (die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Kommunismus als Welt der Kultur)

Ich antworte sofort und kurz: ja, sie wird gebraucht. Mehr noch, es wird nicht nur eine sozialistische Revolution gebraucht, sondern eine kommunistische soziale Revolution, das heißt, kein politischer Umsturz im Sinne eines stalinschen-brež­nevschen „Exports des Sozialismus“, sondern eine qualitative Veränderung des gesamten Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse im Prozess des Über­gangs zum „Reich der Freiheit“, die zugleich auch von qualitativen politischen Verände­rungen begleitet ist.

Und hier beginnt einer der Schlüsselpunkte unserer Meinungsverschiedenheiten mit jenen, die glauben, dass eine revolutionäre, praktische wirtschaftliche und poli­tische Kritik des Kapitalismus nicht möglich sei, dass die soziale Marktwirt­schaft und das sozialdemokratishe politische Modell die Krönung der wirtschaftspoli­ti­schen Entwicklung sei, und wo es dann nicht mehr weiter gehe.

In eigenartiger politisch-ideologischer Transkription des russischen Traditiona­lismus äußert G. Zjuganov diese Idee mit der Meinung, dass „das Limit an Revo­lutionen erschöpft“ sei; alle Aufgaben auf dem Gebiet der Wirtschaft und Politik liefen auf eine Vervollkommnung des jetzigen kapitalistischen Systems hinaus, und die Hauptprobleme lägen auf dem Gebiet der Festigung der traditionellen geistigen Werte Russlands.

Im Rahmen einer kultur-philosophischen „Diskussion“ wird diese These von vie­len bekannten in- und ausländischen linken Intellektuellen entwickelt, die zuerst Marx folgen und dann auch wie ihre Lehrer und Kollegen in den sechziger Jahren berechtigt die These hervorheben, dass der Kommunismus ein Raum der Kultur ist5, doch die daraus dann die absolut unlogische Schlussfolgerung ziehen, außer­halb des Raumes der Kultur sei nur Kapitalismus möglich.

Sie haben hinsichtlich ihrer ersten Prämisse völlig Recht: wenn man unter Kultur nicht einen Zweig der Volkswirtschaft versteht, sondern Raum und Zeit, in denen der Mensch die Grenzen seiner individuellen Existenz auf­hebt (Shakespeare und Einstein, Tolstoj und Lomonosov sind ewig und international) und in denen er, der Mensch, sich im Feld nicht entfremdeter gesellschaftlicher Verhältnisse, in gemein­samer Kreativität, befindet, so ist diese Welt ja Kommunismus.

(Nebenbei möchte ich bemerken: genau in dieser Weise, – und dazu noch gerecht – wird die Welt der Zukunft in den Werken von A. und B. Strugatskij sowie von I. Efremov und deren Anhänger dargestellt; das ist die Welt von Pädagogen, Ärzten, Wissenschaftlern, Dichtern,“Progressoren“, d.h. Menschen, die gemeinsam schöp­fe­risch ohne den engen Horizont von Gewinn und Macht in Kultur und Gesell­schaft tätig sind.6)

Jetzt wollen wir uns wieder unserer Polemik zuwenden.7 Aus der oben genannten berechtigten Prämisse ergibt sich eine ganz fehlerhafte Schlussfolgerung: der einzige Unterschied des Kommunismus von den vorhergehenden Gesellschaften liegt auf dem Gebiet … der Kultur. Es sind keinerlei qualitative Umgestaltungen auf sozial-ökonomischem und sozial-politischem Gebiet erforderlich, denn Kom­munismus ist kein neues Gesellschaftssystem und erst recht nicht eine neue Pro­duktionsweise, sondern nur ein gewisses Raum-Zeit-Anderssein des Menschen, nachdem er den Rahmen des Betriebes oder des Büros verlässt.

Jedoch.

Bereits Karl Marx hat festgestellt, dass das „Reich der Freiheit“ (die Welt der Kul­tur) nur auf der Grundlage einer entsprechenden Entwicklung des „Reichs der Not­­wendigkeit“ „aufblühen“ kann. Erstrangige Bedeutung gewinnt daher die Ant­wort auf folgende Frage: Welcher Typ der Organisation des wirtschaftlich-sozia­len Le­bens kann die adäquate Grundlage sein für die freie Entwicklung des „Raumes der Kultur“? Ich würde dieses Problem folgendermaßen formulieren. Die Welt der fre­ien Entwicklung der menschlichen Qualitäten (der Kultur) erzeugt eine Art „sozi­alen Auftrag“ für die technologischen Grundlagen der Gesellschaft, für die wirt­schaftlichen und sozialen Verhältnisse, für das politische System usw.

Sie müssen alle für die Lösung der Aufgaben des Fortschritts der Kreatosphäre der Welt der Kultur, des Menschen, adäquat sein.

Jetzt wollen wir überlegen, in wie weit für den Fortschritt des Letzteren das Fließ­band, der Markt, die Lohnarbeit, politische Manipulierung, Herrschaft der Massen­medien usw. adäquat sind.

Und weiter.

Ich glaube, es ist allgemein bekannt, dass Geld einfach ein Mittel des Tausches und zur Kalkulation von Kosten ist, und dass es auch spezifische gesellschaftliche Ver­hältnisse zum Ausdruck bringt (schon Shakespeare wusste, dass Geld in der Lage ist, Böses in Tugend zu verwandeln, aus einem Menschen einen Zyniker oder Ver­bre­­cher zu machen), und – dass der Markt ein System zur Herausbildung von „Wirt­schafts­menchen“ ist, deren Motive und Werte vom Vorteil geprägt sind.

Dass Lohnarbeit Entfremdung des Arbeitenden von den Zielstellungen und ande­ren Attributen kreativer Tätigkeit ist.

Dass Reproduktion des Kapitals ohne sozial-politischen Widerstand seitens der Werktätigen zu sozialer Polarisierung und Herausbildung von Massenarmut führt (von der der Kapitalismus niemals frei war und auch jetzt nicht frei ist).

Dass die heute herrschenden Systeme der Machtverhältnisse mit Hilfe mo­derner Technologien politischer, ideologischer usw. Manipulierung die Konzentration der Macht keinesfalls in den Händen der auf dem Gebiet der Kultur Tätigen sichern, sondern in den Händen ganz anderer sozialer Kräfte.

Dass Massenkonsum, Massenkultur und Massenmedien zur Herausbil­dung von Kleinbürgern führen, für die die Welt der Kultur prinzipiell fremd ist und die wirk­liche Kultur ablehnen und unterdrücken…

Kann denn ein solches System für den „Kommunismus als Basis des Raumes der Kultur“ dienen, auf dem die Zukunft des „Reichs der Freiheit“ aufblüht?

Fahren wir fort.

Selbst die Welt der Kultur existiert nicht außerhalb wirtschaftlicher und politischer Prozesse.

Denken wir nach über ganz offensichtliche Fragen.

Ist es für den Fortschritt der Kultur gleichgültig oder nicht, ob das Eigentum an Wissen privat oder allgemein ist? Für die Welt der Kultur ist nur das Gemeinei­gentum Eigentum eines Jeden an allem. Aber der Markt und das Kapital fordern und reproduzieren Privateigentum an den Phänomenen der Kultur.

Ist es für die Welt der Kultur gleichgültig, ob Bildung allgemein zugänglich oder kommerziell-elitär sein wird?

Und ist es gleichgültig für die Welt der Kultur, wohin die wichtigsten Ressourcen für die Entwicklung der Menschheit gelenkt werden, einschließlich das „Humanka­pi­tal“ – für Expansion von Finanzspekulationen, Militarismus, Massenkultur usw. oder für Erziehung, Ausbildung, Gesundheitswesen, Entwicklung der Kunst und die Lösung von Problemen der Rekreation von Natur und Gesellschaft?

Das aber sind ausgesprochen sozial-ökonomische und sozial-politische Pro­bleme…

Eine andere Frage ist, dass sich die ersten Versuche, ein antikapitalistisches Mo­dell für die Lösung dieses und vieler weiterer Probleme als äußerst wider­sprüch­lich erwiesen haben. Ich habe schon oft festgestellt, dass das Sowjetsystem bei all sei­nen Errungenschaften auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Bildung und der Kunst sehr weit von der Schaffung adäquater sozial-ökonomischer und politi­scher Voraussetzungen für den Fortschritt der Kultur entfernt war. Doch die Niederlage des ersten Versuchs, ein Modell der neuen Gesellschaft auszuarbeiten und prak­tisch zu verwirklichen, kann für einen Wissenschaftler kein Argument sein, dass das neue Projekt prinzipiell nicht zu verwirklichen sei: ein Wissen­­schaftler weiß sehr wohl, wie lang und arbeitsintensiv der Weg der Ausarbeitung und Verwirkli­chung neuer strategischer Projekte auf jedem Gebiet der Tätigkeit des Menschen ist.

Das ist der Grund, weshalb ich – meinen Lehrern folgend – gemeinsam mit meinen Kollegen ständig bemüht bin, in der heutigen Wirklichkeit reale Tendenzen der Fortentwicklung zu einer Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft, reale Keime dieser Zukunft, zu finden.8

Und jetzt einiges zu der Frage, warum ich es für so wichtig halte, in diesem Text eine Polemik zu einem recht abstrakt erscheinenden philosophischen Thema auf­zugreifen.

Es ist ein einfacher Grund: Die Oktoberrevolution war nicht nur ein politischer Um­­sturz und nicht nur ein Versuch (der schließlich mit einer Niederlage endete), eine Planwirtschaft und ein politisches Rätesystem – das Sowjetsystem –, zu schaffen. In ihrem tiefsten Sinne war die Oktoberrevolution eine Revolution ge­gen das „Reich der Notwendigkeit“, und nicht nur gegen Kapitalismus und Impe­rialismus; sie wurde zum Beginn einer umfassenden, faktisch weltweiten Suche nach praktischen Wegen zur Schaffung nicht nur einer neuen Wirtschaft und Poli­tik, sondern auch eines neuen Raum-Zeit-Lebens der Menschheit – der Geschichte, des „Reichs der Freiheit“.9

Hieraus ergibt sich die Bedeutung des Akzents, den schon Karl Marx gesetzt und Lenin10 weiterentwickelt hatte, und danach noch viele andere Marxisten (unter ihnen auch jene, mit denen wir oben polemisiert haben): erstrangige Aufgabe der kommunistischen Revolution ist die Herausbildung von Bedingungen für einen maximalen freien und schnellen Fortschritt der menschlichen Qualitäten („Kom­mu­nismus ist praktischer Humanismus“),der gemeinsanen schöpferischen Tätig­keit, der Kultur. Und in diesem Sinne waren die wichtigste Errungenschaft der Okto­berrevolution nicht einmal das Wasserkraftwerk am Dnepr und der Sputnik als solche, sondern jene Millionen (leider nicht Milliarden) Menschen, die in der gan­zen Welt – und vor allem in der UdSSR – nicht wegen des Geldes und nicht wegen Machtausübung lebten und arbeiteten. Ihr Interesse galt dem Aufbau eines neuen Lebens und in erster Linie einer neuen Kultur. Nicht nur Bücher und Filme, Kenntnisse und Raumschiffe, sondern Kultur Raum und Zeit nicht entfremdeten Seins des Menschen, der nicht entfremdeten menschlichen Beziehungen – Kultur als Raum des Kommunismus. Sie haben in unserem gesellschaftlichen Sein und Bewusstsein die Entfremdung aufgehoben [russ, razotčuždali – ent-entfremdet]11.

Und diese wichtige Lehre widmet die Oktoberrevolution dem Sozialismus der Zukunft: eigentlich kann und muss die neue Welt mit der sozial-kulturellen Revo­lution beginnen, deren wichtigster Inhalt die Aufhebung der wirtschaftlichen und politischen Formen ist, die den Fortschritt der menschlichen Qualitäten, der Krea­tosphäre hemmen sowie die Schaffung der Voraussetzungen für die Heraus­bildung neuer gesellschaftlicher Formen, die zu einem schnelleren Fortschritt der Kultur und des Menschen beitragen. Ohne dies werden die wirtschaftlichen und politi­schen Umwandlungen entarten und sich in ihr Gegenteil verkehren.

Ebenso wahr ist umgekehrt aber auch, dass ohne sozial-ökonomische und politi­sche sozialistische Revolution der Fortschritt der Kultur nie zum bestim­menden Parameter der menschlichen Entwicklung werden wird.

Und das ist auch der Grund, warum die qualitative Veränderung des sozial-ökono­mischen und des gesellschafts-politischen Systems, die revolutionäre Aufhebung nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des gesamten Reichs der [wirtschaftli­chen] Notwendigkeit das Maximalprogramm der Kommunisten war und bleibt.

Doch wir denken nicht nur an die strategischen Ziele. Wir denken an die Antwor­ten auf die Herausforderungen des heutigen Tages. In der Welt und in Russland bildet sich eine bedrohliche Situation heraus: bei dem korporativen Kapital, das zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf die erschöpften inneren und äußeren Ressour­cen der Akkumulation gestoßen ist, zeigt sich eine Neigung zur Suche politisch-ideologischer Lösungen der sozial-ökonomischen Probleme. Und hier wählt es den Weg, von einem Übel – der manipulativ-simulati­ven Demokratie – zu einem ande­ren, noch größeren, einem rechtskonservativen Übel, das zu einer mehr oder weni­ger gemäßigt/rigorosen Diktatur führt.

Die Hauptgründe hierfür sind wirtschaftliche.

Die globale Expansion des Kapitals in die Breite ist auf eine durch das transnatio­nale Kapital selbst geschaffene Grenze gestoßen: China, Indien und Co. verwan­deln sich in reale Konkurrenten…

Die finanzwirtschaftliche Krise von 2007-2009 hat gezeigt, dass die inneren Quel­len für die Lösung des Problems einer Neuakkumulation von Kapital auf dem Wege zur Schaffung fiktiv-virtueller Finanzblasen nicht grenzenlos sind und sogar „folgenschwer“ sein könnten…

Eine Rückkehr zu teilweiser privater sozialdemokratischer Reformierung in ihren früheren Formen ist unmöglich, denn sie hatten sich bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts erschöpft, und das Kapital hat nicht die Absicht, sich auf eine private Übergabe nicht nur der Gewinne, sondern auch des Eigentums und der Macht ein­zu­lassen (umso mehr als eine so starke Gefahr, wie sie Mitte des 20. Jahrhun­derts bestanden hat, heute nicht vorhanden ist: weder eine UdSSR, noch eine machtvolle kommunistische Weltbewegung, noch ein sich auf dem ganzen Planeten vollzie­hen­der antikolonialer Kampf sind vorerst in Sicht.)…

Vor uns allen – vor all jenen, für die die Worte „Volksmacht“, „Freiheit“ und „Sozialismus“ nicht nur Worte sind, sondern der Sinn von Leben und Tätig­keit, und das gilt nicht nur für uns, sondern auch für jene, die vor uns waren und die nach uns kommen werden –, in voller Größe steht vor uns allen die Aufgabe einer exakten Bestimmung der Alternativen zu einer neuen und alten rechtskonser­va­tiven Gefahr.

Diese Antwort kann sowohl revolutionär als reformistisch sein.

Zu Ersterem habe ich meine Gedanken oben geäußert. Es ist Zeit, über Letzteres zu sprechen: über ein Minimalprogramm der linken Kräfte. Doch einem positiven Pro­gramm muss der Beweis vorangestellt werden, dass ein konservatives Szena­rium – in welcher Form auch immer, sogar ein linkskonservatives – ein Weg des Rückschritts ist.



3. Auf der Suche nach einem Ausweg … aus der neoliberalen Sackgasse: Konservatismus als Rückschritt



Begeben wir uns auf den Boden der Realitäten Russlands, und beginnen wir mit dem, was offensichtlich ist (zumindest für den Verfasser und seine Genossen): die Wieder­her­stel­lung der traditionellen liberal-demokratischen Werte in ihrer früheren Art und Weise ist für die Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes nicht akzep­ta­bel.

Zum liberal-demokratischen Modell hat sich Russland verspätet (Girš [Grigorij Isaakovič] Chanin hat das irgendwann einmal anders ausgedrückt: „Russland ist zu spät zum Markt gekommen“.) Und nicht einmal heute – sondern vorgestern, zu Beginn des 20.Jahehunderts, was die siegreichen Bolschewiki verstanden hatten, deren nicht siegreiche Opponenten hatten dies aber nicht verstanden.

