DISKUSSION ÜBER LENIN: ZWEI LINIEN

G.S. Biske

 

Diskussion über Lenin: Zwei Linien

Letzte Eindrücke vom Runden Tisch

 

Am 16. April 2016 fand im Plechanov-Haus der Russischen Nationalbibliothek (St. Petersburg) ein Runder Tisch statt, an dem einige bekannte Historiker, Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler - auch aus Moskau – teilnahmen: Vertreter der Zeitschrift “Istorik“ [Der Historiker] und des Instituts für sozialökonomische und politische Forschungen sowie auch Mitglieder der Bewegung „Alternativen“und weitere interessierte Hörer. Diskutuert wurde das Thema „Lenin und die Revolution“. Der hundertste Jahrestag der Rückkehr V.I. Lenins nach Petrograd nach der Februarrevolution ist erst in einem Jahr. Es war also keine Jubiläumsdiskussion, und außerdem hatten sich an dem Tisch auch Personen mit einem recht breiten Spektrum von Überzeugungen zusammengefunden.

Hier also einige frische Eindrücke von dem Runden Tisch, die etwas über den Rahmen einer Versammlung hinausgehen.

In den Meinungen unserer Patrioten über die Tätigkeit V.I. Lenins und die Praxis der Bolschewiki traten zwei unterschiedliche Linien hervor. Die antikommunistischen Liberalen lassen wir beiseite, für sie ist Lenin ohnehin ein direkter Klassengegner, und er hat die Liberalen auch selbst nicht geliebt, da sie unter Freiheit nur das Geld verstehen.

Die erste Linie besagt: Lenin sei ein begabter Polittechnologe gewesen, der die Machteroberung zur Aufgabe erklärt hatte und zu diesem Zweck Netzwerke für die Parteiarbeit aufbauen und dann günstig verkaufen wollte, der an ausländische Mittel herankommen und Einfluss gewinnen wollte, wofür er einen günstigen Moment abzupassen suchte. Außerdem habe Lenin die Absicht gehabt, den russischen Staat zu zerstören und diesen ebenso wie die Länder der Entente um die Früchte eines militärischen Sieges zu bringen. Besonders deutlich klang dies bei A.A. Martynov durch, insgesamt aber ist dies oft bei prominenten Patrioten zu beobachten.

Die zweite Linie scheint dem völlig entgegengesetzt zu sein: Lenin sei ein prima Kerl gewesen, ein Talent, jedoch in einem ganz anderen Sinne: er habe sich rechtzeitig vom Marxismus getrennt, habe die Teufel und die Russophoben abgeschüttelt und sich auf den Standpunkt der Verteidigung der nationalen Interessen gestellt. Im Ergebnis sei es ihm gelungen, die richtigen Losungen aufzustellen, das Bodenprogramm der Sozialrevolutionäre zu übernehmen und schließlich das russische Imperium mit geringen Verlusten zu restaurieren. Das habe Stalin dann auf dem gleichen Wege gefestigt und fast in denselben Grenzen wieder hergestellt. Dann aber hätten sich die Teufel und die Russophoben erneut eingemischt… usw. Früher wurde dieses Thema am stärksten von S.G. Kara-Murza entwickelt, doch derartige Motive klangen auch am Runden Tisch durch.

Die eine wie die andere Linie ist schief, die erste jedoch in größerem Maße. Es existieren aber auch noch Menschen, die die Interessen der breiten werktätigen Massen, insbesondere der ausgebeuteten und unterdrückten Schichten, konsequent vertreten. Es gibt sogar viele solcher Menschen. Und dass es sie gibt, ist fast ein Naturgesetz: eine gesunde Population braucht Altruisten. Während aber eine kleine Population (ein Stamm, ein Volk) Patrioten benötigt, so braucht die Menschheit Kommunisten – die Zeit ist jetzt schon längst reif, um diesen Maßstab anzulegen. Die Menschheit braucht Internationalisten, um dieses gewichtige Wort zu benutzen. Patrioten vergessen bisweilen, dass es im Ausland auch Patrioten gibt. So geschieht es, dass russische Patrioten leicht in Raufereien geraten – mit amerikanischen, türkischen und jetzt sogar mit ukrainischen. Leider sind derartige Rauferien ebenfalls ein uraltes Naturgesetz, das jetzt aber überwunden werden muss. Und Lenin war einer der ersten Altruisten, der entschlossen versucht hat, dies zu tun – das Feuer zu löschen und nicht zu entfachen. Vereinigt euch, Proletarier, Intellektuelle und ihr alle, die ihr nutzbringende Arbeit leistet; jetzt ist nicht nur das Vaterland in Gefahr, sondern die Erde! Und in hundert Jahren wird die Gefahr nicht geringer.

Eben ein solcher Mensch war Lenin, und noch dazu ein hervorragender Stratege und ein Taktiker (kein Technologe – Technologie kann man Verkäufern überlassen), der es verstand, unter sich rasch verändernden Bedingunen die Interessen der breitesten werktätigen Schichten herauszufinden. Die Bauern, die zweihundert Jahre lang kein Land besaßen, sollen Grund und Boden bekommen. Die Soldaten, die es müde waren, im Dreck zu hocken und ihr Leben für wer weiß was zu opfern, mögen rufen „Weg mit Eurem Krieg!“ Die unterdrückten nationalen Randgebiete sollen das Recht auf Selbstbestimmung erhalten und die Dinge selbst in die Hamd mehmen; wir aber werden die dortigen Werktätigen in Erinnerung behalten und ihnen solidarisch zur Seite stehen. Eine bürgerliche Revolution? – Gut, wir werden die Aufgaben von Bildungswesen, Kultur und Erziehung der Klasse zu lösen versuchen. Beginnt in Deutschland schon die sozialistische Revolution? – Dann muss in erster Linie Deutschland unterstützt werden, auf ihm liegt die Hoffnung! Ist die Revolution fehlgeschlagen? Für diesen Fall wird ein eigenes starkes Land gebraucht und eine eigene Staatsmacht, auch wenn es vorübergehend noch eine eigene Bourgeoisie gibt, man muss sie nur an der Leine halten.

Man soll jedoch keine guten Ratschläge erteilen, wenn man nichts von der Sache versteht, wovor Lenin des Öfteren mit einem Beispiel aus der Folklore von unnützen Empfehlungen für die Durchführung eines Trauerzugs gewarnt hat.