Wir haben uns in der Praxis davon überzeugt, dass in einem Land, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts unter Bedingungen einer absoluten Monarchie gelebt hat, das in den letzten Jahrzehnten dem Wesen nach ein militärisch-feudaler Impe­ria­lismus war und das dann zur UdSSR wurde – d.h. zu einem System, das von einem libera­len Modell ebenfalls weit entfernt war, und für das die Versuche einer Demokratisierung in der sozial-ökonomischen und außenpolitischen Krise der 1990er Jahre endeten, was aber trotzdem seine kosmischen und Kernkrafttechno­logien beibehält, was ein außerordentlich hohes Niveau des Bildungswesens und der Kultur hat, das die Traditionen der Solidarität und der sozialen Kreativität be­wahrt – in einem solchen Land den Versuch zu unternehmen, ein Modell des liberalen Marktes und der Demokratie einführen, wäre nicht nur ein Verrechen, sondern dumm.

Und nicht nur dumm, sondern ein Verbrechen wäre es aus diesem Grunde, unserer Gesellschaft ein rechtskonservatives Projekt aufzudrängen, das Russland in eine mögliche, einer reaktionären Sackgasse gleichkommenden Vergangenheit eines militärisch-feudalen Imperialismus zurückwerfen würde. Die Tragödie des Russ­ländischen Imperiums, die nicht zufällig zur Februar- und zur Oktoberrevolu­tion geführt hat, würde bei dem Versuch einer Wiederholung zu einer tragischen Farce werden, die uns allen, den Völkern unserer Heimat, teuer zu stehen käme.

Die Gründe für eine derartige Schlussfolgerung sind bekannt: ein autoritär-konser­vativer politisch-ideologischer Überbau bildet sich heraus wie eine Fassade – und wir wiederholen es absichtlich nochmals – von der Art jener sozial-ökonomischen Verhältnisse wie jener militärisch-feudale Imperialismus zu Beginn des 20. Jahr­hunderts, der berufen war, die Aufgaben der industriellen Modernisierung zu lösen. Doch weder diese Wirtschaftsordnung, noch ihre politische Form vermochten die­se Aufgabe zu lösen, denn sie taten es äußerst uneffektiv, da sie die Reprodukti­onsprozesse auf das Ziel der Festigung der Macht und der Bereicherung jener Schicht orientierten, die man heute, hundert Jahre später, als staatliche oligarchi­sche Nomenklatur bezeichnen könnte. Diese Schicht, die als politisch-wirtschaft­lich bestimmende Obrigkeit in keiner Weise von unten kontrolliert wird, ist fähig, nur Simulacren eines Kampfes für gesamtnationale Interessen zu erzeugen, wobei die Bevölkerung mit Großmachtpropaganda eingeschüchtert wird und symbolische Signale gesetzt werden, in Wirklichkeit aber nur unbedeutende geopolitische De­mar­chen benutzt werden, um die Stimmung der Bevölkerung in staatpolitischem und patriotischen Sinne zu heben. Wie aus der Theorie hervorgeht und durch die neuere Geschichte der staatlichen oligarchischen Verwaltung Russlands bestätigt wird (auch dies sei hier nochmals absichtlich wiederholt), bestehen die wirklichen Ziele dieser staatsmachtnahen „Elite“ in ihrer eigenen erweiterten Reproduktion, – d.h. der Nomenklatur selbst sowie des Eigentums und der Machorgane.

Historische Beispiele für eine erfolgreiche Modernisierung unter der Ägide einer derartigen wirtschaftspolitischen Macht liegen vor, aber sie sind bedauernswert (um nicht zu sagen – tragisch). Dies sind Beispiele aus der Geschichte der Jahre 1950-1970 aus den Ländern der Dritten Welt. Das typischste von ihnen betrifft Südkorea, wo die zweite industrielle Modernisierung (kopierend und mit einem Abstand rückwirkend von 1-2 Jahrzehnten) unter der Ägide der USA und mit rück­sichtsloser Ausbeutung der Werktätigen – 10-12-stündiger Arbeitstag, prak­tisch ohne freie Tage und mit sehr niedrigem Arbeitslohn. Nach mehreren Jahr­zehnten wurde Südkorea schließlich eines der erfolgreichen halbperipheren Länder.

Dieses Ergebnis ist für unser Land wenig wünschenswert. Und es wäre auch nicht zu verwirklichen. Denn erstens ist eine auf derartiger Ausbeutung beruhende in­du­­strielle Modernisierung nur bei Schaffung von Produktionen möglich, die auf 3-4 technologischen Wirtschaftsformen beruhen. Für eine Wirtschaft des 21. Jahr­hunderts – für eine Wirtschaft der „klugen Fabriken“ und für eine Produktion mit viel kreativer Arbeit,12 für eine Wirtschaft, deren Hauptzweige auf Bildung, Wis­sen­schaft und Kultur beruhen13, werden schöpferische Arbeitskräfte gebraucht, die ihrerseits viel freie Zeit benötigen plus ein hohes Bildungsniveau, Kultur und Raum für persönliche Entwicklung.

Zweitens, eine derartige Modernisierung in einem zurückgebliebenen Land (und die Russische Föderation ist jetzt ein zurückgebliebenes Land) ist nur unter dem Schutz einer Supermacht möglich, und eine Entwicklung als Satellit der USA oder Chinas wird von der Mehrheit nicht gewünscht.

Drittens, und selbst angenommen, dass wir durch irgend ein Wunder in einem halben Jahrhundert eine solche Modernisierung durchführen, so wird das zu der­selben Krise führen, die die Revolution im Russländischen Imperium ausgelöst hat: enge Enklaven moderner Produktion mit zu Protest neigenden (infolge von zu starker Ausbeutung) Werktätigen + ungelöste Probleme der übrigen Sektoren, in denen die Mehrheit der Bevölkerung tätig ist, + eine korrumpierte, uneffektive Oberschicht…

Wo ist da der Ausweg? Er ist bekannt und wurde von der Revolution vorge­zeichnet: wir müssen und können nicht zurück zur Demokratie gehen, sondern vorwärts – zur realen Macht des Demos, und dies nicht im früheren, sondern im modernen Sinn beider Begriffe.

Organisierte Bürger, die ständig selbst die Formen ihres gesellschaftlichen Lebens hervorbringen und aufbauen, das ist die allerabstrakteste, jedoch exakteste Formel der Macht der Bürger, die den Aufgaben der Vorwärtsbewegung adäquat ist und die nicht zurück, sondern aus der Sackgasse der quasiliberalen Formen des Spät­kapitalismus herausführt. An die Stelle des Demos treten im Rahmen dieser Form Assoziationen der Bürger, an die Stelle des die Macht garantierenden Demos treten die Systeme der von ihr entfremdeten formalen Regelungen (Gesetze, Verfahren, Beamte, Polizisten) – ihre eigene [Selbst]Tätigkeit, an die Stelle des mehr oder weniger demokratischen Staates tritt der absterbende, „einschlafende“ Staat, der zur sozial-kreativen Tätigkeit der Bürger wird.

Diesen Weg haben die Werktätigen unseres Landes vor hundert Jahren beschritten, als sie im Ergebnis es Sieges der Februarrevolution begannen, das Sowjetsystem [System der Räte] zu schaffen. Auf diese Seite der Februarrevolution wird heute keine besondere Aufmerksamkeit mehr gelegt: die übergroße Mehrheit der Intel­lektuellen beschäftigt sich mit spitzfindigem Gerede und Intrigen von Politikastern aus der Provisorischen Regierung und Anwärtern auf die Rolle eines künftigen Dik­tators. Das Wesentliche war etwas Anderes: unabhängig von den De­mo­kra­tiespielern und jenen, die wie Kornilov und Co die Absicht hatten, die De­mokratie zu beerdigen, haben sich in Wirklichkeit von unten, selbständig, kaum gebildete Bürger Russlands in Dörfern und Kleinstädten in Sibirien und in Petro­grad von sich aus ihre eigenen künftigen Machtorgane geschaffen, die Sowjets14, die die Verantwortung und die Bürde auf sich nahmen, in der Oktoberrevolution einen neuen Staat zu schaffen. Aus den Sackgassen der demokratischen Schwatz­bude und der Tatenlosigkeit gingen sie nicht zurück zur Diktatur, sondern vorwärts zu sozialer Kreativität eines neuen Staatswesens – der Sowjetunion, zu neuen sozia­lökonomischen Verhältnissen.

Ist diese Erfahrung mutiert, nicht gelungen?

Ist anstelle von größerer Demokratie als es die bürgerliche ist ein Regime mit GULAGs [mit einem Lagersystem] entstanden, mit politischer Zensur und Machtorganen einer Partei- und Staatsnomenklatur?

Sowohl ja als auch nein.

Ja, weil das politisch-ideologishe System in der UdSSR und in den anderen Räu­men des „realen Sozialismus“ weder reale Freiheit des Gedankens noch reale Handlungsfreiheit garantiert hat. Die Macht blieb in den Händen des mehr oder weniger repressiven Partei- und Staatsapparates. Maß und Formen der Unterord­nung der Bürger unter den Staat waren in den verschiedenen Ländern in den ein­zelnen Zeitabschnitten natürlich unterschiedlich (eine Sache war die Diktatur der Nomenklatur in den 1930er Jahren in der UdSSR, eine andere das politische Sy­stem in Kuba unter Führung von Fidel), aber eine reale Volksmacht wurde nir­gends verwirklicht, und in einer Reihe von Fällen gab es Entartungen zu direkter blutiger Diktatur.

Nein, weil die vom Volk losgelöste und über dem Volk stehende Nomenklatur in den Ländern des realen Sozialismus durchaus nicht nur Aufgaben zur Stärkung ih­rer eigenen Macht gelöst hat. Sie löste vorwiegend und in den meisten Ländern Aufgaben der Entwicklung des Landes als Ganzes. Sie hat sie widersprüchlich ge­löst und bei weitem nicht immer mit adäquaten Methoden (in einer Reihe von Fällen mit gegen das Volk gerichteten Methoden); sie hat sie nicht immer gelöst und nicht immer mit Erfolg, doch sie hat sie gelöst. Und wenn die politischen Rechte der Bürger in den Ländern des „realen Sozialismus“ viel stärker einge­schränkt waren als selbst in Ländern mit einer manipulierten bürgerlichen Demo­kratie, so wurden die sozial-ökonomischen Rechte der Bürger und ihre reale Einbe­ziehung in das soziale schöpferische Schaffen und in die Kultur in den besten Peri­o­den und Räumen des „realen Sozialismus“ (NÖP und „Tauwetter“ in der UdSSR) bedeutend aktiver verwirklicht, als sogar in den sozialdemokratischen En­kla­ven des Spätkapitalismus.

Und noch eine sehr wichtige Seite dieses politischen Systems: Es gestattete, Aufgaben der Mobilisierung des gesamten Volkes zu lösen. Und nicht nur mit Methoden der Diktatur und Repression, obgleich es dies auch gab. Die Heran­ziehung der Massen der Werktätigen direkt zu besonderen historisch kreativen Ereignissen, ihre Einbeziehung in sozial kreatives Schaffen, die Aufhebung von Entfremdung in ihrem gesellschaftlichen Leben, all das, was heute mit dem fast vergessenen Wort „Enthusiasmus“ bezeichnet wird, machte es möglich, in kurzer Zeit eins der besten Bildungssysteme in der Welt zu schaffen, wissenschaft­lich-technische Durchbrüche zu erzielen, große Massen für wirkliche Kultur zu gewin­nen, den Sieg über den gemeinsamen Feind der Menschheit, den Faschismus, zu erringen. Die bürgerliche manipulative Demokratie kann derartige Aufgaben nicht so schnell lösen und einige überhaupt nicht (Sieg über den Faschismus, Einbezie­hung großer Massen in wahre Kultur).

Was den Preis betrifft, so darf man bei aller absolut erforderlicher und härtester Kritik an den Verbrechen der „sozialistischen“ Nomenklatur nicht die Notwen­digkeit vergessen, genau so strikt die Verbrechen der finanz-bürokratishen No­menklatur des Kapitals zu kritisieren: über eine Milliarde notleidender absolut rechtloser Menschen in den Kolonien (bis in die 1960er Jahre!), Dutzende Milli­onen in „lokalen“ Kriegen Ermordete, Atombombrnabwürfe über friedlichen Städten, Unterstützung des deutschen, italienischen, spanischen, portugiesischen, chilenischen usw. Faschismus während des längsten Zeitraums des 20. Jahrhun­derts, all dies sind Verbrechen der bürgerlichen-demokratischen politischen Sy­steme. Eben­so wie ihre eigenen innern „Eroberungen“: die „Hexenjagden“ und die Berufsver­bote – das ist auch Praxis der „Demokratie“.

Noch eine „Nuance“ sei hervorgehoben: wir, die Anhänger des Sozialismus und der sozialen Befreiung, sprechen offen und ständig über die Notwendigkeit, alle Widersprüche und Verbrechen der sozialistischen „Nomenklatur“ in Erinnerung zu behalten und sie beim Voranschreiten zur Volksmacht nicht zu wiederholen. Doch „jene“, das heißt die liberalen und sozialdemokratischen Verteidiger der abstrakten demokratischen Werte, „vergessen“ ständig die Verbrechen und Widersprüche der bürgerlichen politischen Macht.

Und nun zur Hauptsache: welches sind die Schritte nach vorn, die man tun kann in Richtung auf mehr reale Freiheit des Menschen als unter den Bedingungen der bür­gerlichen Demokratie.

Wie ich bereits erwähnte, in diesem Abschnitt und danach, wird es um jene Refor­men gehen, die im Rahmen des Spätkapitalismus maximal möglich sind. Eine an­de­re Sache ist, dass in solchen Ländern wie dem unseren, wo die Reste der schlimm­sten Seiten des „realen Sozialismus“ (die Macht der Nomenklatur, der bürokratische Paternalismus usw.) stark sind und wo die reversive Bewegung der Geschichte eine Menge spätfeudalistische Formen wiedererstehen lässt, – in solchen Ländern sind allgemeindemokratische öko-sozio-humanitär-orientierte Reformen in ihrer Tiefe, in ihrem riesigen Umfang und in ihrer Kompliziertheit Revolutionen gleichzusetzen.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: in diesen Ländern ist es zur Verwirklichung realer Schritte auf dem Wege der sozialen Befreiung notwendig, eine signifikante Umverteilung des Eigentums, der Macht und der Einkommen vorzunehmen und die real existierenden Regelungen (Spielregeln) qualitativ zu verändern. Ich unter­streiche: diese Veränderungen bleiben in dem Maße nur Reformen, wie die Haupt­rechte am Eigentum und an den Kanälen der Macht wie bisher in den Hän­den des Kapitals und der Bürokratie verbleiben. Zu realen Reformen werden sie in dem Maße, wie ein Teil der Eigentumsrechte und der Kanäle der politischen Macht plus die Möglichkeit einer realen Beschränkung der wirtschaftlich-politi­schen Macht des Kapitals und die Kontrolle darüber in den Händen der Mehr­heit der Werk­tätigen liegen. 1



4. Es gibt Alternativen zu einem rechtskonservativen Rückschritt: Neufassung des Minimalprogramms der Linken



Was könnten das für reale Reformschritte auf dem Wege der sozialen Befrei­ung (der Aufhebung der Entfremdung) des Menschen auf politischem Gebiet sein (zur Wirtschaft haben wir uns schon mehrfach geäußert)?

Die erste und absolut notwendige Bedingung für die Vorwärtsbewegung ist die kritische Bewahrung der Errungenschaften der Vergangenheit. In diesem Falle – der Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie und des frühen politischen Libera­lis­mus. Die wichtigsten dieser Errungenschaften sind die Garantien der so genann­ten „negativen“ Freiheit, der „Freiheit von“ – vom außerökonomischen Zwang und politisch-idologischen Diktat. Diese in den Dokumenten der UNO enthaltenen Prinzi­pien müssen erhalten bleiben.

Das Zweite sind die formalen Garantien, die in den Verfassungen der bürgerlichen Staaten fixiert sind (Freiheit des Wortes, von Zusammenkünften, Versammlungen usw., die Menschenrechte); sie sind ebenso wichtig wie abhängig von jenem sozi­al-ökonomischen Inhalt, der diese abstrakten Prinzipien zu realen Freiheiten macht. Aus diesem Grunde bedeutet Verwirklichung der juristischen Rechte des Men­schen: Verwirklichung eines solchen Minimums an sozial-ökonomischen Rechten, die den Arbeitenden wie den nicht arbeitsfähigen Menschen zu einem Bürger macht, der die reale Möglichkeit besitzt, praktisch an politischen Prozessen teilzu­nehmen. Dieses Minimum ist gut bekannt. Es enthält:

  • ein garantiertes soziales Minimum (Minimallohn, Rente, Unterstützung), in Höhe von nicht weniger als 15 % des Durchschnittseinkommens vоn 10 % der reichsten Bürger des Landes; der Koeffizient der Fonds (Verhältnis des Einkommens von 10 % der ärmsten und reichsten Familien) wird in diesem Falle das Niveau der skandinavischen Länder haben – 6-7mal; die Bedin­gung der Verwirklichung dieses Imperativs ist das hohe (nicht unter 50 %) Niveau der Besteuerung der persönlichen Einkünfte der reichsten Mitglieder der Gesellschaft;

  • Garantierte Beschäftigung im öffentlichen Sektor anstelle von Arbeitslosen­unterstützung;

  • Kostenlose Ausbildung (inklusive Hochschule),Gesundheitswesen, Kultur­güter;

  • Allgemeiner Zugang zu Räumen für die Durchführung von gesellschafts-politischer und kulturell-kreativer Tätigkeit usw.;

Drittens. Begrenzung von Eigentum und wirtschaftspolitischer Macht des Kapitals. Insbesondere:

  • Schaffung komplexer Systeme von öko-sozio-humanitärer Rahmen des Marktes, deren Realisierung von der Zivilgesellschaft kontrolliert wird.

  • Entwicklung eines Systems von Beziehungen, das die Teilnahme von Mitar­beitern in der Verwaltung von Unternehmen aller Eigentumsformen garan­tiert; Pflicht zu sozialer Verantwortung des Eigentümers für die Nutzung der ihm gehörenden Ressourcen; öffentlich-staatliche Sicherung der vorrangi­gen Entwicklung verschiedener Organe gesellschaftlichen Eigentums;

  • Beschränkung der Nutzung finanzieller und anderer materieller Kapitalres­sourcen im politischen Prozess; fer­ner maximale Transparenz der Tätigkeit politischer Strukturen; öffentliche Kontrolle der Tätigkeit sowohl staatli­cher als auch privater Massenmedien (linken demokratischen Organisatio­nen wurde im letzten Jahrhundert ein breites Spektrum praktischer Schritte in dieser Richtung empfohlen).

Viertens, das Wichtigste. Herausbildung von Organen der Staatsverwaltung auf der Grundlage von Übergangsprinzipien vom Parlamentarismus zum Sowjet-[Räte]-System. Vor allem, reale Einbeziehung demokratisch gewähl­ter Vertreter der Machtorgane in die praktische Tätigkeit zur Verwaltung des Staates und zur Her­ausbildung gesetzgebender Organe auf der Grundlage von Vertretungskörperschaf­ten, die aus real agierenden gesellschaftlichen Massenorganisationen und sozialen Bewegungen zusammengesetzt sind. Unterstützung der Herausbildung von Institu­tionen der Zivilgesellschaft, die auf der Grundlage der Prinzipien der Freiwilligkeit und offen arbeitender Assoziationen aufgebaut sind; öffentliche Regulierung und Beschränkung der Tätigkeit von Institutionen der Zivilgesellschaft, die vom Kapi­tal gebil­det werden. Maximal mögliche Nutzung von Formen direkter (auch elek­tro­­nischer) Demokratie und maximal breite Ersetzung der Tätigkeit des Beam­ten­apparats durch Tätigkeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Organisatio­nen und sozialer Bewegungen.

Nochmals sei unterstrichen: die genannten Schritte sind nicht mehr (aber auch nicht weniger) als bedeutende Reformen, die auf die Entwicklung von Elementen einer Volksmacht (soziale Befreiung) im Rahmen eines spätbürgerlichen Systems gerichtet sind.

Diese Reformen sind im Rahmen des Kapitalismus nut dann zu verwirklichen, wenn sich eine Situation herausbildet, die einer revolutionären Situation nahe kommt. Wenn also, mit anderen Worten, die Krise des sozio-liberalen und des von diesem fast nicht zu unterscheidenden und fatal nach rechts gerückten sozialdemo­kratischen Projekts von der Mehrheit erkannt wird, wenn diese (libero-sozialdemo­kratischen) „Oberschichten“ endgültig ihre Unfähigkeit demonstrieren, auf die alte Weise zu regieren, wenn die reale Gefahr entsteht, dass man aus dem von diesem wirtschaftspolitischen Modell des Spätkapitalismus nicht nach vorn – zu soziali­stisch orientierten Reformen – heraus kommt, sondern nur zurück kann – in kon­servativ-reaktionärer Richtung – auf was wir später noch zurückkommen werden.

Unter diesen Bedingungen steht dann die reale Frage: wer kommt diesem bankrott gegangenen Projekt zu Hilfe? Da gibt es keine große Auswahl. Entweder die Kon­ser­vativen, die die letzten Elemente der formalen Demokratie und des sozialen Schutzes zerstören und die unter dem Deckmantel populistischer (nationalistischer, halbfaschistischer) Losungen noch rigorosere und frühere übertreffende, ihrer poli­tischen Form nach autoritäre und ihrem Inhalt nach totale Formen wirtschafts-poli­tischer Macht des korporativen Kapitals schaffen, – oder sozialistische Kräfte.

Dort und dann, wo und wenn die Linken politisch-ideologisch schwach sind, werden diese oder jene Konservative zum Sieg gelangen, und die tragischen Folgen davon werden nicht lange auf sich warten lassen.

Dort, wenn und wo die Linken stark sind und das Ausmaß der Krise nicht allzu groß ist, so dass man die „Unterschichten“ zu revolutionären Aktionen „bewegen“ kann, werden die oben beschriebenen Reformen möglich sein.

Wenn aber das Ausmaß der Krise der „Unterschichten“ für Reformen zu groß ist, rückt eine neue sozialistische Revolution auf die Tagesordnung.

Jetzt ist die Situation so, dass in den meisten Ländern kein „Kern“ einer tiefen sozi­al-ökonomischen Krise vorhanden ist, durch den das Leben eines Großteils der Bürger und vor allem der im öffentlichen Sektor tätigen durchschnittlichen Intelli­genz und des spätindu­striellen Proletariats radikal verschlechtern würde (obgleich sich die Situation in Griechenland in nächster Perspektive verändern kann). Aber es reift eine Krise der Oberschichten heran, und die Diffusion der „Mit­tel­klasse“, die Zunahme der sozialen Ungleichheit sowie die äußeren Bedrohungen – all dies kann und stellt sogar schon Fragen auf die Tagesordnung wie: Wer wird die Refor­men durchführen, die Konservativen oder die Linken, und entsprechend – in wel­che Richtung werden sie gehen: zurück, zu einer noch rigoroseren Macht des kor­po­rativen Kapitals und der Bürokratie, oder nach vorn, zur öko-sozio-humanitären Beschränkung des Kapitals?

In letzterem Fall werden solche Reformen wahrscheinlich nicht sozialdemokrati­sche Organisationen durchführen (sie haben ihre Unfähigkeit selbst bei einer teil­weisen Radikalisierung schon gezeigt), sondern die konsequent sozialistischen und die demokrtischen kommunistischen Organisationen im Bund mit den öko-sozio-humanitär-orientierten gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen (den linken Gewerkschaften, den Ökologen, den „Bildungsförderern“, den Feministen usw.) gestützt auf den linken Flügel der „einfachen“ kreativen Klasse (die Lehrer, das medizinische Personal usw.) und auf den organisierten Teil des Industrieprole­tari­ats. Doch dazu, dies sei nochmals gesagt, müssen sie konsolidiert und nicht weni­ger stark sein als die Konservativen.

In Russland entsteht eine weit widersprüchlichere Situation als in den Ländern des „Kerns“.

Erstens, Anhänger von konservativen Transformationen in unserem Lande sind die höchsten Machtorgane. Bis jetzt ist dieser Trend noch nicht stark gefestigt, aber schon bald kann er sichtbar sein und zur Verwirklichung eindeutig akzeptiert wer­den. In diesem Falle erwartet uns eine nicht unbekannte Integration des rechtslibe­ralen Kurses in der Wirtschaft mit dem rechtskonservativen Kurs im politisch-ideologi­schen und kulturellen Leben.

Zweitens, die linke Opposition, die auf sozial-ökonomischem Gebiet noch immer auf der Plattform der Sozialdemokratie von vor 50 Jahren steht (was für Russland mit unserem barbarischen halbfeudalen Kapitalismus gar nicht einmal so schlecht ist), besteht auf politisch-ideologischem Gebiet in ihrer Mehrheit aus Anhängern konserva­tiver Reformen.

Drittens aber ist zu beobachten, dass neben Äußerungen von Machtstreben und einer in den Bereich des Möglichen rückende Konsolidierung von „Weißen“ und „Roten“ immer stärker objektive Probleme auftreten. Einerseits – bergen die nun schon viele Jahre andauernde wirtschaftliche Stagnation und die sich vertie­fende soziale Ungleichheit eine Krise der „Unterschichten“ in sich. Die korrumpierte bürokratische Oberschicht, die immer we­ni­ger in der Lage ist, die Probleme der gesamtstaatlichen Verwaltung zu lösen und die ihre Lähmung durch außenpoliti­sche und Macht demonstrierende Alterna­tiven zu kompensie­ren sucht, zweifelt aber andererseits angesichts ihrer Demoralisation an ihrer Fähigkeit, das konser­vative Projekt effektiv zu verwirklichen und das Land aus der Krise heraus zu führen; daher zieht sie nach rückwärts und begibt sich immer mehr von den Wider­sprüchen des halb­peripheren Kapitalismus in die Sackgasse des militärisch-feuda­len Imperialismus, der bereits vor hundert Jahren seine Lebensunfähigkeit bewie­sen hatte, indem er zur Ursache für die Große Revolution von 1917 wurde. Russland hat keine Perspektiven auf dem Wege einer „konservativen Konve­r­genz“.

Damit stellt sich in voller Größe die FRAGE: haben die demokratischen Linken eine reale Alternative zu dieser Gefahr?

Gegenwärtig hat unser Land keine starke demokratische linke Bewegung, und das ist leider kein Zufall. Zu den Gründen für diese Situation hat sich der Verfasser dieser Zeilen schon mehrfach geäußert15, darum stellen wir die Frage anders: wie kann diese Situation geändert werden?

Leider hat der Verfasser keinen Zauberstab, und daher ist Russland leider mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in der nächsten Perspektive gezwungen, auf reversive Drift zu gehen in Richtung auf noch größere Refeudali­sierung auf politisch-ideo­logischem Gebiet und gleichzeitig stärkeres Hervortreten des Marktfundamen­ta­lismus, womit die Herrschaft der oligarchischen bürokratischen Clans auf wirt­schaftlichem Gebiet verdeckt wird.

Dieser Prozess wird jedoch keine positiven Ergebnisse zeitigen – weder für das Land als Ganzes, noch für die werktätige Mehrheit; und aus diesem Grunde wird mit der Zeit die Enttäuschung über diese Politik der Machtorgane zunehmen. Auch die Enttäuschung in der „Opposition Seiner Majestät“ wird wachsen. Aus den sich jetzt herausbildenden linksdemokratischen Gruppen der politisch aktiven Jugend und den Assoziationen der „einfachen“ Vertreter der kreativen Klasse wachsen stän­dig Keime neuer linker Initiativen. Wenn in Zukunft – und dies ist mehr als wahrscheinlich – die Unzufriedenheit mit der existierenden Situation zumindest in ein Stadium systematischer diskreter „Unterhaltungen“ übergeht (in Küchen, in sozialen Netzen, aber massenhaft), so wird eine Basis für konstruktiven Pro­test entstehen. Wenn die demokratischen Linken und die sozialen Bewegungen zu diesem Zeitpunkt genügend Organisiertheit erlangen, so wird diese Basis zu einer wirklich konstruktiven Opposition werden, die damit beginnen könnte, auf die endgültig in die Sack­gasse gegangenen Machtorgane ernsthaften Druck aus­zuüben…

Wenn dies alles nicht stattfindet, so wird vor dem Land in voller Größe die Gefahr einer rechtskonservativen Diktatur stehen.

Was die Gefahr von „Majdanen“ betrifft, die sowohl von den Machtorganen als auch von fast allen Patrioten patologisch gefürchtet wird (sowohl echte wie vermeintliche), so sollte man zumindest zwei Umstände bedenken.

Erstens. Eine Diktatur und eine stets wachsende Macht von Straforganen wenden den sozialen Protest nicht nur nicht ab; im Gegenteil, indem sie die letzten Ventile für den Unmut des Volkes schließen, schaffen sie die Grundlagen für einen wirk­lich starken sozialen Ausbruch, der einen Bürgerkrieg in sich birgt.

In diesem Zusammenhang möchte ich mir einen wichtigen Hinweis gestatten: in den meisten Fällen haben die „farbigen Revolutionen“ fast nichts am Charakter der in diesem oder jenem Land herrschenden Ordnung geändert. Überall blieb das [halb]periphere Modell des Spätkapitalismus erhalten. Ein Durchrütteln der Clans innerhalb der herrschenden korporativ-bürokratischen Nomenklatur und eine Kor­rektur in der geopolitischen Orientierung – das war eigentlich alles. Allein in der Ukra­i­­ne gab es mehr oder weniger wichtige politisch-ideologische Bewegungen in Richtung auf noch mehr Nationalismus, bis zu Elementen von Faschisierung. Zu einem wesent­lichen Ergebnis des Majdans wurde nur der Krieg im Donezbec­ken. Doch er begann, weil die Bürger dieser Region sich erhoben und versucht hatten, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Das hat letzten Endes nicht viel gebracht, unter anderem wegen des negativen Einflusses der Machtorgane Russlands und des Kapitals Russ­lands (sowie des lokalen). Doch der Beginn des Prozesses war ein selbst orga­nisierter Ausbruch von unten. Und wenn es diesen Aufstand nicht gegeben hätte und nicht den Versuch, eine volksdemokratische Revolution (mit sozialer Rich­tung!) zu beginnen, so würde die Ukraine jetzt praktisch genau so leben wie vorher mit Janukovič…

Wahre Patrioten brauchen die Majdane also nicht zu fürchten, wenn sie die Macht der korrumpierten Janukovičs konservieren, sie müssen sich vielmehr auf den Kampf gegen die sich zersetzenden Machtorgane vorbereiten, wie dies die Bürger im Donezbecken getan haben, als sie selbst von unten, in eigener Organisation ihre Probleme zu lösen begannen – ohne auf die wertvollen Hinweise von ängstlichen und käuflichen staatlichen Funktionären gesamtnationaler und regionaler Ebene zu warten, von denen sie verraten worden waren.

Die Ukraine der letzten Jahre hat nicht nur und sogar weniger die Gefahr von Majdanen gezeigt als vielmehr die Kraft und Bedeutung des Volksaufstandes des Donezbeckens und der direkten Demokratie der Krim.

Es sei daran erinnert: die Krim kam zu uns in bedeutendem Maße durch die Ent­schlossenheit der Bürger der Halbinsel, unter den sehr komplizierten und gefährli­chen Bedingungen, auf ein Referendum einzugehen und „ja“ zu sagen zu einer Art „geo­politischer Revolution“ – einer qualitativen Veränderung des Status ihrer kleinen Heimat unter Bedingungen, wo noch keiner wusste, wie Russland reagie­ren würde und ob sie nach dem Referendum nicht eine Massen“bereinigung“ oder ein Bürger­krieg erwarten würde.

Zweitens. Das Nicht-Vollziehen herangereifter sozial-ökonomischer und politisch-ideologicher Veränderungen (ob das eine Revolution ist oder konsequente und ent­schiedene Reformen) führt fast immer nicht nur zu politischer Reaktion, son­dern auch zu einem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rückschritt, bis hin zu gesamtnationalen Katastrophen. Dafür gibt es unzählige Beispiele, ich möchte aber nur auf eins eingehen: Der Nicht-Vollzug einer sozialistischen Revolution (oder zumindest konsequenter sozialdemokratischer Reformen im Stil von Roo­se­velt) im Deutschland des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts führte für dieses Land zum Sieg der nationalsozialistischen Diktatur. Ja, zu Anfang brachte dies einen Scheinerfolg (die Wirtschaft Deutschlands entwickelte sich unter Hitler aktiv, und der Wohlstand der Kleinbürger wuchs), doch schon sehr bald verwandelte sich die­ser Erfolg in eine entsetzliche Tragödie für die Menschheit, und dann für Deutsch­land und seine Bürger selbst; und alle, die direkt oder indirekt zum Sieg des Hit­le­rismus beigetragen hatten, wurden für Jahrzehnte wenn nicht für die Ewigkeit mit nie zu löschender Schande bedeckt.

Wollen wir, dass unsere Heimat ein solches Schicksal ereilt?





1 Siehe das Buch Buzgalin А. Kolganov А. 10 mifov öb SSSR [10 Mythen über die UdSSR]. Moskau, 2010 [2. Auflage, Moskau, 2012] (die Kapitel: „Mythos 9. Die UdSSR als Verkörperung der sozialistischen Idee? Die soziale Kreativität der Werktätigen versus Stalinherrschaft. (Brief an junge Stalinisten“), „Mythos 10. Über die Zerstörer der UdSSR. Die Gründe für den Zerfall der UdSSR: Die Stalinherrschaft und der mutante Sozialismus (Version 1), „Warum ist der stalinsche Sozialismus zu Grunde gegangen? (Version 2). Zur Einschätzung des sozial-ökonomischen Charakters der Gesellschaft sowjetischen Typs“.)

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22 Der Terminus „peripheres Imperium“ wird zum Beispiel in den Büchern von B.Ju. Kagarlickij verwendet. Siehe Kagarlickij B.Ju. Ot imperii k imperializmu [Vom Imperium zum Impe­rialismus]. Der Staat und die Entstehung der bürgerli­chen Zivilisation. 2., überarbeitete Ausgabe. Moskau, Lenand, 2015. (1. Ausga­be, Moskau, GU VŠĖ 2010; Kagarlickij B.Ju.: Periferijnaja imperija [Das periphere Imperium] Russland und das Weltsystem. 3., überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Moskau, Librokom 2012 (4. Ausgabe, Moskau, Lenand, 2016).



3 Wir möchten dem Leser die berühmte sehr bildhafte Äußerung des Kolumnisten von The New York Times Thomas Fried­man ins Gedächtnis rufen, dass die un­sicht­­bare Hand niemals ohne unsichtbare Faust tätig werden kann: d.h. dass McDonald’s nicht ohne den Flugzeugbauer von F-15 McDonall Douglas prosperieren kann. Und die unsichtbare Faust, die in der Welt die Sicherheit für die Technologien des Silikontals gewährlei­stet, heißt US-Armee: Luftstreit­kräf­te, See­streitkräfte und Marine. (Siehe Friedman Th. A Manifesto for the Fast World // New York Times. March 28, 1999. Online-Version: URL:http://www.nytimes.com/1999/03/28/magazine/a-manifesto-for-the-fast-world.html. Der Artikel beruht auf dem Buch von Th. Friedman «The Lexus and the Olive Tree: Understanding Globalization».

4 Eine Kritik des Großmachtprojekts für Russland und eine Begründung der Möglichkeit für eine neue, sozial-kulturelle „Expansion“ unseres Landes enthält der Artikel: Buzgalin А., Kolganov А. „’Serye prichodjat v sumerkach“ [Die „Grauen“ kommen in der Dämmerung] // Al’ternativy. 2006. № 1. S. 4–47, russ.

5 In der Zeitschrift „Al’ternativy“ wurde diese These auch mehrfach vertreten. Siehe Zlobin N.S. „Kommunizm kak kul’tura“ [Der Kommunismus als Kultur] // Al’ternativy. 1995. № 1. S. 2–27, russ; Меžuev V. М. „Socializm kak prostranstvo kul’tury“ [Sozialismus als Raum der Kultur] // Alternativy. 1999. № 2. S. 2–37, russ.. Die These vom Kommunismus als Welt gemeinsa­mer Kreativität entwickelte der Verfasser u.a. in den Büchern „Buduščee kommunizma“ [Die Zukunft des Kommunismus] (Moskau, 1995) und „Po tu storonu carstva neobchodimosti“ [Jenseits des Reiches der Notwendigkeit] (Moskau, 1998).

6 Siehe Chazanov V.E. Die Grundlagen des sozialen Optimismus. Die Welten des Ivan Efremov und die Wege der Menschheit in die Zukunft. Moskau, Komkniga, 2006; Kolganov A. Ein seltenes Genre; Utopie // Alternativy. 2005. № 2. S. 199–205, russ.

7 Die Polemik mit V. Mežuev zu den unten genannten Fragen findet sich in den Arbeiten von B.F. Slavin. Siehe Mežuev V., Slavin B.Dialoge über Sozialismus. Moskau 2001; Slavin B. Flucht vor der Realität, oder Die neue Theorie des Sozialismus des Vadim Mežuev // Al’ternativy. 1999. № 4. S. 79–108, russ.

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8 Eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit und eine Übersicht über eine Reihe von Arbeiten zu Problemen der Wirtschaft der Zukunft enthält der Artikel: Buzgalin A., Kolganov А. Der Sozialismus nach dem „Sozialismus“: Antworten auf die Her­aus­forde­rungen der Neoökonomik. // Al’ternativy. 2006. № 4. S. 4–37, russ. Siehe auch: Buzgalin A.V. Die Renaissance des Sozialismus, Moskau, 2003.

9 Wir erinnern daran, dass die im Marxismus übliche Periodisierung der Entwicklung der Menschheit nach dem Kriterium von Herrschaft/Aufhebung der materiellen Produktion und der Verhältnisse der Entfremdung es gestatten, zwei große Epo­chen her­vor­zuheben: (1.) das „Reich der Notwendigkeit“, das eine „ökonomische Gesellschaftsformation“ bildet, die Epoche der „Vorge­schichte“, und (2.) das „Reich der Freiheit“, das „jenseits der eigentlichen materiellen Produktion“ liegt, im Raum der Zeit der „Geschichte“. Friedrich Engels hat die Besonderheiten des „Sprungs der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ so charakterisiert: „Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenpro­duk­tion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herr­schaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüber­stand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“ Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), Marx/Engels Werke, Bd. 20, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 264.

10 Der Beitrag W.I. Lenins zu diesem Problem ist u.a. in dem Buch von N.S. Zlobin „Kul’tura i obščestvennyj progress“ [Kultur und gesellschaftlicher Fortschritt] (Moskau, 1979) dargestellt.

11 Der russischsprachige Begriff “razotčuždenie” ist von L.A. Bulavka in den wissenschaftlichen Umlauf eingebracht worden. (Siehe Bulavka L. А. Sovetskaja kul’tura kak ideal’noe kommunizma [Die sowjetische Kultur als das Idesale des Kommunismus] // Kritičeskij marksizm [Kritischer Marxismus] Moskau, 2000).

 

 

12 Die These von der vorrangigen Entwicklung wissensintensiver Produktion wurde in Arbeiten von S.D. Bodrunov aufgestellt und ausargumentiert: (Siehe Bodrunov S.D. Grjaduščee. Novoe industrial’noe obščestvo. Peregruzka [Die Zukunft. Die neue Industriegesellschaft. Umladen] Moskau. Kul’turnaja revoljucija, 2016; Ders. Über einige Fragen der Evolution der wirtschaftlich-sozialen Ordnung der Indusriegesellschaft der neuen Generation. // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. [Wirt­schaftliche Renaissance Russlands] 2016. № 3). Im Dialog mit D.B. Džabborov hat der Verfasser dieses Textes eine etwas andere Formulierung vorgeschlagen: vorrangige Entwicklung kreativ-intensiver Produktion (siehe Džabborov D.B. Auf Wissen beruhende Reindustrialisierung und Wirtschaft: das Potential bei der Lösung von Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. 2015. № 1).

 

13 Kolganov А.IBuzgalin А.V. Reindustrialisierung als Nostalgie? Polemische Bemerkungen über Zielakzente einer alternativen sozial-ökonomischen Strategie // Sociologičeskie issledovanija. 2014. № 3.



14 Es sei daran erinnert, dass bereits während der Revolution von 1905 begonnen wurde, Sowjets zu gründen. Über den Charakter und die Rolle der Sowjets hat u.a. M.P. Rubinčik-Aleksandrova in den letzten Jahren zahlreiche interessante Arbeiten verfasst.

15 Siehe Buzgalin A.V. Traurig schaue ich auf die linke Bewegung // Al’ternativy. 2015. № 3.

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist und bleibt die Frage nach der Bedeu­tung dieser Revolution noch immer wichtig und akut. Der Grund dafür liegt nicht nur und sogar weniger auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Bewusstseins als auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Seins: der Spätkapitalismus befindet sich sowohl in den „Kern“ländern als auch an der Peripherie in einer Sackgasse. Und diese Sackgasse ist vorwiegend sozial-ökonomischer und politisch-ideologischer Natur, zeigt sich aber auch noch in etwas Anderem. Erstens in einer Abbremsung des Fortschritts der Produktivkräfte in der „Zitadelle“ des globalen Kapitals, den USA und der Europäischen Union, wo sich das Wachstum der Abeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten ungleichmäßig und äußerst langsam vollzieht. Bekannt­lich hat die so genannte „Informationsrevolution“ den realen Sektor äußerst schwach beeinflusst, und das war kein Zufall: die Hauptnutzung von Computern und Internet liegt bei Transaktionen und „Freizeit“. Zweitens zeugen die letzten Jahrzehnte von einer Degradation der Kultur, ihrer Transformierung in Kontra­punkte des Showbusiness und der postmodernistischen Ablehnung des Schönen und Guten. Drittens werden die globalen Probleme fast nicht gelöst, und das be­trifft nicht nur die Ökologie, sondern auch die Zunahme der Ungleichheit, die Vertie­fung der dem Kapital eigenen Gewaltpraktiken (von den so genannten „Hybrid­kriegen“ bis zum Terrorismus).

Doch das Wichtigste ist, dies sei nochmals gesagt, die sozial-ökonomische und die politisch-ideologische Sackgasse. Schon über ein halbes Jahrhundert ist das Kapi­tal nicht in der Lage, auch nur eine einzige wesentliche neue Lösung für seine Probleme zu finden. Auf sozial-ökonomischem Gebiet besteht immer noch das leicht anfällige Gleichgewicht im Kampf für die Verteilung und Umverteilung der Macht zwischen den transnationalen Korporationen und den Nationalstaaten und in Konfrontation mit den Absichten der allgemeinen Kommerzialisierung und Privati­sierung einerseits und ihrer äußerst eingeschränkten und immer weiter abnehmen­den sozialen Regulierung andererseits. Auf politisch-ideologischem Gebiet wird die Sackgasse noch sichtbarer: Das System der sozialdemokratischen Normen ist allmählich ausgeartet und hat sich praktisch mit den Normen („Spielre­geln“) des Sozialliberalismus verschmolzen, und Letztere werden immer unfähi­ger, die sozialen und kulturellen Probleme zu lösen. Das ist kein Zufall: die globale Hege­monie des Kapitals und die Totalität des Marktes zusammen mit dem zuneh­men­den Druck auf die Welt des spekulativen Finanzkapitals (die so genannte „Finan­zialisierung“) – all dies zerstört die Grundlagen des noch vor einem halben Jahr­hundert unerschütterlich erscheinenden Kompromisses zwischen Lohnar­bei­tern und Kapitaleigentümern. Die „Mittelklasse“ weicht auf. Die soziale Polari­sierung wächst. Massenpauperisierung wird sogar in den „Kern“ländern Realität (erscheint als „Problem von Migran­ten“). Um die frühere Lebensqualität aufrecht zu erhalten, muss der Lohnarbeiter in den USA und in Deutschland (von Russland gar nicht zu reden) immer mehr und intensiver arbeiten und verbleibt dabei die gan­­ze Zeit in einem Risikobereich und ohne feste Anstellung. Die einstigen Inseln einer stabilen sozialen Gerechtigkeit wie staatlich garantierte Bildung, Gesund­heits­wesen, und Kultur werden privatisiert und kommerzialisiert.

Dies alles vollzieht sich noch dazu auf dem Hintergrund der Zuspitzung einer inter­nationalen wirtschaftspolitishen Konfrontation, bei der neben der früheren „Triade“ (USA, EU, Japan) neue Träger imperialer Ambitionen entstanden sind, und das ist nicht nur China.

Der Mensch empfindet dies alles sogar, wenn er es nicht versteht. Man erzählt ihm etwas von einer „neuen Normalität“ und rät ihm, sich an ein Leben unter Bedin­gun­­­gen der Stagnation zu gewöhnen; doch er weist dies „aus irgendeinem Grunde“ zurück.

Eine Sackgasse.

Das ist eine Sackgasse, aus der immer mehr Menschen immer öfter den Ausweg in einer Rückwärtsbewegung suchen. Die Welt steht vor der Gefahr einer totalen kon­servativen Konterrevolution. Und diese kann nicht nur zu einer Refeudalisie­rung des Kapitalismus in den Ländern der Peripherie und Halbperipherie führen (in Russland sind wir schon lange zu deren Zeugen geworden), die uns allen Neuaufla­gen von Absolutismus, Leibeigenschaft und religiösem Fundamentalis­mus, aber auch Entartung der formal-demokratischen Formen der globalen Hege­monie des Kapitals zu real-diktatorischen, neofaschistischen Formen bringen kann.

Eine entstandene Sackgasse – NB! – durch die Niederlage des ersten weltweiten Versuchs der praktischen Schaffung des „Reichs der Freiheit“ auf einem Drittel des Erdballs, eines Versuchs, zu dessen wahrem Start die Oktoberrevolution wur­de. Doch die Niederlage des ersten Starts bedeutet nicht das Ende des Projekts. Und ist auch kein Zeugnis, dass sie keine Berechtigung gehabt hätte.

Hieraus ergibt sich die objektiv vor der Menschheit stehende (so ist es wirklich!) Wahl: entweder Involution, Rückwärtsbewegung zu konservativen Modellen des Spätkapitalismus oder vorwärts auf dem von der Oktoberrevolution begonnenen Weg unter Berücksichtigung der tragischen und in ihren Impulsen großen Lehren von Dutzenden sozialistischer Revolutionen, die im 20. Jahrhundert in der ganzen Welt aufgeflammt sind, unter Berücksichtigung der tragischen und sich aus dem Potential ihres sozialen kreativen Aufbauwerks ergebenden Lehren des „realen Sozialismus“.

Hoffnungen auf endlose Stagnation in der Sackgasse sind aussichtslos.

1. Was hat die Oktoberrevolution Russland und der Welt gebracht: Dialektik von Internationalismus und Patriotismus

Hierzu möchte ich nur sehr ungern die Thesen aus den Arbeiten der zehn Wissen­schaftler über die internationale Bedeutung der Oktoberrevolution wiederholen. Diese Arbeiten waren ein Auftragswerk und sind unter strengen Zensurbedin­gun­gen entstanden. Sie enthielten viele Unwahrheiten, doch das Wesentlichste war gesagt. Besonders wichtig war dabei, dass unsere Revolution zu einem sehr wich­tigen Impuls für jene teilweise Sozialisierung und Humanisierung des Kapitalismus geworden war, was für diesen im 20. Jahrhundert charakteristisch war und zum Teil heute noch erhalten geblieben ist. Doch das ist allgemein bekannt.

Nicht weniger bekannt ist (wenngleich das heute immer öfter „vergessen“ wird), dass die Oktoberrevolution ein mächtiger Impuls war für den antiimperialistischen Kampf und den Zusammenbruch der kolonialen Imperien.

Gegenwärtig erscheint es mir wichtiger, mit jenen Verteidigern der Ideen der Ok­to­berrevolution zu polemisieren, die zusammen mit ihrer internationalen Be­deu­tung und ihrer Rolle bei der Veränderung der Geschichte der Menschheit im 20. Jahrhundert besonders ihren Einfluss bei der Schaffung einer „sowjetischen Groß­macht“ hervorheben.

Dieser Akzent ist heute besonders in Mode gekommen, und das ist nicht zufällig: Mit dem Zerfall der UdSSR haben wir unsere mächtige Heimat verloren und durch die in den letzten Jahrzehnten zu beobachtenden Bemühungen der USA und ande­rer globaler Spieler, endgültig eine neue einpolige imperiale Ordnung herauszu­bilden, wird hier noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Das alles ist zu verstehen, aber es ist nicht zu billigen.

Es geht hier ja auch nicht darum, dass die UdSSR keine Großmacht gewesen sei. Sie war eine (was für eine, das ist eine andere und sehr wichtige Frage. Der Ver­fas­ser hat dazu früher nicht wenig publiziert1). Es geht darum, dass der positive Im­puls der Oktoberrevolution, durch den es gelungen war, eine zweipolige Welt zu schaffen, Antigroßmacht-Charakter hatte.

Er entstand als Strategie der Zerstörung der Großmacht (des Imperiums): das ein­seitige Ausscheiden aus dem Krieg und die Abgabe von Territorien, die Gewäh­rung des Rechts auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung für ehemalige Kolo­nien¸ der Kurs auf Internationalismus und Gleichberechtigung der Nationen und Völker, – all dies sind offensichtliche Antithesen zur früheren und heutigen im­perialen Groß­machttendenz. Daher ist aus diesem Zusammenhang auch die Abnei­gung und sogar Hass der heutigen Großmachtpolitiker gegenüber Lenin als bedeu­tendem Theoretiker und Praktiker eines internationalen Modells der Herausbildung des Sozialismus zu erklären.

Der Hauptimpuls der Oktoberrevolution kann wie folgt kurz zusammengefasst werden: Entwicklung der internationalen Solidarität der sozialistischen Kräfte als Hauptmittel zur Lösung der Probleme des Sozialismus und („nebenbei“, „da­durch“) zur Festigung der ersten Einzelstaaten, die den Sozialismus praktisch aufbauten.

Zur Erläuterung dieser These: Ein Nationalstaat kann auf unterschiedliche Weise aufgebaut sein. Umso mehr, wenn dieser Staat, der die Rolle einer „Groß­macht“ beansprucht (oder auch Imperium). das heißt, die Rolle eines paternali­stisch orien­tierten und als „Zentrum und Schutzmacht“, „Verteidiger“, „Betreuer“ und „Hal­ter“ von Ländereien fungiert – in ideal phantastischer Variante, als Exploatateur und Diktator in Bezug auf periphere Bestandteile.

Ich möchte diese These erläutern. Es gibt viele Меthoden des Aufbaus eines sol­chen Staates, in der neuesten Ge­schichte sind zwei besonders bekannt.

Eine davon — die gewaltsame Unterordnung der Peripherie unter das Zentrum und Konfrontation dieses „Zentrums“ mit allen, die die Absicht haben, diese „Groß­macht“ in der Weltarena zurückzudrängen. Plus strikter Protektionismus in den außenwirtschaftlichen Beziehungen und kulturelle Abgrenzung zusammen mit Großmachtchauvinismus.

Die zweite Variante ist wirtschaftliche Expansion, Unterordnung der Welt durch Verbreitung der Macht der größten Korporationen.

Die erste Variante war und bleibt charakteristisch für vorbürgerliche Methoden des Aufbaus von Imperien. Leider ist sie im 21. Jahrhundert immer noch nicht ver­schwun­­den. Sie wird von jenen benutzt, die bei der wirtschaftlichen Expansion zu spät gekommen waren (vom islamischen Expansionismus bis zu den Plänen von Großmachtpolitikern Russlands, ein eigenes „peripheres Imperium“ aufzubauen2 2), sowie jene, die ihre wirtschaftliche Herrschaft noch durch militärische Kräfte er­gän­zen wollten.

Die zweite Methode hat in reiner Form niemals existiert: es wird über die USA ge­sagt, dass die Herrschaft von „Mc Donald’s“ ohne McDonnell Douglas (Hersteller der US „Phantom“-Flugzeuge)3 nicht möglich sei.

Die Oktoberrevolution eröffnete den Weg zur Verwirklichung eines auf den ersten Blick unmöglichen Projekts: die Erweiterung des Einflusses und der Rolle eines Einzelstaates bzw. einer Union gleichberechtigter Staaten durch… Verzicht auf wirtschaftspolitische Expansion und sogar durch Kampf dagegen.

Auf welche Weise? Das wird durch die Theorie und Praxis beantwortet, die die Bolschewiki seit 1917 verfolgt haben. Hier nur einige Aspekte.

Erstens. Wie kann die Frage eines Sieges im Ersten Weltkrieg gelöst werden? Die von Lenin vorgeschlagene Lösung erscheint völlig paradox, erweist sich aber schließlich als richtig: Frieden mit dem Feind schließen, denn infolge seiner inne­ren Widersprüche wird er morgen zum Verbündeten, wenn wir die fort­schrittlichen Kräfte im Lande dieses Feindes unterstützen. Die Revolutionen in Deutschland und in Ungarn wurden zu ersten Schritten in dieser Richtung.

Zweitens. Wie kann die Einheit der Völker des früheren Zarenreiches gewährleistet werden? Wieder ist die Antwort paradox: ihnen das Recht auf Lostrennung geben, aber jene Kräfte unterstützen, für die eine gleichberechtigte Union „vorteilhafter“ ist als Separatismus.

Drittens. Wie kann die Isolierung der UdSSR seitens der anderen Staaten über­wunden werden? Erneut ein „perpendikulärer“ Vorschlag: einen Dialog nicht mit den Machtstrukturen beginnen, sondern mit den Organisationen der Werk­tätigen, die durch ihre Aktivitäten die Elite zwingen, ein Bündnis einzugehen.

Das sind nur einige Aspekte, die zeigen, wie ein auf internationale Solidarität der fortschrittlichen Kräfte orientiertes soziales Herangehen, das auf Verständnis für die in jedem Lande vorhandenen Widersprüche zwischen den Interessen der fort­schrittlichen und der konservativen Kräfte beruht, dazu beiträgt, unlösbar erschei­nende geopolitische Probleme auf prinzipiell andere Art zu klären.

Diesen Weg ging die UdSSR, nachdem sie nach Beendigung des Bürgerkrieges die Armee um ein Mehrfaches verringert hatte und weniger Geld für die Verteidigung ausgab als jedes andere imperialistische Land, wodurch sie die Sicher­heit des neu­en Staates trotz Isolation und einer im höchsten Grade feindlichen Umgebung ge­währleisten konnte.

Dies gelang, weil wir eine friedliche internationalistische Alternative vorge­schla­gen hatten, die auf die sozialistischen und nationalen Befreiungskräfte anzie­hende Wirkung ausübte. Weil wir ein sozialistisches Modell vorgeschlagen hatten, das für die Werktätigen und ihre Organisationen in allen Ländern Anziehungskraft aus­übte. Weil wir eine Bildungs- und Kulturpolitik vorgeschlagen hatten, die von brei­ten Kreisen der fortschrittlichen Intelligenz der USA, in Europa, in Asien usw. un­terstützt wurde. Das war eine friedliche, soziale und kulturelle Expansion neuer Prinzipien sowohl der Innen- wie der Außenpolitik, die gleichberechtigten Dialog und Solidarität voraussetzt.

Ja, und seit den 1930er Jahren hatte der Stalinismus diese Linie verändert, ihre Grundlagen – Gleichberechtigung, Solidarität und Internationalismus – zerbrochen, und sie in immer stärkerem Maße mit traditioneller Politik wirtschaftlichen und mili­tärischen Expansionismus erweitert. Ende der 1950er – Anfang der 1960er Jah­re haben wir teilweise versucht, zu dieser Linie zurück zu kehren, doch nur inkon­sequent, und schließlich sind wir wieder zur Logik imperialer Konfrontation über­gegangen…

Doch das von der Oktoberrevolution gezeigte Modell ist auch heute noch aktuell. Die einzige Methode wirklichen Wachstums von Prestige und Einfluss unseres Landes heute ist nicht Aufrüstung und Erdölexport, sondern die Verwirklichung solcher „Grundsätze“ der Innen- und Außenpolitik, solcher Modelle der Organi­sierung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens und des Bildungs­wesens, solche Modelle der offenen Zusammenarbeit und Solidarität mit der Öf­fentlichkeit und den sozialen Bewegungen anderer Länder, die auch für die inter­nationale Zivilgesellshaft und die fortschrittlichen Kreise der Intelligenz der Welt Anziehungskraft besitzen. Und diese werden ihrerseits ihre Regierungen veranlas­sen, mit uns zu rechnen und uns zu achten.

Und dieses Projekt für ein Russland des 21. Jahrhundert ist im Prinzip nicht weni­ger romantisch als der Leninsche Plan der Schaffung der UdSSR und der Durch­führung einer friedlichen Außenpolitik unter den Bedingungen der Blockade in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.4 Die einzige störende „Kleinig­keit“ bei der Umsetzung des Projekts sind die gesellschafts-politischen Kräfte, die in unserem Land an der Macht sind. Ansonsten stimmen wir mit Wort und Geist der Oktoberrevolution überein und stützen uns darauf, dass der Schlüssel zur Lösung der geopolitischen Probleme auf sozial-politischem Gebiet liegt. Und das ist eine der wichtigsten Lehren der Revolution, die vor hundert Jahren stattgefun­den hat.

2. Braucht das 21. Jahrhundert eine sozialistische Revolution (die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Kommunismus als Welt der Kultur)

Ich antworte sofort und kurz: ja, sie wird gebraucht. Mehr noch, es wird nicht nur eine sozialistische Revolution gebraucht, sondern eine kommunistische soziale Revolution, das heißt, kein politischer Umsturz im Sinne eines stalinschen-brež­nevschen „Exports des Sozialismus“, sondern eine qualitative Veränderung des gesamten Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse im Prozess des Über­gangs zum „Reich der Freiheit“, die zugleich auch von qualitativen politischen Verände­rungen begleitet ist.

Und hier beginnt einer der Schlüsselpunkte unserer Meinungsverschiedenheiten mit jenen, die glauben, dass eine revolutionäre, praktische wirtschaftliche und poli­tische Kritik des Kapitalismus nicht möglich sei, dass die soziale Marktwirt­schaft und das sozialdemokratishe politische Modell die Krönung der wirtschaftspoli­ti­schen Entwicklung sei, und wo es dann nicht mehr weiter gehe.

In eigenartiger politisch-ideologischer Transkription des russischen Traditiona­lismus äußert G. Zjuganov diese Idee mit der Meinung, dass „das Limit an Revo­lutionen erschöpft“ sei; alle Aufgaben auf dem Gebiet der Wirtschaft und Politik liefen auf eine Vervollkommnung des jetzigen kapitalistischen Systems hinaus, und die Hauptprobleme lägen auf dem Gebiet der Festigung der traditionellen geistigen Werte Russlands.

Im Rahmen einer kultur-philosophischen „Diskussion“ wird diese These von vie­len bekannten in- und ausländischen linken Intellektuellen entwickelt, die zuerst Marx folgen und dann auch wie ihre Lehrer und Kollegen in den sechziger Jahren berechtigt die These hervorheben, dass der Kommunismus ein Raum der Kultur ist5, doch die daraus dann die absolut unlogische Schlussfolgerung ziehen, außer­halb des Raumes der Kultur sei nur Kapitalismus möglich.

Sie haben hinsichtlich ihrer ersten Prämisse völlig Recht: wenn man unter Kultur nicht einen Zweig der Volkswirtschaft versteht, sondern Raum und Zeit, in denen der Mensch die Grenzen seiner individuellen Existenz auf­hebt (Shakespeare und Einstein, Tolstoj und Lomonosov sind ewig und international) und in denen er, der Mensch, sich im Feld nicht entfremdeter gesellschaftlicher Verhältnisse, in gemein­samer Kreativität, befindet, so ist diese Welt ja Kommunismus.

(Nebenbei möchte ich bemerken: genau in dieser Weise, – und dazu noch gerecht – wird die Welt der Zukunft in den Werken von A. und B. Strugatskij sowie von I. Efremov und deren Anhänger dargestellt; das ist die Welt von Pädagogen, Ärzten, Wissenschaftlern, Dichtern,“Progressoren“, d.h. Menschen, die gemeinsam schöp­fe­risch ohne den engen Horizont von Gewinn und Macht in Kultur und Gesell­schaft tätig sind.6)

Jetzt wollen wir uns wieder unserer Polemik zuwenden.7 Aus der oben genannten berechtigten Prämisse ergibt sich eine ganz fehlerhafte Schlussfolgerung: der einzige Unterschied des Kommunismus von den vorhergehenden Gesellschaften liegt auf dem Gebiet … der Kultur. Es sind keinerlei qualitative Umgestaltungen auf sozial-ökonomischem und sozial-politischem Gebiet erforderlich, denn Kom­munismus ist kein neues Gesellschaftssystem und erst recht nicht eine neue Pro­duktionsweise, sondern nur ein gewisses Raum-Zeit-Anderssein des Menschen, nachdem er den Rahmen des Betriebes oder des Büros verlässt.

Jedoch.

Bereits Karl Marx hat festgestellt, dass das „Reich der Freiheit“ (die Welt der Kul­tur) nur auf der Grundlage einer entsprechenden Entwicklung des „Reichs der Not­­wendigkeit“ „aufblühen“ kann. Erstrangige Bedeutung gewinnt daher die Ant­wort auf folgende Frage: Welcher Typ der Organisation des wirtschaftlich-sozia­len Le­bens kann die adäquate Grundlage sein für die freie Entwicklung des „Raumes der Kultur“? Ich würde dieses Problem folgendermaßen formulieren. Die Welt der fre­ien Entwicklung der menschlichen Qualitäten (der Kultur) erzeugt eine Art „sozi­alen Auftrag“ für die technologischen Grundlagen der Gesellschaft, für die wirt­schaftlichen und sozialen Verhältnisse, für das politische System usw.

Sie müssen alle für die Lösung der Aufgaben des Fortschritts der Kreatosphäre der Welt der Kultur, des Menschen, adäquat sein.

Jetzt wollen wir überlegen, in wie weit für den Fortschritt des Letzteren das Fließ­band, der Markt, die Lohnarbeit, politische Manipulierung, Herrschaft der Massen­medien usw. adäquat sind.

Und weiter.

Ich glaube, es ist allgemein bekannt, dass Geld einfach ein Mittel des Tausches und zur Kalkulation von Kosten ist, und dass es auch spezifische gesellschaftliche Ver­hältnisse zum Ausdruck bringt (schon Shakespeare wusste, dass Geld in der Lage ist, Böses in Tugend zu verwandeln, aus einem Menschen einen Zyniker oder Ver­bre­­cher zu machen), und – dass der Markt ein System zur Herausbildung von „Wirt­schafts­menchen“ ist, deren Motive und Werte vom Vorteil geprägt sind.

Dass Lohnarbeit Entfremdung des Arbeitenden von den Zielstellungen und ande­ren Attributen kreativer Tätigkeit ist.

Dass Reproduktion des Kapitals ohne sozial-politischen Widerstand seitens der Werktätigen zu sozialer Polarisierung und Herausbildung von Massenarmut führt (von der der Kapitalismus niemals frei war und auch jetzt nicht frei ist).

Dass die heute herrschenden Systeme der Machtverhältnisse mit Hilfe mo­derner Technologien politischer, ideologischer usw. Manipulierung die Konzentration der Macht keinesfalls in den Händen der auf dem Gebiet der Kultur Tätigen sichern, sondern in den Händen ganz anderer sozialer Kräfte.

Dass Massenkonsum, Massenkultur und Massenmedien zur Herausbil­dung von Kleinbürgern führen, für die die Welt der Kultur prinzipiell fremd ist und die wirk­liche Kultur ablehnen und unterdrücken…

Kann denn ein solches System für den „Kommunismus als Basis des Raumes der Kultur“ dienen, auf dem die Zukunft des „Reichs der Freiheit“ aufblüht?

Fahren wir fort.

Selbst die Welt der Kultur existiert nicht außerhalb wirtschaftlicher und politischer Prozesse.

Denken wir nach über ganz offensichtliche Fragen.

Ist es für den Fortschritt der Kultur gleichgültig oder nicht, ob das Eigentum an Wissen privat oder allgemein ist? Für die Welt der Kultur ist nur das Gemeinei­gentum Eigentum eines Jeden an allem. Aber der Markt und das Kapital fordern und reproduzieren Privateigentum an den Phänomenen der Kultur.

Ist es für die Welt der Kultur gleichgültig, ob Bildung allgemein zugänglich oder kommerziell-elitär sein wird?

Und ist es gleichgültig für die Welt der Kultur, wohin die wichtigsten Ressourcen für die Entwicklung der Menschheit gelenkt werden, einschließlich das „Humanka­pi­tal“ – für Expansion von Finanzspekulationen, Militarismus, Massenkultur usw. oder für Erziehung, Ausbildung, Gesundheitswesen, Entwicklung der Kunst und die Lösung von Problemen der Rekreation von Natur und Gesellschaft?

Das aber sind ausgesprochen sozial-ökonomische und sozial-politische Pro­bleme…

Eine andere Frage ist, dass sich die ersten Versuche, ein antikapitalistisches Mo­dell für die Lösung dieses und vieler weiterer Probleme als äußerst wider­sprüch­lich erwiesen haben. Ich habe schon oft festgestellt, dass das Sowjetsystem bei all sei­nen Errungenschaften auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Bildung und der Kunst sehr weit von der Schaffung adäquater sozial-ökonomischer und politi­scher Voraussetzungen für den Fortschritt der Kultur entfernt war. Doch die Niederlage des ersten Versuchs, ein Modell der neuen Gesellschaft auszuarbeiten und prak­tisch zu verwirklichen, kann für einen Wissenschaftler kein Argument sein, dass das neue Projekt prinzipiell nicht zu verwirklichen sei: ein Wissen­­schaftler weiß sehr wohl, wie lang und arbeitsintensiv der Weg der Ausarbeitung und Verwirkli­chung neuer strategischer Projekte auf jedem Gebiet der Tätigkeit des Menschen ist.

Das ist der Grund, weshalb ich – meinen Lehrern folgend – gemeinsam mit meinen Kollegen ständig bemüht bin, in der heutigen Wirklichkeit reale Tendenzen der Fortentwicklung zu einer Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft, reale Keime dieser Zukunft, zu finden.8

Und jetzt einiges zu der Frage, warum ich es für so wichtig halte, in diesem Text eine Polemik zu einem recht abstrakt erscheinenden philosophischen Thema auf­zugreifen.

Es ist ein einfacher Grund: Die Oktoberrevolution war nicht nur ein politischer Um­­sturz und nicht nur ein Versuch (der schließlich mit einer Niederlage endete), eine Planwirtschaft und ein politisches Rätesystem – das Sowjetsystem –, zu schaffen. In ihrem tiefsten Sinne war die Oktoberrevolution eine Revolution ge­gen das „Reich der Notwendigkeit“, und nicht nur gegen Kapitalismus und Impe­rialismus; sie wurde zum Beginn einer umfassenden, faktisch weltweiten Suche nach praktischen Wegen zur Schaffung nicht nur einer neuen Wirtschaft und Poli­tik, sondern auch eines neuen Raum-Zeit-Lebens der Menschheit – der Geschichte, des „Reichs der Freiheit“.9

Hieraus ergibt sich die Bedeutung des Akzents, den schon Karl Marx gesetzt und Lenin10 weiterentwickelt hatte, und danach noch viele andere Marxisten (unter ihnen auch jene, mit denen wir oben polemisiert haben): erstrangige Aufgabe der kommunistischen Revolution ist die Herausbildung von Bedingungen für einen maximalen freien und schnellen Fortschritt der menschlichen Qualitäten („Kom­mu­nismus ist praktischer Humanismus“),der gemeinsanen schöpferischen Tätig­keit, der Kultur. Und in diesem Sinne waren die wichtigste Errungenschaft der Okto­berrevolution nicht einmal das Wasserkraftwerk am Dnepr und der Sputnik als solche, sondern jene Millionen (leider nicht Milliarden) Menschen, die in der gan­zen Welt – und vor allem in der UdSSR – nicht wegen des Geldes und nicht wegen Machtausübung lebten und arbeiteten. Ihr Interesse galt dem Aufbau eines neuen Lebens und in erster Linie einer neuen Kultur. Nicht nur Bücher und Filme, Kenntnisse und Raumschiffe, sondern Kultur Raum und Zeit nicht entfremdeten Seins des Menschen, der nicht entfremdeten menschlichen Beziehungen – Kultur als Raum des Kommunismus. Sie haben in unserem gesellschaftlichen Sein und Bewusstsein die Entfremdung aufgehoben [russ, razotčuždali – ent-entfremdet]11.

Und diese wichtige Lehre widmet die Oktoberrevolution dem Sozialismus der Zukunft: eigentlich kann und muss die neue Welt mit der sozial-kulturellen Revo­lution beginnen, deren wichtigster Inhalt die Aufhebung der wirtschaftlichen und politischen Formen ist, die den Fortschritt der menschlichen Qualitäten, der Krea­tosphäre hemmen sowie die Schaffung der Voraussetzungen für die Heraus­bildung neuer gesellschaftlicher Formen, die zu einem schnelleren Fortschritt der Kultur und des Menschen beitragen. Ohne dies werden die wirtschaftlichen und politi­schen Umwandlungen entarten und sich in ihr Gegenteil verkehren.

Ebenso wahr ist umgekehrt aber auch, dass ohne sozial-ökonomische und politi­sche sozialistische Revolution der Fortschritt der Kultur nie zum bestim­menden Parameter der menschlichen Entwicklung werden wird.

Und das ist auch der Grund, warum die qualitative Veränderung des sozial-ökono­mischen und des gesellschafts-politischen Systems, die revolutionäre Aufhebung nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des gesamten Reichs der [wirtschaftli­chen] Notwendigkeit das Maximalprogramm der Kommunisten war und bleibt.

Doch wir denken nicht nur an die strategischen Ziele. Wir denken an die Antwor­ten auf die Herausforderungen des heutigen Tages. In der Welt und in Russland bildet sich eine bedrohliche Situation heraus: bei dem korporativen Kapital, das zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf die erschöpften inneren und äußeren Ressour­cen der Akkumulation gestoßen ist, zeigt sich eine Neigung zur Suche politisch-ideologischer Lösungen der sozial-ökonomischen Probleme. Und hier wählt es den Weg, von einem Übel – der manipulativ-simulati­ven Demokratie – zu einem ande­ren, noch größeren, einem rechtskonservativen Übel, das zu einer mehr oder weni­ger gemäßigt/rigorosen Diktatur führt.

Die Hauptgründe hierfür sind wirtschaftliche.

Die globale Expansion des Kapitals in die Breite ist auf eine durch das transnatio­nale Kapital selbst geschaffene Grenze gestoßen: China, Indien und Co. verwan­deln sich in reale Konkurrenten…

Die finanzwirtschaftliche Krise von 2007-2009 hat gezeigt, dass die inneren Quel­len für die Lösung des Problems einer Neuakkumulation von Kapital auf dem Wege zur Schaffung fiktiv-virtueller Finanzblasen nicht grenzenlos sind und sogar „folgenschwer“ sein könnten…

Eine Rückkehr zu teilweiser privater sozialdemokratischer Reformierung in ihren früheren Formen ist unmöglich, denn sie hatten sich bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts erschöpft, und das Kapital hat nicht die Absicht, sich auf eine private Übergabe nicht nur der Gewinne, sondern auch des Eigentums und der Macht ein­zu­lassen (umso mehr als eine so starke Gefahr, wie sie Mitte des 20. Jahrhun­derts bestanden hat, heute nicht vorhanden ist: weder eine UdSSR, noch eine machtvolle kommunistische Weltbewegung, noch ein sich auf dem ganzen Planeten vollzie­hen­der antikolonialer Kampf sind vorerst in Sicht.)…

Vor uns allen – vor all jenen, für die die Worte „Volksmacht“, „Freiheit“ und „Sozialismus“ nicht nur Worte sind, sondern der Sinn von Leben und Tätig­keit, und das gilt nicht nur für uns, sondern auch für jene, die vor uns waren und die nach uns kommen werden –, in voller Größe steht vor uns allen die Aufgabe einer exakten Bestimmung der Alternativen zu einer neuen und alten rechtskonser­va­tiven Gefahr.

Diese Antwort kann sowohl revolutionär als reformistisch sein.

Zu Ersterem habe ich meine Gedanken oben geäußert. Es ist Zeit, über Letzteres zu sprechen: über ein Minimalprogramm der linken Kräfte. Doch einem positiven Pro­gramm muss der Beweis vorangestellt werden, dass ein konservatives Szena­rium – in welcher Form auch immer, sogar ein linkskonservatives – ein Weg des Rückschritts ist.



3. Auf der Suche nach einem Ausweg … aus der neoliberalen Sackgasse: Konservatismus als Rückschritt



Begeben wir uns auf den Boden der Realitäten Russlands, und beginnen wir mit dem, was offensichtlich ist (zumindest für den Verfasser und seine Genossen): die Wieder­her­stel­lung der traditionellen liberal-demokratischen Werte in ihrer früheren Art und Weise ist für die Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes nicht akzep­ta­bel.

Zum liberal-demokratischen Modell hat sich Russland verspätet (Girš [Grigorij Isaakovič] Chanin hat das irgendwann einmal anders ausgedrückt: „Russland ist zu spät zum Markt gekommen“.) Und nicht einmal heute – sondern vorgestern, zu Beginn des 20.Jahehunderts, was die siegreichen Bolschewiki verstanden hatten, deren nicht siegreiche Opponenten hatten dies aber nicht verstanden.

Wir haben uns in der Praxis davon überzeugt, dass in einem Land, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts unter Bedingungen einer absoluten Monarchie gelebt hat, das in den letzten Jahrzehnten dem Wesen nach ein militärisch-feudaler Impe­ria­lismus war und das dann zur UdSSR wurde – d.h. zu einem System, das von einem libera­len Modell ebenfalls weit entfernt war, und für das die Versuche einer Demokratisierung in der sozial-ökonomischen und außenpolitischen Krise der 1990er Jahre endeten, was aber trotzdem seine kosmischen und Kernkrafttechno­logien beibehält, was ein außerordentlich hohes Niveau des Bildungswesens und der Kultur hat, das die Traditionen der Solidarität und der sozialen Kreativität be­wahrt – in einem solchen Land den Versuch zu unternehmen, ein Modell des liberalen Marktes und der Demokratie einführen, wäre nicht nur ein Verrechen, sondern dumm.

Und nicht nur dumm, sondern ein Verbrechen wäre es aus diesem Grunde, unserer Gesellschaft ein rechtskonservatives Projekt aufzudrängen, das Russland in eine mögliche, einer reaktionären Sackgasse gleichkommenden Vergangenheit eines militärisch-feudalen Imperialismus zurückwerfen würde. Die Tragödie des Russ­ländischen Imperiums, die nicht zufällig zur Februar- und zur Oktoberrevolu­tion geführt hat, würde bei dem Versuch einer Wiederholung zu einer tragischen Farce werden, die uns allen, den Völkern unserer Heimat, teuer zu stehen käme.

Die Gründe für eine derartige Schlussfolgerung sind bekannt: ein autoritär-konser­vativer politisch-ideologischer Überbau bildet sich heraus wie eine Fassade – und wir wiederholen es absichtlich nochmals – von der Art jener sozial-ökonomischen Verhältnisse wie jener militärisch-feudale Imperialismus zu Beginn des 20. Jahr­hunderts, der berufen war, die Aufgaben der industriellen Modernisierung zu lösen. Doch weder diese Wirtschaftsordnung, noch ihre politische Form vermochten die­se Aufgabe zu lösen, denn sie taten es äußerst uneffektiv, da sie die Reprodukti­onsprozesse auf das Ziel der Festigung der Macht und der Bereicherung jener Schicht orientierten, die man heute, hundert Jahre später, als staatliche oligarchi­sche Nomenklatur bezeichnen könnte. Diese Schicht, die als politisch-wirtschaft­lich bestimmende Obrigkeit in keiner Weise von unten kontrolliert wird, ist fähig, nur Simulacren eines Kampfes für gesamtnationale Interessen zu erzeugen, wobei die Bevölkerung mit Großmachtpropaganda eingeschüchtert wird und symbolische Signale gesetzt werden, in Wirklichkeit aber nur unbedeutende geopolitische De­mar­chen benutzt werden, um die Stimmung der Bevölkerung in staatpolitischem und patriotischen Sinne zu heben. Wie aus der Theorie hervorgeht und durch die neuere Geschichte der staatlichen oligarchischen Verwaltung Russlands bestätigt wird (auch dies sei hier nochmals absichtlich wiederholt), bestehen die wirklichen Ziele dieser staatsmachtnahen „Elite“ in ihrer eigenen erweiterten Reproduktion, – d.h. der Nomenklatur selbst sowie des Eigentums und der Machorgane.

Historische Beispiele für eine erfolgreiche Modernisierung unter der Ägide einer derartigen wirtschaftspolitischen Macht liegen vor, aber sie sind bedauernswert (um nicht zu sagen – tragisch). Dies sind Beispiele aus der Geschichte der Jahre 1950-1970 aus den Ländern der Dritten Welt. Das typischste von ihnen betrifft Südkorea, wo die zweite industrielle Modernisierung (kopierend und mit einem Abstand rückwirkend von 1-2 Jahrzehnten) unter der Ägide der USA und mit rück­sichtsloser Ausbeutung der Werktätigen – 10-12-stündiger Arbeitstag, prak­tisch ohne freie Tage und mit sehr niedrigem Arbeitslohn. Nach mehreren Jahr­zehnten wurde Südkorea schließlich eines der erfolgreichen halbperipheren Länder.

Dieses Ergebnis ist für unser Land wenig wünschenswert. Und es wäre auch nicht zu verwirklichen. Denn erstens ist eine auf derartiger Ausbeutung beruhende in­du­­strielle Modernisierung nur bei Schaffung von Produktionen möglich, die auf 3-4 technologischen Wirtschaftsformen beruhen. Für eine Wirtschaft des 21. Jahr­hunderts – für eine Wirtschaft der „klugen Fabriken“ und für eine Produktion mit viel kreativer Arbeit,12 für eine Wirtschaft, deren Hauptzweige auf Bildung, Wis­sen­schaft und Kultur beruhen13, werden schöpferische Arbeitskräfte gebraucht, die ihrerseits viel freie Zeit benötigen plus ein hohes Bildungsniveau, Kultur und Raum für persönliche Entwicklung.

Zweitens, eine derartige Modernisierung in einem zurückgebliebenen Land (und die Russische Föderation ist jetzt ein zurückgebliebenes Land) ist nur unter dem Schutz einer Supermacht möglich, und eine Entwicklung als Satellit der USA oder Chinas wird von der Mehrheit nicht gewünscht.

Drittens, und selbst angenommen, dass wir durch irgend ein Wunder in einem halben Jahrhundert eine solche Modernisierung durchführen, so wird das zu der­selben Krise führen, die die Revolution im Russländischen Imperium ausgelöst hat: enge Enklaven moderner Produktion mit zu Protest neigenden (infolge von zu starker Ausbeutung) Werktätigen + ungelöste Probleme der übrigen Sektoren, in denen die Mehrheit der Bevölkerung tätig ist, + eine korrumpierte, uneffektive Oberschicht…

Wo ist da der Ausweg? Er ist bekannt und wurde von der Revolution vorge­zeichnet: wir müssen und können nicht zurück zur Demokratie gehen, sondern vorwärts – zur realen Macht des Demos, und dies nicht im früheren, sondern im modernen Sinn beider Begriffe.

Organisierte Bürger, die ständig selbst die Formen ihres gesellschaftlichen Lebens hervorbringen und aufbauen, das ist die allerabstrakteste, jedoch exakteste Formel der Macht der Bürger, die den Aufgaben der Vorwärtsbewegung adäquat ist und die nicht zurück, sondern aus der Sackgasse der quasiliberalen Formen des Spät­kapitalismus herausführt. An die Stelle des Demos treten im Rahmen dieser Form Assoziationen der Bürger, an die Stelle des die Macht garantierenden Demos treten die Systeme der von ihr entfremdeten formalen Regelungen (Gesetze, Verfahren, Beamte, Polizisten) – ihre eigene [Selbst]Tätigkeit, an die Stelle des mehr oder weniger demokratischen Staates tritt der absterbende, „einschlafende“ Staat, der zur sozial-kreativen Tätigkeit der Bürger wird.

Diesen Weg haben die Werktätigen unseres Landes vor hundert Jahren beschritten, als sie im Ergebnis es Sieges der Februarrevolution begannen, das Sowjetsystem [System der Räte] zu schaffen. Auf diese Seite der Februarrevolution wird heute keine besondere Aufmerksamkeit mehr gelegt: die übergroße Mehrheit der Intel­lektuellen beschäftigt sich mit spitzfindigem Gerede und Intrigen von Politikastern aus der Provisorischen Regierung und Anwärtern auf die Rolle eines künftigen Dik­tators. Das Wesentliche war etwas Anderes: unabhängig von den De­mo­kra­tiespielern und jenen, die wie Kornilov und Co die Absicht hatten, die De­mokratie zu beerdigen, haben sich in Wirklichkeit von unten, selbständig, kaum gebildete Bürger Russlands in Dörfern und Kleinstädten in Sibirien und in Petro­grad von sich aus ihre eigenen künftigen Machtorgane geschaffen, die Sowjets14, die die Verantwortung und die Bürde auf sich nahmen, in der Oktoberrevolution einen neuen Staat zu schaffen. Aus den Sackgassen der demokratischen Schwatz­bude und der Tatenlosigkeit gingen sie nicht zurück zur Diktatur, sondern vorwärts zu sozialer Kreativität eines neuen Staatswesens – der Sowjetunion, zu neuen sozia­lökonomischen Verhältnissen.

Ist diese Erfahrung mutiert, nicht gelungen?

Ist anstelle von größerer Demokratie als es die bürgerliche ist ein Regime mit GULAGs [mit einem Lagersystem] entstanden, mit politischer Zensur und Machtorganen einer Partei- und Staatsnomenklatur?

Sowohl ja als auch nein.

Ja, weil das politisch-ideologishe System in der UdSSR und in den anderen Räu­men des „realen Sozialismus“ weder reale Freiheit des Gedankens noch reale Handlungsfreiheit garantiert hat. Die Macht blieb in den Händen des mehr oder weniger repressiven Partei- und Staatsapparates. Maß und Formen der Unterord­nung der Bürger unter den Staat waren in den verschiedenen Ländern in den ein­zelnen Zeitabschnitten natürlich unterschiedlich (eine Sache war die Diktatur der Nomenklatur in den 1930er Jahren in der UdSSR, eine andere das politische Sy­stem in Kuba unter Führung von Fidel), aber eine reale Volksmacht wurde nir­gends verwirklicht, und in einer Reihe von Fällen gab es Entartungen zu direkter blutiger Diktatur.

Nein, weil die vom Volk losgelöste und über dem Volk stehende Nomenklatur in den Ländern des realen Sozialismus durchaus nicht nur Aufgaben zur Stärkung ih­rer eigenen Macht gelöst hat. Sie löste vorwiegend und in den meisten Ländern Aufgaben der Entwicklung des Landes als Ganzes. Sie hat sie widersprüchlich ge­löst und bei weitem nicht immer mit adäquaten Methoden (in einer Reihe von Fällen mit gegen das Volk gerichteten Methoden); sie hat sie nicht immer gelöst und nicht immer mit Erfolg, doch sie hat sie gelöst. Und wenn die politischen Rechte der Bürger in den Ländern des „realen Sozialismus“ viel stärker einge­schränkt waren als selbst in Ländern mit einer manipulierten bürgerlichen Demo­kratie, so wurden die sozial-ökonomischen Rechte der Bürger und ihre reale Einbe­ziehung in das soziale schöpferische Schaffen und in die Kultur in den besten Peri­o­den und Räumen des „realen Sozialismus“ (NÖP und „Tauwetter“ in der UdSSR) bedeutend aktiver verwirklicht, als sogar in den sozialdemokratischen En­kla­ven des Spätkapitalismus.

Und noch eine sehr wichtige Seite dieses politischen Systems: Es gestattete, Aufgaben der Mobilisierung des gesamten Volkes zu lösen. Und nicht nur mit Methoden der Diktatur und Repression, obgleich es dies auch gab. Die Heran­ziehung der Massen der Werktätigen direkt zu besonderen historisch kreativen Ereignissen, ihre Einbeziehung in sozial kreatives Schaffen, die Aufhebung von Entfremdung in ihrem gesellschaftlichen Leben, all das, was heute mit dem fast vergessenen Wort „Enthusiasmus“ bezeichnet wird, machte es möglich, in kurzer Zeit eins der besten Bildungssysteme in der Welt zu schaffen, wissenschaft­lich-technische Durchbrüche zu erzielen, große Massen für wirkliche Kultur zu gewin­nen, den Sieg über den gemeinsamen Feind der Menschheit, den Faschismus, zu erringen. Die bürgerliche manipulative Demokratie kann derartige Aufgaben nicht so schnell lösen und einige überhaupt nicht (Sieg über den Faschismus, Einbezie­hung großer Massen in wahre Kultur).

Was den Preis betrifft, so darf man bei aller absolut erforderlicher und härtester Kritik an den Verbrechen der „sozialistischen“ Nomenklatur nicht die Notwen­digkeit vergessen, genau so strikt die Verbrechen der finanz-bürokratishen No­menklatur des Kapitals zu kritisieren: über eine Milliarde notleidender absolut rechtloser Menschen in den Kolonien (bis in die 1960er Jahre!), Dutzende Milli­onen in „lokalen“ Kriegen Ermordete, Atombombrnabwürfe über friedlichen Städten, Unterstützung des deutschen, italienischen, spanischen, portugiesischen, chilenischen usw. Faschismus während des längsten Zeitraums des 20. Jahrhun­derts, all dies sind Verbrechen der bürgerlichen-demokratischen politischen Sy­steme. Eben­so wie ihre eigenen innern „Eroberungen“: die „Hexenjagden“ und die Berufsver­bote – das ist auch Praxis der „Demokratie“.

Noch eine „Nuance“ sei hervorgehoben: wir, die Anhänger des Sozialismus und der sozialen Befreiung, sprechen offen und ständig über die Notwendigkeit, alle Widersprüche und Verbrechen der sozialistischen „Nomenklatur“ in Erinnerung zu behalten und sie beim Voranschreiten zur Volksmacht nicht zu wiederholen. Doch „jene“, das heißt die liberalen und sozialdemokratischen Verteidiger der abstrakten demokratischen Werte, „vergessen“ ständig die Verbrechen und Widersprüche der bürgerlichen politischen Macht.

Und nun zur Hauptsache: welches sind die Schritte nach vorn, die man tun kann in Richtung auf mehr reale Freiheit des Menschen als unter den Bedingungen der bür­gerlichen Demokratie.

Wie ich bereits erwähnte, in diesem Abschnitt und danach, wird es um jene Refor­men gehen, die im Rahmen des Spätkapitalismus maximal möglich sind. Eine an­de­re Sache ist, dass in solchen Ländern wie dem unseren, wo die Reste der schlimm­sten Seiten des „realen Sozialismus“ (die Macht der Nomenklatur, der bürokratische Paternalismus usw.) stark sind und wo die reversive Bewegung der Geschichte eine Menge spätfeudalistische Formen wiedererstehen lässt, – in solchen Ländern sind allgemeindemokratische öko-sozio-humanitär-orientierte Reformen in ihrer Tiefe, in ihrem riesigen Umfang und in ihrer Kompliziertheit Revolutionen gleichzusetzen.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: in diesen Ländern ist es zur Verwirklichung realer Schritte auf dem Wege der sozialen Befreiung notwendig, eine signifikante Umverteilung des Eigentums, der Macht und der Einkommen vorzunehmen und die real existierenden Regelungen (Spielregeln) qualitativ zu verändern. Ich unter­streiche: diese Veränderungen bleiben in dem Maße nur Reformen, wie die Haupt­rechte am Eigentum und an den Kanälen der Macht wie bisher in den Hän­den des Kapitals und der Bürokratie verbleiben. Zu realen Reformen werden sie in dem Maße, wie ein Teil der Eigentumsrechte und der Kanäle der politischen Macht plus die Möglichkeit einer realen Beschränkung der wirtschaftlich-politi­schen Macht des Kapitals und die Kontrolle darüber in den Händen der Mehr­heit der Werk­tätigen liegen. 1



4. Es gibt Alternativen zu einem rechtskonservativen Rückschritt: Neufassung des Minimalprogramms der Linken



Was könnten das für reale Reformschritte auf dem Wege der sozialen Befrei­ung (der Aufhebung der Entfremdung) des Menschen auf politischem Gebiet sein (zur Wirtschaft haben wir uns schon mehrfach geäußert)?

Die erste und absolut notwendige Bedingung für die Vorwärtsbewegung ist die kritische Bewahrung der Errungenschaften der Vergangenheit. In diesem Falle – der Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie und des frühen politischen Libera­lis­mus. Die wichtigsten dieser Errungenschaften sind die Garantien der so genann­ten „negativen“ Freiheit, der „Freiheit von“ – vom außerökonomischen Zwang und politisch-idologischen Diktat. Diese in den Dokumenten der UNO enthaltenen Prinzi­pien müssen erhalten bleiben.

Das Zweite sind die formalen Garantien, die in den Verfassungen der bürgerlichen Staaten fixiert sind (Freiheit des Wortes, von Zusammenkünften, Versammlungen usw., die Menschenrechte); sie sind ebenso wichtig wie abhängig von jenem sozi­al-ökonomischen Inhalt, der diese abstrakten Prinzipien zu realen Freiheiten macht. Aus diesem Grunde bedeutet Verwirklichung der juristischen Rechte des Men­schen: Verwirklichung eines solchen Minimums an sozial-ökonomischen Rechten, die den Arbeitenden wie den nicht arbeitsfähigen Menschen zu einem Bürger macht, der die reale Möglichkeit besitzt, praktisch an politischen Prozessen teilzu­nehmen. Dieses Minimum ist gut bekannt. Es enthält:

  • ein garantiertes soziales Minimum (Minimallohn, Rente, Unterstützung), in Höhe von nicht weniger als 15 % des Durchschnittseinkommens vоn 10 % der reichsten Bürger des Landes; der Koeffizient der Fonds (Verhältnis des Einkommens von 10 % der ärmsten und reichsten Familien) wird in diesem Falle das Niveau der skandinavischen Länder haben – 6-7mal; die Bedin­gung der Verwirklichung dieses Imperativs ist das hohe (nicht unter 50 %) Niveau der Besteuerung der persönlichen Einkünfte der reichsten Mitglieder der Gesellschaft;

  • Garantierte Beschäftigung im öffentlichen Sektor anstelle von Arbeitslosen­unterstützung;

  • Kostenlose Ausbildung (inklusive Hochschule),Gesundheitswesen, Kultur­güter;

  • Allgemeiner Zugang zu Räumen für die Durchführung von gesellschafts-politischer und kulturell-kreativer Tätigkeit usw.;

Drittens. Begrenzung von Eigentum und wirtschaftspolitischer Macht des Kapitals. Insbesondere:

  • Schaffung komplexer Systeme von öko-sozio-humanitärer Rahmen des Marktes, deren Realisierung von der Zivilgesellschaft kontrolliert wird.

  • Entwicklung eines Systems von Beziehungen, das die Teilnahme von Mitar­beitern in der Verwaltung von Unternehmen aller Eigentumsformen garan­tiert; Pflicht zu sozialer Verantwortung des Eigentümers für die Nutzung der ihm gehörenden Ressourcen; öffentlich-staatliche Sicherung der vorrangi­gen Entwicklung verschiedener Organe gesellschaftlichen Eigentums;

  • Beschränkung der Nutzung finanzieller und anderer materieller Kapitalres­sourcen im politischen Prozess; fer­ner maximale Transparenz der Tätigkeit politischer Strukturen; öffentliche Kontrolle der Tätigkeit sowohl staatli­cher als auch privater Massenmedien (linken demokratischen Organisatio­nen wurde im letzten Jahrhundert ein breites Spektrum praktischer Schritte in dieser Richtung empfohlen).

Viertens, das Wichtigste. Herausbildung von Organen der Staatsverwaltung auf der Grundlage von Übergangsprinzipien vom Parlamentarismus zum Sowjet-[Räte]-System. Vor allem, reale Einbeziehung demokratisch gewähl­ter Vertreter der Machtorgane in die praktische Tätigkeit zur Verwaltung des Staates und zur Her­ausbildung gesetzgebender Organe auf der Grundlage von Vertretungskörperschaf­ten, die aus real agierenden gesellschaftlichen Massenorganisationen und sozialen Bewegungen zusammengesetzt sind. Unterstützung der Herausbildung von Institu­tionen der Zivilgesellschaft, die auf der Grundlage der Prinzipien der Freiwilligkeit und offen arbeitender Assoziationen aufgebaut sind; öffentliche Regulierung und Beschränkung der Tätigkeit von Institutionen der Zivilgesellschaft, die vom Kapi­tal gebil­det werden. Maximal mögliche Nutzung von Formen direkter (auch elek­tro­­nischer) Demokratie und maximal breite Ersetzung der Tätigkeit des Beam­ten­apparats durch Tätigkeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Organisatio­nen und sozialer Bewegungen.

Nochmals sei unterstrichen: die genannten Schritte sind nicht mehr (aber auch nicht weniger) als bedeutende Reformen, die auf die Entwicklung von Elementen einer Volksmacht (soziale Befreiung) im Rahmen eines spätbürgerlichen Systems gerichtet sind.

Diese Reformen sind im Rahmen des Kapitalismus nut dann zu verwirklichen, wenn sich eine Situation herausbildet, die einer revolutionären Situation nahe kommt. Wenn also, mit anderen Worten, die Krise des sozio-liberalen und des von diesem fast nicht zu unterscheidenden und fatal nach rechts gerückten sozialdemo­kratischen Projekts von der Mehrheit erkannt wird, wenn diese (libero-sozialdemo­kratischen) „Oberschichten“ endgültig ihre Unfähigkeit demonstrieren, auf die alte Weise zu regieren, wenn die reale Gefahr entsteht, dass man aus dem von diesem wirtschaftspolitischen Modell des Spätkapitalismus nicht nach vorn – zu soziali­stisch orientierten Reformen – heraus kommt, sondern nur zurück kann – in kon­servativ-reaktionärer Richtung – auf was wir später noch zurückkommen werden.

Unter diesen Bedingungen steht dann die reale Frage: wer kommt diesem bankrott gegangenen Projekt zu Hilfe? Da gibt es keine große Auswahl. Entweder die Kon­ser­vativen, die die letzten Elemente der formalen Demokratie und des sozialen Schutzes zerstören und die unter dem Deckmantel populistischer (nationalistischer, halbfaschistischer) Losungen noch rigorosere und frühere übertreffende, ihrer poli­tischen Form nach autoritäre und ihrem Inhalt nach totale Formen wirtschafts-poli­tischer Macht des korporativen Kapitals schaffen, – oder sozialistische Kräfte.

Dort und dann, wo und wenn die Linken politisch-ideologisch schwach sind, werden diese oder jene Konservative zum Sieg gelangen, und die tragischen Folgen davon werden nicht lange auf sich warten lassen.

Dort, wenn und wo die Linken stark sind und das Ausmaß der Krise nicht allzu groß ist, so dass man die „Unterschichten“ zu revolutionären Aktionen „bewegen“ kann, werden die oben beschriebenen Reformen möglich sein.

Wenn aber das Ausmaß der Krise der „Unterschichten“ für Reformen zu groß ist, rückt eine neue sozialistische Revolution auf die Tagesordnung.

Jetzt ist die Situation so, dass in den meisten Ländern kein „Kern“ einer tiefen sozi­al-ökonomischen Krise vorhanden ist, durch den das Leben eines Großteils der Bürger und vor allem der im öffentlichen Sektor tätigen durchschnittlichen Intelli­genz und des spätindu­striellen Proletariats radikal verschlechtern würde (obgleich sich die Situation in Griechenland in nächster Perspektive verändern kann). Aber es reift eine Krise der Oberschichten heran, und die Diffusion der „Mit­tel­klasse“, die Zunahme der sozialen Ungleichheit sowie die äußeren Bedrohungen – all dies kann und stellt sogar schon Fragen auf die Tagesordnung wie: Wer wird die Refor­men durchführen, die Konservativen oder die Linken, und entsprechend – in wel­che Richtung werden sie gehen: zurück, zu einer noch rigoroseren Macht des kor­po­rativen Kapitals und der Bürokratie, oder nach vorn, zur öko-sozio-humanitären Beschränkung des Kapitals?

In letzterem Fall werden solche Reformen wahrscheinlich nicht sozialdemokrati­sche Organisationen durchführen (sie haben ihre Unfähigkeit selbst bei einer teil­weisen Radikalisierung schon gezeigt), sondern die konsequent sozialistischen und die demokrtischen kommunistischen Organisationen im Bund mit den öko-sozio-humanitär-orientierten gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen (den linken Gewerkschaften, den Ökologen, den „Bildungsförderern“, den Feministen usw.) gestützt auf den linken Flügel der „einfachen“ kreativen Klasse (die Lehrer, das medizinische Personal usw.) und auf den organisierten Teil des Industrieprole­tari­ats. Doch dazu, dies sei nochmals gesagt, müssen sie konsolidiert und nicht weni­ger stark sein als die Konservativen.

In Russland entsteht eine weit widersprüchlichere Situation als in den Ländern des „Kerns“.

Erstens, Anhänger von konservativen Transformationen in unserem Lande sind die höchsten Machtorgane. Bis jetzt ist dieser Trend noch nicht stark gefestigt, aber schon bald kann er sichtbar sein und zur Verwirklichung eindeutig akzeptiert wer­den. In diesem Falle erwartet uns eine nicht unbekannte Integration des rechtslibe­ralen Kurses in der Wirtschaft mit dem rechtskonservativen Kurs im politisch-ideologi­schen und kulturellen Leben.

Zweitens, die linke Opposition, die auf sozial-ökonomischem Gebiet noch immer auf der Plattform der Sozialdemokratie von vor 50 Jahren steht (was für Russland mit unserem barbarischen halbfeudalen Kapitalismus gar nicht einmal so schlecht ist), besteht auf politisch-ideologischem Gebiet in ihrer Mehrheit aus Anhängern konserva­tiver Reformen.

Drittens aber ist zu beobachten, dass neben Äußerungen von Machtstreben und einer in den Bereich des Möglichen rückende Konsolidierung von „Weißen“ und „Roten“ immer stärker objektive Probleme auftreten. Einerseits – bergen die nun schon viele Jahre andauernde wirtschaftliche Stagnation und die sich vertie­fende soziale Ungleichheit eine Krise der „Unterschichten“ in sich. Die korrumpierte bürokratische Oberschicht, die immer we­ni­ger in der Lage ist, die Probleme der gesamtstaatlichen Verwaltung zu lösen und die ihre Lähmung durch außenpoliti­sche und Macht demonstrierende Alterna­tiven zu kompensie­ren sucht, zweifelt aber andererseits angesichts ihrer Demoralisation an ihrer Fähigkeit, das konser­vative Projekt effektiv zu verwirklichen und das Land aus der Krise heraus zu führen; daher zieht sie nach rückwärts und begibt sich immer mehr von den Wider­sprüchen des halb­peripheren Kapitalismus in die Sackgasse des militärisch-feuda­len Imperialismus, der bereits vor hundert Jahren seine Lebensunfähigkeit bewie­sen hatte, indem er zur Ursache für die Große Revolution von 1917 wurde. Russland hat keine Perspektiven auf dem Wege einer „konservativen Konve­r­genz“.

Damit stellt sich in voller Größe die FRAGE: haben die demokratischen Linken eine reale Alternative zu dieser Gefahr?

Gegenwärtig hat unser Land keine starke demokratische linke Bewegung, und das ist leider kein Zufall. Zu den Gründen für diese Situation hat sich der Verfasser dieser Zeilen schon mehrfach geäußert15, darum stellen wir die Frage anders: wie kann diese Situation geändert werden?

Leider hat der Verfasser keinen Zauberstab, und daher ist Russland leider mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in der nächsten Perspektive gezwungen, auf reversive Drift zu gehen in Richtung auf noch größere Refeudali­sierung auf politisch-ideo­logischem Gebiet und gleichzeitig stärkeres Hervortreten des Marktfundamen­ta­lismus, womit die Herrschaft der oligarchischen bürokratischen Clans auf wirt­schaftlichem Gebiet verdeckt wird.

Dieser Prozess wird jedoch keine positiven Ergebnisse zeitigen – weder für das Land als Ganzes, noch für die werktätige Mehrheit; und aus diesem Grunde wird mit der Zeit die Enttäuschung über diese Politik der Machtorgane zunehmen. Auch die Enttäuschung in der „Opposition Seiner Majestät“ wird wachsen. Aus den sich jetzt herausbildenden linksdemokratischen Gruppen der politisch aktiven Jugend und den Assoziationen der „einfachen“ Vertreter der kreativen Klasse wachsen stän­dig Keime neuer linker Initiativen. Wenn in Zukunft – und dies ist mehr als wahrscheinlich – die Unzufriedenheit mit der existierenden Situation zumindest in ein Stadium systematischer diskreter „Unterhaltungen“ übergeht (in Küchen, in sozialen Netzen, aber massenhaft), so wird eine Basis für konstruktiven Pro­test entstehen. Wenn die demokratischen Linken und die sozialen Bewegungen zu diesem Zeitpunkt genügend Organisiertheit erlangen, so wird diese Basis zu einer wirklich konstruktiven Opposition werden, die damit beginnen könnte, auf die endgültig in die Sack­gasse gegangenen Machtorgane ernsthaften Druck aus­zuüben…

Wenn dies alles nicht stattfindet, so wird vor dem Land in voller Größe die Gefahr einer rechtskonservativen Diktatur stehen.

Was die Gefahr von „Majdanen“ betrifft, die sowohl von den Machtorganen als auch von fast allen Patrioten patologisch gefürchtet wird (sowohl echte wie vermeintliche), so sollte man zumindest zwei Umstände bedenken.

Erstens. Eine Diktatur und eine stets wachsende Macht von Straforganen wenden den sozialen Protest nicht nur nicht ab; im Gegenteil, indem sie die letzten Ventile für den Unmut des Volkes schließen, schaffen sie die Grundlagen für einen wirk­lich starken sozialen Ausbruch, der einen Bürgerkrieg in sich birgt.

In diesem Zusammenhang möchte ich mir einen wichtigen Hinweis gestatten: in den meisten Fällen haben die „farbigen Revolutionen“ fast nichts am Charakter der in diesem oder jenem Land herrschenden Ordnung geändert. Überall blieb das [halb]periphere Modell des Spätkapitalismus erhalten. Ein Durchrütteln der Clans innerhalb der herrschenden korporativ-bürokratischen Nomenklatur und eine Kor­rektur in der geopolitischen Orientierung – das war eigentlich alles. Allein in der Ukra­i­­ne gab es mehr oder weniger wichtige politisch-ideologische Bewegungen in Richtung auf noch mehr Nationalismus, bis zu Elementen von Faschisierung. Zu einem wesent­lichen Ergebnis des Majdans wurde nur der Krieg im Donezbec­ken. Doch er begann, weil die Bürger dieser Region sich erhoben und versucht hatten, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Das hat letzten Endes nicht viel gebracht, unter anderem wegen des negativen Einflusses der Machtorgane Russlands und des Kapitals Russ­lands (sowie des lokalen). Doch der Beginn des Prozesses war ein selbst orga­nisierter Ausbruch von unten. Und wenn es diesen Aufstand nicht gegeben hätte und nicht den Versuch, eine volksdemokratische Revolution (mit sozialer Rich­tung!) zu beginnen, so würde die Ukraine jetzt praktisch genau so leben wie vorher mit Janukovič…

Wahre Patrioten brauchen die Majdane also nicht zu fürchten, wenn sie die Macht der korrumpierten Janukovičs konservieren, sie müssen sich vielmehr auf den Kampf gegen die sich zersetzenden Machtorgane vorbereiten, wie dies die Bürger im Donezbecken getan haben, als sie selbst von unten, in eigener Organisation ihre Probleme zu lösen begannen – ohne auf die wertvollen Hinweise von ängstlichen und käuflichen staatlichen Funktionären gesamtnationaler und regionaler Ebene zu warten, von denen sie verraten worden waren.

Die Ukraine der letzten Jahre hat nicht nur und sogar weniger die Gefahr von Majdanen gezeigt als vielmehr die Kraft und Bedeutung des Volksaufstandes des Donezbeckens und der direkten Demokratie der Krim.

Es sei daran erinnert: die Krim kam zu uns in bedeutendem Maße durch die Ent­schlossenheit der Bürger der Halbinsel, unter den sehr komplizierten und gefährli­chen Bedingungen, auf ein Referendum einzugehen und „ja“ zu sagen zu einer Art „geo­politischer Revolution“ – einer qualitativen Veränderung des Status ihrer kleinen Heimat unter Bedingungen, wo noch keiner wusste, wie Russland reagie­ren würde und ob sie nach dem Referendum nicht eine Massen“bereinigung“ oder ein Bürger­krieg erwarten würde.

Zweitens. Das Nicht-Vollziehen herangereifter sozial-ökonomischer und politisch-ideologicher Veränderungen (ob das eine Revolution ist oder konsequente und ent­schiedene Reformen) führt fast immer nicht nur zu politischer Reaktion, son­dern auch zu einem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rückschritt, bis hin zu gesamtnationalen Katastrophen. Dafür gibt es unzählige Beispiele, ich möchte aber nur auf eins eingehen: Der Nicht-Vollzug einer sozialistischen Revolution (oder zumindest konsequenter sozialdemokratischer Reformen im Stil von Roo­se­velt) im Deutschland des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts führte für dieses Land zum Sieg der nationalsozialistischen Diktatur. Ja, zu Anfang brachte dies einen Scheinerfolg (die Wirtschaft Deutschlands entwickelte sich unter Hitler aktiv, und der Wohlstand der Kleinbürger wuchs), doch schon sehr bald verwandelte sich die­ser Erfolg in eine entsetzliche Tragödie für die Menschheit, und dann für Deutsch­land und seine Bürger selbst; und alle, die direkt oder indirekt zum Sieg des Hit­le­rismus beigetragen hatten, wurden für Jahrzehnte wenn nicht für die Ewigkeit mit nie zu löschender Schande bedeckt.

Wollen wir, dass unsere Heimat ein solches Schicksal ereilt?





1 Siehe das Buch Buzgalin А. Kolganov А. 10 mifov öb SSSR [10 Mythen über die UdSSR]. Moskau, 2010 [2. Auflage, Moskau, 2012] (die Kapitel: „Mythos 9. Die UdSSR als Verkörperung der sozialistischen Idee? Die soziale Kreativität der Werktätigen versus Stalinherrschaft. (Brief an junge Stalinisten“), „Mythos 10. Über die Zerstörer der UdSSR. Die Gründe für den Zerfall der UdSSR: Die Stalinherrschaft und der mutante Sozialismus (Version 1), „Warum ist der stalinsche Sozialismus zu Grunde gegangen? (Version 2). Zur Einschätzung des sozial-ökonomischen Charakters der Gesellschaft sowjetischen Typs“.)

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22Der Terminus „peripheres Imperium“ wird zum Beispiel in den Büchern von B.Ju. Kagarlickij verwendet. Siehe Kagarlickij B.Ju. Ot imperii k imperializmu [Vom Imperium zum Impe­rialismus]. Der Staat und die Entstehung der bürgerli­chen Zivilisation. 2., überarbeitete Ausgabe. Moskau, Lenand, 2015. (1. Ausga­be, Moskau, GU VŠĖ 2010; Kagarlickij B.Ju.: Periferijnaja imperija [Das periphere Imperium] Russland und das Weltsystem. 3., überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Moskau, Librokom 2012 (4. Ausgabe, Moskau, Lenand, 2016).



3 Wir möchten dem Leser die berühmte sehr bildhafte Äußerung des Kolumnisten von The New York Times Thomas Fried­man ins Gedächtnis rufen, dass die un­sicht­­bare Hand niemals ohne unsichtbare Faust tätig werden kann: d.h. dass McDonald’s nicht ohne den Flugzeugbauer von F-15 McDonall Douglas prosperieren kann. Und die unsichtbare Faust, die in der Welt die Sicherheit für die Technologien des Silikontals gewährlei­stet, heißt US-Armee: Luftstreit­kräf­te, See­streitkräfte und Marine. (Siehe Friedman Th. A Manifesto for the Fast World // New York Times. March 28, 1999. Online-Version: URL:http://www.nytimes.com/1999/03/28/magazine/a-manifesto-for-the-fast-world.html. Der Artikel beruht auf dem Buch von Th. Friedman «The Lexus and the Olive Tree: Understanding Globalization».

4 Eine Kritik des Großmachtprojekts für Russland und eine Begründung der Möglichkeit für eine neue, sozial-kulturelle „Expansion“ unseres Landes enthält der Artikel: Buzgalin А., Kolganov А. „’Serye prichodjat v sumerkach“ [Die „Grauen“ kommen in der Dämmerung] // Al’ternativy. 2006. № 1. S. 4–47, russ.

5 In der Zeitschrift „Al’ternativy“ wurde diese These auch mehrfach vertreten. Siehe Zlobin N.S. „Kommunizm kak kul’tura“ [Der Kommunismus als Kultur] // Al’ternativy. 1995. № 1. S. 2–27, russ; Меžuev V. М. „Socializm kak prostranstvo kul’tury“ [Sozialismus als Raum der Kultur] // Alternativy. 1999. № 2. S. 2–37, russ.. Die These vom Kommunismus als Welt gemeinsa­mer Kreativität entwickelte der Verfasser u.a. in den Büchern „Buduščee kommunizma“ [Die Zukunft des Kommunismus] (Moskau, 1995) und „Po tu storonu carstva neobchodimosti“ [Jenseits des Reiches der Notwendigkeit] (Moskau, 1998).

6 Siehe Chazanov V.E. Die Grundlagen des sozialen Optimismus. Die Welten des Ivan Efremov und die Wege der Menschheit in die Zukunft. Moskau, Komkniga, 2006; Kolganov A. Ein seltenes Genre; Utopie // Alternativy. 2005. № 2. S. 199–205, russ.

7 Die Polemik mit V. Mežuev zu den unten genannten Fragen findet sich in den Arbeiten von B.F. Slavin. Siehe Mežuev V., Slavin B.Dialoge über Sozialismus. Moskau 2001; Slavin B. Flucht vor der Realität, oder Die neue Theorie des Sozialismus des Vadim Mežuev // Al’ternativy. 1999. № 4. S. 79–108, russ.

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8 Eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit und eine Übersicht über eine Reihe von Arbeiten zu Problemen der Wirtschaft der Zukunft enthält der Artikel: Buzgalin A., Kolganov А. Der Sozialismus nach dem „Sozialismus“: Antworten auf die Her­aus­forde­rungen der Neoökonomik. // Al’ternativy. 2006. № 4. S. 4–37, russ. Siehe auch: Buzgalin A.V. Die Renaissance des Sozialismus, Moskau, 2003.

9 Wir erinnern daran, dass die im Marxismus übliche Periodisierung der Entwicklung der Menschheit nach dem Kriterium von Herrschaft/Aufhebung der materiellen Produktion und der Verhältnisse der Entfremdung es gestatten, zwei große Epo­chen her­vor­zuheben: (1.) das „Reich der Notwendigkeit“, das eine „ökonomische Gesellschaftsformation“ bildet, die Epoche der „Vorge­schichte“, und (2.) das „Reich der Freiheit“, das „jenseits der eigentlichen materiellen Produktion“ liegt, im Raum der Zeit der „Geschichte“. Friedrich Engels hat die Besonderheiten des „Sprungs der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ so charakterisiert: „Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenpro­duk­tion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herr­schaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüber­stand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“ Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), Marx/Engels Werke, Bd. 20, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 264.

10 Der Beitrag W.I. Lenins zu diesem Problem ist u.a. in dem Buch von N.S. Zlobin „Kul’tura i obščestvennyj progress“ [Kultur und gesellschaftlicher Fortschritt] (Moskau, 1979) dargestellt.

11 Der russischsprachige Begriff “razotčuždenie” ist von L.A. Bulavka in den wissenschaftlichen Umlauf eingebracht worden. (Siehe Bulavka L. А. Sovetskaja kul’tura kak ideal’noe kommunizma [Die sowjetische Kultur als das Idesale des Kommunismus] // Kritičeskij marksizm [Kritischer Marxismus] Moskau, 2000).

 

 

12 Die These von der vorrangigen Entwicklung wissensintensiver Produktion wurde in Arbeiten von S.D. Bodrunov aufgestellt und ausargumentiert: (Siehe Bodrunov S.D. Grjaduščee. Novoe industrial’noe obščestvo. Peregruzka [Die Zukunft. Die neue Industriegesellschaft. Umladen] Moskau. Kul’turnaja revoljucija, 2016; Ders. Über einige Fragen der Evolution der wirtschaftlich-sozialen Ordnung der Indusriegesellschaft der neuen Generation. // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. [Wirt­schaftliche Renaissance Russlands] 2016. № 3). Im Dialog mit D.B. Džabborov hat der Verfasser dieses Textes eine etwas andere Formulierung vorgeschlagen: vorrangige Entwicklung kreativ-intensiver Produktion (siehe Džabborov D.B. Auf Wissen beruhende Reindustrialisierung und Wirtschaft: das Potential bei der Lösung von Problemen der gesellschaftlichen Entwicklung // Ėkonomičeskoe vozroždenie Rossii. 2015. № 1).

 

13 Kolganov А.IBuzgalin А.V. Reindustrialisierung als Nostalgie? Polemische Bemerkungen über Zielakzente einer alternativen sozial-ökonomischen Strategie // Sociologičeskie issledovanija. 2014. № 3.



14 Es sei daran erinnert, dass bereits während der Revolution von 1905 begonnen wurde, Sowjets zu gründen. Über den Charakter und die Rolle der Sowjets hat u.a. M.P. Rubinčik-Aleksandrova in den letzten Jahren zahlreiche interessante Arbeiten verfasst.

15 Siehe Buzgalin A.V. Traurig schaue ich auf die linke Bewegung // Al’ternativy. 2015. № 3.